Beschreibung
Wie sehen gegenwรคrtige โMรคnnlichkeitsnormenโ aus? An welchen Leitbildern orientieren sich Jugendliche und mit welchen widersprรผchlichen Erwartungen sind Jungen heute konfrontiert? Welche Handlungsempfehlungen lassen sich fรผr die Politik ableiten? Jungenpolitik stellt ein neues Politikfeld im Rahmen einer lebenslauforientierten Gleichstellungspolitik dar. Der Bericht des Beirats Jungenpolitik ist die erste Publikation hierzu und bietet den Zielgruppen die notwendige Informationsbasis.
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Die HerausgeberInnen:
Prof. Dr. Michael Meuser,
Technische Universitรคt Dortmund, Fakultรคt Erziehungswissenschaft und Soziologie, Institut fรผr Soziologie, Vorsitzender des Beirats Jungenpolitik
Dr. Marc Calmbach,
SINUS-Institut, Direktor der Sozialforschung
Dr. Winfried Kรถsters,
freier Journalist und Publizist, Moderator und Berater, engagiert in der Jungenarbeit
Marc Melcher,
Paritรคtisches Bildungswerk Bundesverband, Leitung von geschlechtsbezogenen Jungenprojekten
Dr. habil. Sylka Scholz,
TU Dresden, wiss. Mitarbeiterin SFB โTranszendenz und Gemeinsinn in privaten Lebensformenโ
Prof. Dr. Ahmet Toprak,
Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, Professor fรผr Erziehungswissenschaft
In den Beirat Jungenpolitik wurden vom Bundesministerium fรผr Familie, Senioren, Frauen und Jugend folgende Mitglieder berufen:
Prof. Dr. Michael Meuser (Vorsitzender),
Noah Bรถnninghausen, Dr. Marc Calmbach,
Dr. Winfried Kรถsters, Sebastian Leisinger,
Marc Melcher, Philip Mรผller, Dr. Sylka Scholz,
Ricardo Sinesi, Moritz Sonnenberg,
Prof. Dr. Ahmet Toprak und Adnan Tuncer
Hier finden Sie den Waschzettel zum Buch (pdf- Infoblatt).
Zielgruppen:
GeschlechterforscherInnen, JugendforscherInnen, Organisationen der Jungen- und der Jugendarbeit, AkteurInnen in Gleichstellung und Gleichstellungspolitik
Eine Pflichtlektรผre fรผr alle, die sich mit der Gleichstellung auseinandersetzen, denn Frauen- und Mรคnnerpolitik sollten sich gegenseitig ergรคnzen und nicht bekรคmpfen.
Hessenbrief 3/2014
Das Buch bietet ein sehr differenziertes Bild auf Jungen, zeigt auch Leerstellen auf (z.B. die Situation queerer Jugendlicher), gibt Schlussfolgerungen fรผr die Jungenpolitik, aber auch ganz konkrete Anregungen, wie mit Jungen / Jugendlichen gearbeitet werden kann (z.B. „Spiel des Lebens“ S. 69).
www.efeu.or.at, 04.03.2014
Im Mai 2011 hat das Bundesministerium fรผr Familien, Senioren, Frauen und Jugend einen paritรคtisch aus erwachsenen und jugendlichen Mitgliedern zusammengesetzten Beirat fรผr Jungenpolitik einberufen. Die Ergebnisse aus zwei Jahren Beiratsarbeit sind in diesem Buch versammelt, das wissenschaftliche wie auch persรถnliche Beitrรคge enthรคlt.
SuchtAktuell 2/2013
โฆ ein gutes Beispiel fรผr eine partizipative und realitรคtsnahe Bedarfsanalyse, die die Lebenswelten und Perspektiven der Jungen berรผcksichtigt.
Stadtpunkte 4/2013
โJungen und ihre Lebenswelten“ ist nicht nur eine lesenswerte Dokumentation, die einige Einblicke in die Arbeit des Beirats Jungenpolitik gibt. Das Buch kรถnnte seine Leserschaft auch dazu anregen, ihren Umgang mit Jungen und Jungenthemen in der eigenen Praxis zu hinterfragen. Zu oft reden Fachleute und die sogenannten Entscheider รผber Jungen und nicht mit ihnen. Insofern ist es lรถblich, dass die jugendlichen Mitglieder des Beirats auch mit eigenen Buchbeitrรคgen vertreten sind, welche sich in ihrer Kรผrze und Prรคgnanz sehr wohltuend von den meist eher wissenschaftlich distanzierten und ausholenden Beitrรคgen der Erwachsenen abheben. Interessant wรคre es gewesen, aus dem Beteiligungsprozess selbst neben den abschlieรenden, eher thematischen Forderungen noch mehr an prozessbezogenen Anregungen und Hinweisen fรผr das Miteinander der Generationen unter einer Geschlechterperspektive herauszuarbeiten. Denn das โneue“ Feld einer Jungen- (und Mรคnner-) Politik verdient ja auch andernorts mehr Beteiligung der Jungen und Mรคnner, um die es dabei geht.
Gunter Neubauer, Tรผbingen 10/2013
Dieses Buch zur Jungenpolitik ist mehr als eine spannende Expertise, es ist ein Ereignis: Erstmals waren Jugendliche als gleichwertige Mitglieder an einem politikberatenden Beirat beteiligt, so dass nicht รผber sie, sondern mit Ihnen gesprochen wurde. Die wechselseitige Wertschรคtzung und die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven sind im gesamten Buch zu spรผren. Dabei bleiben sich beide Seiten treu: Die wissenschaftlichen Analysen sind theoretisch wie empirisch anspruchsvoll, die Beitrรคge der Jugendlichen engagiert und authentisch. Fachlich, aber auch fรผr die Lehre besonders interessant wird das Buch durch die verschiedenen methodischen Zugรคnge und durch die Reflexion auf geschlechtsspezifische Differenzen und Gemeinsamkeiten unter Jungen. Das Buch ist von Anfang bis Ende lesenswert!
Carol Hagemann-White 9/2013
Der Bericht des Beirats Jungenpolitik ist รผberaus lesenswert und inspirierend. Eine Stรคrke ist dabei die Mischung aus wissenschaftlichen Artikeln und Beitrรคgen, die von den Jugendlichen selbst geschrieben wurden. Mit den konkreten Ergebnissen kann dieser Bericht nicht nur in Deutschland mit Gewinn fรผr die Jungenarbeit herangezogen werden.
wienxtra.at 8/2013
In Deutschland hat die Bundesregierung einen โBeirat Jungenpolitikโ geschaffen, der inzwischen einen ersten Abschlussbericht vorgelegt hat. Der Verlag Barbara Budrich hat das Dokument soeben in einem sehr schรถn aufgemachten und editierten Buch vorgelegt. Der Band versucht, Lebenswelten von Buben nachzuzeichnen; dabei ist lรถblich, dass Jungen auch selber an diesem Vorhaben beteiligt wurden.
NZZ am Sonntag, 25.8.2013
Rezension zum Buch –
โJungen und ihre Lebenswelten โ Vielfalt als Chance und Herausforderungโ Barbara Budrich Publishers 2013 Opladen
Herausgegeben wurde das Buch vom โBeirat Jungenpolitikโ, den die damalige Ministerin Dr. Kristina Schrรถder 2010 ins Leben rief, der sich 2011 konstituierte und erstmals (und dann zwei Jahre regelmรครig) traf, von den Herren Kollegen Michael Meuser, Marc Calmbach, Winfried Kรถsters, Marc Melcher, Ahmet Toprak und der Kollegin Sylka Scholz sowie den jungen Erwachsenen Noah Bรถnninghausen, Sebastian Leisinger, Philip Mรผller, Ricardo Sinesi, Moritz Sonnenberg und Adnan Tuncer.
Im Vorwort weist die Ministerin darauf hin, dass es im Rahmen des Beirats darum gehe, eine eigenstรคndige Jungen- und Mรคnnerpolitik aufzubauen, was aus heutiger (Dezember 2018) Sicht zum Teil wohl bereits verwirklicht ist, letztlich aber noch eine Zukunftsaufgabe darstellt. Erst dann, so Frau Schrรถder im Vorwort weiter, werden faire Chancen fรผr Frauen und Mรคnner gegeben sein. Frau Schrรถder hat den Beirat Jungenpolitik 2010 einberufen, ein wichtiger und wegweisender Schritt. Mit diesem Beirat fรผr Jungen und junge Mรคnner wurde Neuland betreten, denn der Beirat Jungenpolitik sprach nicht nur รผber Jungen, sondern vor allem mit ihnen, so Frau Schrรถder. Sie als Experten in eigener Sache einzubeziehen habe sich als erfolgreich erwiesen, weil sich die Beiratsarbeit damit an den tatsรคchlichen Bedรผrfnissen und Realitรคten der Jungen orientiert habe. Der vorliegende Abschlussbericht mache deutlich, dass es den Jungen vor allem um die Befreiung von Normen gehe, die sie einengen und festlegen; sie wollen selbst entscheiden, ihren eigenen Weg gehen. Deshalb gehe es laut Frau Dr. Schrรถder darum, Rollenklischees aufzubrechen und die Jungen bei ihrer individuellen Lebensplanung zu unterstรผtzen. Der vorliegende Bericht gebe damit die Richtung fรผr eine Jungenpolitik vor, die Jugendlichen auch abseits traditioneller Geschlechterrollen Chancen biete.
