Inhalt
PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur
2-2025 (Heft 179): Digitalisierung und der Süden
Nachruf
Rita Schäfer: Ruth Weiss (1924-2025) (im Open Access verfügbar)
Zu diesem Heft. Digitalisierung und der Süden
Schwerpunkt
Erich Pawlik: Der Digitale Kapitalismus auf dem Weg in den Globalen Süden
Daniel Künzler: Digitalisierung der Sozialpolitik in Kenia. Zu den trügerischen Versprechungen der biometrischen Identifizierung (Debatte)
Lilija Wedel: Digitale Erfahrungen und Interessen im postsowjetischen Zentralasien
René Haras: Der Digital Divide – eine Barriere für informelles Lernen?
Caterina Rohde-Abuba / Kristina Kreuzer: Kidfluencing als digitale Kinderarbeit? Zur Kommodifizierung und Kommerzialisierung von Kindheit im Internet (im Open Access verfügbar)
PERIPHERIE-Stichwort
Erich Pawlik: Large Language Models
Interview
Africa Kiiza / Andreas Bohne: Interview Digitalisierung: Entwicklung zur Unterentwicklung. Africa Kiiza im Gespräch mit Andreas Bohne über den digitalen Kapitalismus in Ostafrika und die Parallelen zum historischen Kapitalismus
Rezensionen
Reinhart Kößler: Suren Pillay (Hg.): On the Subject of Citizenship. Late Colonialism in the World Today
Rita Schäfer: Saleem Badat & Vasu Reddy (Hg.): Research & Activism. Ruth First & Activist Research
Matin Baraki: Natalie Amiri: Der Nahost-Komplex. Von Menschen, Träumen und Zerstörung
Reinhart Kößler: Matthias Häussler: Staatlichkeit und Gewalt im kolonialen Namibia (1883-1915). Akteure und Prozesse
Reinhart Kößler: Nicola Brandt: The Distance Within
Andreas Bohne: Saman Hamdi: Hip Hop’s Organic Pedagogues. Teaching, Learning, and Organizing in Dakar and New York – Between Non-Profits and Social Movements
Judith Altrogge: Susanne U. Schultz: „Failed“ Migratory Adventures? Malian Men Facing Conditions Post Deportation in Southern Mali
Joachim Möller: Sascha Regier: Den Staat aus der Gesellschaft denken. Ein kritischer Ansatz der Politischen Bildung
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebühr): peripherie.budrich-journals.de
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Abstracts
Der Digitale Kapitalismus auf dem Weg in den Globalen Süden (Erich Pawlik)
Die digitale Technologie gilt als Hoffnungsträger für die Erneuerung des Kapitalismus, der mit zahlreichen Krisen zu kämpfen hat. Im Globalen Süden geht die Digitalisierung über die reine Rohstoffgewinnung und die Ausbeutung von Arbeitskräften hinaus: Es sollen auch neue Märkte erschlossen werden. Dieser Aufsatz argumentiert, dass das Verständnis dieser Entwicklung eine Untersuchung des Zusammenspiels zwischen technologischem Fortschritt, Machtdynamiken und sozialem Wandel erfordert – ein Aspekt, der in der kritischen politischen Ökonomie häufig übersehen wird. Ursprünglich wurde das Internet von seinen Erfinder:innen und frühen Nutzer:innen als Instrument zur Förderung einer freien und demokratischen Zukunft beworben. Es sind jedoch neue globale Machtstrukturen entstanden, die sich durch Allianzen zwischen digitalen Kapitalist:innen und zunehmend autoritären Staaten auszeichnen. Im Globalen Süden hat die Digitalisierung zum Aufstieg einer wachsenden Mittelschicht beigetragen, deren Lebensstil dem der Mittelschicht in den Industrieländern ähnelt. Diese Mittelschicht dient sowohl als Zielgruppe als auch als Vehikel für neue Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit dem digitalen Kapitalismus. In diesen transformierten Gesellschaften bestehen Überreste der kolonialen Vergangenheit in modifizierter Form fort und tragen zu einer kapitalistischen Entwicklung bei. Dazu zählen anhaltende Machtverhältnisse, die Umgestaltung lokaler Kulturen zum Vorteil kolonialer Interessen, die Unterdrückung und Auslöschung lokalen Wissens und die Fortsetzung sozialer Ungleichheit. Außerdem rücken der Vormarsch des Überwachungsstaates und weitere Elemente des digitalen Autoritarismus immer weiter in den Vordergrund. Angesichts des globalen Charakters des digitalen Kapitalismus erfordert die Förderung solidarischer Perspektiven ein globales Netzwerk lokaler Initiativen, das die oft vorherrschende Silo-Mentalität überwinden kann. Schlagwörter: Digitalisierung und Globaler Süden, Digitale Technologie und Macht, Geschäftsmodelle, Mittelschichten, Digitaler Autoritarismus
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Digitalisierung der Sozialpolitik in Kenia. Zu den trügerischen Versprechungen der biometrischen Identifizierung (Daniel Künzler)
Der Debattenbeitrag gibt einen aktuellen Einblick in die Umstellung der Sozialpolitik in Kenia auf datengestützte Personenerfassung. Seine Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass sich die Versprechungen der Nutzung biometrischer Identifizierung in vielerlei Hinsicht als trügerisch erwiesen haben.
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Digitale Erfahrungen und Interessen im postsowjetischen Zentralasien (Lilija Wedel)
Digitale Technologien transformieren weltweit Gesellschaften und Staatlichkeit – auch in den zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgistan und Tadschikistan. Diese Prozesse verlaufen jedoch uneinheitlich und spiegeln regionale Unterschiede in politischen Zielsetzungen, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Offenheit wider. Der Beitrag analysiert vergleichend, wie digitale Produkte und Infrastrukturen in den fünf Staaten integriert, reguliert und genutzt werden. Im Fokus stehen staatliche Digitalstrategien, privatwirtschaftliche Entwicklungen sowie digitale Praktiken in Bildung, Zivilgesellschaft und Erinnerungskultur. Methodisch basiert die Studie auf einer qualitativen Auswertung von Strategiepapieren, Medienquellen und Expert*innenbeiträgen. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf regionaler Ebene herauszuarbeiten, ohne auf vereinfachende, westzentrierte Vergleichsmaßstäbe zurückzugreifen. Eine kritische Reflexion gängiger Digitalisierungsnarrative ermöglicht eine nuancierte Einordnung Zentralasiens in globale Transformationsprozesse. Die vergleichende Perspektive eröffnet zudem Einsichten in postkoloniale Dynamiken und neue geopolitische Konstellationen im digitalen Zeitalter. Schlagwörter: Postsowjetisches Zentralasien, Digitalisierung, digitale Technologien und soziale Medien, Globalisierung, gesellschaftliche Transformationen, Medienzensur
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Der Digital Divide – Eine Barriere für informelles Lernen? (René Haras)
Die Nutzung von digitalen Medien eröffnet Möglichkeitsräume für informelles Lernen und beeinflusst informelle Lernprozesse. Die bestehende Digital-Divide-Forschung sieht einen uneingeschränkten Zugang zu digitalen Medien als Voraussetzung, um von den Möglichkeiten neuer Technologien zu profitieren. Diese Fallstudie prüft, ob trotz benachteiligter Ressourcenausstattung informelle Lernmöglichkeiten mit digitalen Medien stattfinden können. Sie identifiziert Möglichkeitsräume für informelles Lernen bei der Nutzung digitaler Medien im Alltag. Dazu analysiert sie in einer qualitativen Inhaltsanalyse Videoepisoden von Anwendungssituationen mit digitalen Medien in Kenia. Die Ergebnisse zeigen, dass der Digital Divide keine externe Barriere für informelle Lernmöglichkeiten darstellen muss. Abgeleitet aus den Bedürfnissen der NutzerInnen können Zugangsbarrieren minimiert und Möglichkeitsräume für informelles Lernen geschaffen werden. Abschließend formuliert sie mögliche Implikationen für die Forschung und die Praxis zur Förderung informellen Lernens mit digitalen Medien. Schlagwörter: digitale Ungleichheiten, Informelles Lernen, digitale Medien, qualitative Inhaltsanalyse, Kenia
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Kidfluencing als digitale Kinderarbeit? Zur Kommodifizierung und Kommerzialisierung von Kindheit im Internet (Caterina Rohde-Abuba & Kristina Kreuzer)
Der Begriff „Kidfluencer“ bezieht sich auf Kinder und Jugendliche, die durch das Erstellen und Teilen von Inhalten auf Social-Media-Plattformen an Popularität gewonnen haben. Kidfluencing kann stark kommerzialisiert sein und verschiedene Markenkooperationen, Sponsoring und andere kommerzielle Unternehmungen umfassen. Basierend auf einem theoretischen Rahmen, der die Perspektive von Kindern als sozialen Akteuren im digitalen Bereich mit soziologischen Ansätzen zu akzeptabler bzw. potenziell ermächtigender child work und zu schädlicher und ausbeutender child labour verbindet, analysiert dieser Beitrag das Phänomen Kidfluencing anhand von Fernseh- und Online-Dokumentationen über deutschsprachige Kidfluencer und ihre Eltern sowie einer netnografischen Analyse ihrer Social-Media-Konten. Die Analyse zeigt, dass beim Kidfluencing altersspezifische Praktiken von Freundschaften und Freizeitgestaltung digital kommerzialisiert werden, um Traffic in sozialen Medien zu generieren und Werbekontexte für Produktplatzierungen zu schaffen. Kidfluencer sind ein wichtiger Bestandteil digitaler Lieferketten und führen oft alle Aufgaben der Inhaltserstellung selbst aus. Aspekte der Kommerzialisierung werden jedoch in der Regel zwischen Eltern und Fachleuten ausgehandelt, was zu einem Risiko der Ausbeutung von Kindern führen kann. Schlagwörter: Kidfluencer, Kinderarbeit, Digitalität, Kommodifizierung von Kindheit, digitale Arbeit, Kinderrechte
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PERIPHERIE-Stichwort: „Large Language Models“ (Erich Pawlik)
Das PERIPHERIE-Stichwort führt in „Large Language Models“ ein. Er betont, dass auch diese nur mit Zahlen arbeiten können, und erläutert, wie sie funktionieren und welche Herrschaftsverhältnisse sie reproduzieren.
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Digitalisierung: Entwicklung zur Unterentwicklung. Africa Kiiza im Gespräch mit Andreas Bohne
Das Interview mit dem ugandischen Entwicklungsökonomen Africa Kiiza rundet den Schwerpunkt ab. Mit Blick auf die beiden ostafrikanischen Länder Kenia und Uganda umreißt Kiiza die Charakteristika des digitalen Kapitalismus, die sich wenig von den Ausbeutungsstrukturen des „historischen Kapitalismus“ oder des modernen digitalen Kapitalismus der Industrieländer unterscheiden.
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