Beschreibung
Empirische Untersuchungen kritischer Lebensereignisse wie Verlusterfahrungen, Gewalterleben oder andere biografische Störungen sind ethisch zu fundieren. Hierzu schlägt der Autor eine Brücke zwischen normativ-theoretischen Reflexionen und forschungspraktischen Anregungen. Am Beispiel typischer Herausforderungen des Untersuchungsfeldes werden für die Phasen vor, während und nach der Datenerhebung konkrete Handlungsorientierungen erarbeitet.
Der Autor behandelt dabei Fragen wie: Welchen Werten und Prinzipien soll Forschung zu kritischen Lebensereignissen folgen? Begünstigt partizipative Forschung sozial erwünschte Ergebnisse? Wie kann potenziellen Belastungen Forschungsteilnehmender oder einer Betroffenheit von Forschenden begegnet werden? Wem steht die Deutungshoheit in dem eher defizitorientierten Forschungsbereich zu?
Der Autor:
Prof. Dr. Frederic Vobbe, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Technische Hochschule Köln
Die Fachbereiche:
Soziologie, Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaft







Sarah Weber –
Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung – ein Thema, das lange zu wenig systematische Aufmerksamkeit erhalten hat. Frederic Vobbes „Kompaktmanual“ schließt diese Lücke nun.
Der Autor nimmt vor allem Bezug auf Studien, die Krisen und kritische Lebensereignisse von Menschen untersuchen, und verdeutlicht die daraus entstehenden ethischen Herausforderungen gleich zu Beginn am Beispiel seiner eigenen Forschung mit Grundschüler*innen zu biografischen Themen – in einer Zeit, in der es noch wenige verbindliche Leitlinien gab.
Gerade bei der Forschung mit vulnerablen Gruppen kommen wir nicht umhin, Erhebungsinstrumente, Interviewführung und den Umgang mit erhobenen Daten (etwa bei der Aufbereitung als Sekundärdaten) kontinuierlich zu reflektieren und kritisch zu überprüfen. Vobbe macht deutlich: Sensibilität und verantwortungsvolles Forschen sind keine rein individuelle Aufgabe – sie betreffen ebenso die Institutionen, in denen Forschende sich bewegen.
Das Buch ist schlank, aber gut strukturiert, und greift erstaunlich viele relevante Aspekte auf. Besonders wertvoll ist, dass Vobbe auch die Frage adressiert, wie weniger erfahrene Forschende – etwa Studierende – bei der Untersuchung von Krisen und kritischen Ereignissen sinnvoll angeleitet und begleitet werden können. Hilfreiche Infoboxen mit konkreten Beispielen lockern den Text immer wieder auf.
Ein kleiner Vorbehalt sei dennoch erlaubt: Das Buch nennt sich „Orientierungshilfe“ und „Kompaktmanual“, ist jedoch stellenweise sehr akademisch gehalten – Begriffe wie „eudaimogenetisch“ (S. 35) mögen fachlich präzise sein, können aber gerade weniger erfahrene Forschende ins Stolpern bringen. Aus meiner persönlichen Sicht wünschenswert wäre beispielsweise ein durchgehendes (fiktives) Forschungsprojekt als roter Faden durch das gesamte Buch gewesen – so ließen sich auch abstrakt klingende Konzepte immer wieder an einem konkreten Fall festmachen und würden für die Einsteiger*innen ins Thema greifbarer werden.
Dies schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum: ‚Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung‘ ist ein wichtiges und überfälliges Buch, das ich unbedingt zur Lektüre empfehle – für erfahrene Forschende ebenso wie für alle, die qualitative Studien zu sensiblen Themen planen oder begleiten.
Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten.