Inhalt
FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft
2-2024: Grenzüberschreitungen, Band 1: Die politische Dimension
Editorial
Patrick Arnold / David Johannes Berchem / Nina Dorafschan / Jochem Kotthaus: Grenzüberschreitungen
Beiträge
Micha Neumann: Antisemitismus als Grenzüberschreitung? Formen und Funktionen von antisemitischer Kommunikation in Fußball-Fankulturen
Jonas Biel / Tobias Finger: Identität und sozialer Zusammenhalt im Fußball zwischen Europäisierung und Kommerzialisierung
Janina Rostek / David Johannes Berchem: Die Grauen Wölfe als Identitätsanker im Fußball. Reflexionen über die Normalisierung türkischen Ultranationalismus, menschenfeindlicher Weltbilder und die Herausforderungen für die politische Bildung
Lea Sorg: Zur Konstruktion des ‚Anderen‘ im Fußball: Implikationen für politische Bildung
Rachel Etse: Zwischen Provokation, Verhöhnung und Herabwürdigung: Beleidigungskultur im deutschen Männerfußball
Franz Konietzky: Mit Kulturkampf und Aufklebern: Geistige Raumergreifungsstrategien der extremen Rechten im Fußball
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebühr): fug.budrich-journals.de
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Abstracts
Antisemitismus als Grenzüberschreitung? Formen und Funktionen von antisemitischer Kommunikation in Fußball-Fankulturen (Micha Neumann)
Antisemitismus ist im Fußball nach wie vor ein virulentes Phänomen, das insbesondere innerhalb von Fankulturen in Erscheinung tritt. Dort äußert er sich unter anderem in der Beschimpfung von Gegnern als „Juden“, in der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen oder durch antisemitisch codierte Zuschreibungen. Der Beitrag untersucht diese Ausdrucksformen, indem die Strukturen für Diskriminierung in Fankulturen beleuchtet und antisemitische Äußerungen sowie Handlungen anhand sozialpsychologischer Theorien als Grenzüberschreitungen auf drei verschiedenen Ebenen analysiert werden. Dabei zeigt sich, dass Antisemitismus im Fußball keine beliebige Abwertung darstellt, sondern spezifische Funktionen erfüllt. Er macht nicht nur individuelle Ressentiments sichtbar, sondern verweist auch auf kollektive Dynamiken und gesellschaftliche Widersprüche. Ziel der Analyse ist es, ein vertieftes Verständnis von Antisemitismus im Fußball zu fördern und darauf aufbauend gezieltere Präventions- und Interventionsstrategien entwickeln zu können. Schlüsselwörter: Antisemitismus, Fußball, Fankultur, Sozialpsychologie, Rechtsextremismus
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Identität und sozialer Zusammenhalt im Fußball zwischen Europäisierung und Kommerzialisierung (Jonas Biel und Tobias Finger)
Vor dem Hintergrund der vielfältigen Bedrohungen der europäischen Integration, mit denen sich Europa und die EU konfrontiert sehen, wird die Suche nach Wegen zur Förderung einer gemeinsamen europäischen Identität und des sozialen Zusammenhalts in Europa immer dringlicher. Dieser Beitrag zeigt, dass der Fußball im Europa der „Polykrise“ ein einzigartiges, aber bedrohtes Potential für friedliche, konstruktive und verstetigte Grenzüberschreitungen besitzt. Der vormals primär national orientierte Clubfußball wurde im Zuge seiner Europäisierung stark entgrenzt und von nationalen Bezugsrahmen entkoppelt. Wiederholte, niedrigschwellige Kontakte und Interaktionen, unbewusste Rezeption europäischer Stimuli und der bewusste grenzüberschreitende Austausch führen zu einer speziellen, habituellen Sozialisation von Fans mit Europa. Der Fußball verändert, wie Fans Identifikation, Zugehörigkeit und sozialen Zusammenhalt in Europa konstruieren. Allerdings vollziehen sich diese Mechanismen im Kontext eines stark kommerzialisierten und globalisierten Fußballs, in dem das europäisch identitätsstiftende und sozial verbindende Potential nur mit echter Inklusion von Fans und tiefgreifenden Reformen gewahrt werden kann. Schlüsselwörter: Fußballfans, Europäisierung, Europäische Integration, Europäische Identitäten, Sozialer Zusammenhalt
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Die Grauen Wölfe als Identitätsanker im Fußball. Reflexionen über die Normalisierung türkischen Ultranationalismus, menschenfeindlicher Weltbilder und die Herausforderungen für die politische Bildung (Janina Rostek und David Johannes Berchem)
Der Einfluss der so genannten „Grauen Wölfe“ bzw. des türkischen Ultranationalismus auf junge Menschen im Fußball stellt in vielerlei Hinsicht ein Forschungsdesiderat dar. Dies verwundert in einer mehrfach fragmentierten Migrationsgesellschaft deshalb, weil die extrem rechten Ideologien sowie die rassistischen und antisemitischen Ungleichwertigkeitsvorstellungen der Ülkücü-Bewegung seit Jahrzehnten als transnationale Phänomene bekannt sind und darüber hinaus bereits Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen waren. Auf der Basis von empirischen Resultaten eines bei der Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW e.V. angesiedelten Projektes wird der Fußball als Sozialisationsinstanz analysiert, in der die Ideologiefragmente, Feindbilder, Gedankenwelten und Organisationsformen der Grauen Wölfe zur Mobilisierung von jungen Fußballbegeisterten genutzt werden. Es wird deutlich, dass rechtextreme Normalisierungstendenzen, basierend auf einem ethnischen Nationalismus und auf Varianten der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, auch in migrantischen Communities in besorgniserregender Dimension auftreten und antidemokratische Gefahrenpotenziale in sich vereinen. Abgeschlossen wird der Beitrag durch die Diskussion von Handlungsempfehlungen für die diskriminierungskritische, intersektionale und politische Bildung im Fußball. Schlüsselwörter: Türkischer Ultranationalismus, Fußball als Sozialisationsinstanz, Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW, Politisierung/Radikalisierung, Politische Bildungsarbeit
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Zur Konstruktion des ‚Anderen‘ im Fußball: Implikationen für politische Bildung (Lea Sorg)
Der Beitrag beleuchtet, wie Fußball durch die Konstruktion des „Anderen“ entlang der Achsen race, gender und class gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduziert werden: Klassismus wirkt in ökonomischen Zugangshürden, Rassismus in strukturellen und alltäglichen Formen, Sexismus in der „Arena der Männlichkeit“. Diese Dynamiken entstehen nicht nur spiegelbildlich aus der Gesellschaft, sondern aus fußballeigenen Strukturen wie Körperorientierung, Wettbewerbscharakter und Kommerzialisierung. Kritisch-emanzipatorische politische Bildung kann hier ansetzen: Neutralitätsmythen entkräften, Teilhabe hinterfragen, sozioökonomische Barrieren thematisieren und ermächtigende Räume eröffnen. Fußball ist kein machtloser Spiegel, sondern ein gesellschaftlicher Akteur, der Grenzen sowohl zieht als auch überschreiten kann und so demokratische Veränderungsprozesse anstoßen kann. Schlüsselwörter: Konstruktion des „Anderen“, Race – Gender – Class, Politische Bildung
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Zwischen Provokation, Verhöhnung und Herabwürdigung: Beleidigungskultur im deutschen Männerfußball (Rachel Etse)
Beleidigungen im Fußball sind längst mehr als die spektakulärsten Fälle, die in den Medien Schlagzeilen machen. Sie gehören zum Alltag – sie passieren täglich und sind eine normalisierte Praxis, die weit über einzelne Vorfälle hinausgeht. Zwischen Ritual, Machtdemonstration und Gruppenkohäsion erfüllen sie auf dem Platz, in der Kabine oder in der Fankurve unterschiedliche Funktionen: von Provokation über Humor bis hin zur Stärkung des Teamgeists. Auf Grundlage ethnografischer Feldforschung im Rhein-Main-Gebiet zeigt dieser Beitrag, wie tief Beleidigungen in den Alltag des deutschen Männerfußballs eingebettet sind. Er beleuchtet, wie Sprache Hierarchien herausfordert oder stabilisiert, Zugehörigkeit markiert und Identifikationen formt. Damit wird deutlich: Die „Beleidigungskultur“ im Fußball ist nicht bloß Randerscheinung – sie eröffnet ein Fenster in die sozialen Dynamiken von Macht, Männlichkeit und Gemeinschaft. Schlüsselwörter: Beleidigungskultur, Männerfußball, Trash Talk, Ritualisierung, Fankultur
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Mit Kulturkampf und Aufklebern: Geistige Raumergreifungsstrategien der extremen Rechten im Fußball (Franz Konietzky)
Der Beitrag untersucht den Fußball als bedeutenden Sozialraum und Agitationsfeld der extremen Rechten. Er analysiert, wie die extreme Rechte im Rahmen ihres übergreifenden Kulturkampfes den Sozialraum Fußball als relevanten gesellschaftlichen Teilbereich identifiziert hat und ihn mithilfe von geistigen Raumergreifungsstrategien zu erschließen versucht. Über potenzielle Anknüpfungspunkte wie das Gemeinschaftsgefühl oder das Freund-Feind-Schema wird eine symbolische, semantische, aber auch inhaltliche Anschlussfähigkeit hergestellt, die schließlich grundlegend für eine zunächst geistige, später auch physische Raumnahme im Stadion ist. Diese oftmals unsichtbaren geistigen Raumgewinne und diskursiven Grenzüberschreitungen sind somit Vorbedingung für eine sichtbare Rechtsverschiebung der Fanszene. Die Fanszenen sind damit nicht nur ein passives Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern vielmehr ein eigener, umkämpfter politischer Schauplatz, der in einer wechselseitigen Beziehung zum gesellschaftlichen Klima steht. Schlüsselwörter: Sozialraum Fußball, Kulturkampf, Neue Rechte, Raumergreifungsstrategien, Fanszene
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