Die Publikation ist รผber die Fachรถffentlichkeit hinaus interessant und relevant, weil sie Wissen und Handlungskompetenzen liefert und eben nicht nur wissenschaftlich-analytisch an das Thema herangeht, sondern auch persรถnlich und praktisch. รuรerst positiv fand ich am Buch, dass sรคmtliche Beiratsmitglieder zu Beginn mit Foto und kurzer persรถnlicher Skizze vorgestellt werden: Als Leser kann man so viel besser gewichten, man hat gleich ein Bild des Autors bzw. der Autorin vor Augen und kann seine oder ihre Ausfรผhrungen so besser und schneller einordnen. Das ist didaktisch gut gemacht und erleichterte mir das eigene Lesen.
Im Vorwort erklรคren die jugendlichen Mitglieder des Beirats Jungenpolitik: โVor zwei Jahren, als der Beirat Jungenpolitik โ und damit auch wir โ berufen wurden, kamen wir Jungen mit einer eher vagen Vorstellung von dem, was vor uns lag, nach Berlin. Fรผr uns alle war die Mรถglichkeit, an Politik tatsรคchlich mitwirken zu kรถnnen, hoch interessant und motivierend. Wir sprachen mit Experten, Politikern und anderen Jugendlichen รผber Themen, die uns im Alltag zwar nicht unbedingt stรคndig beschรคftigen, aber doch wichtig sind. โ Das offene und daher zunรคchst etwas verwirrende Konzept gab uns die Mรถglichkeit, eigene Themenschwerpunkte zu setzen und vorgeschlagene Themen auf eine eigene Art und Weise zu sehen. Uns wurde klar, dass die Erwachsenen uns ernst nahmen und unsere Beitrรคge deutlich erwรผnscht waren und anerkannt wurden. Diese Wertschรคtzung durchzog die ganze Beiratsarbeit und hat diese nicht nur sehr angenehm gestaltet, sondern auch bereichert. Wir haben das gute Gefรผhl, dass unsere Ideen und Vorschlรคge in der Politik Anklang finden und umgesetzt werden. Da uns das Konzept des Beirats Jungenpolitik, Vertreter der Zielgruppe in die Beiratsarbeit einzubinden, sehr gefallen hat, kรถnnen wir es fรผr alle weiteren politischen Beirรคte nur empfehlen.โ
Von den Schlussfolgerungen fรผr die Jungenpolitik sollten folgende Themen nach Ansicht des Beirats mit Prioritรคt in Angriff genommen werden:
โข Stรคrkung von Geschlechtervielfalt in der Berufsberatung
โข Mehr Verantwortungsรผbernahme von Mรคnnern.
โข Jungenpolitik solle darauf hinwirken, Mรคnner verstรคrkt zur รbernahme von Verantwortung fรผr heranwachsende Menschen zu motivieren, in der Familie und in pรคdagogischen Institutionen. Damit Jungen (und Mรคdchen) Erfahrungen mit mรคnnlichen Bezugspersonen machen kรถnnten, sollten, so die Beiratsmitglieder, Mรคnner verstรคrkt zur รbernahme von Verantwortung fรผr heranwachsende Menschen motiviert werden.
โข Die Politik solle hierfรผr die Rahmenbedingungen schaffen, z.B. mit Maรnahmen wie dem Bundesprogramm โMehr Mรคnner in Kitasโ oder durch finanzielle Anreize, die eine Inanspruchnahme von Elternzeit durch Vรคter attraktiver machten.
โข Ebenso sollte die Jungenpolitik der Zukunft verstรคrkt bereit sein, tradierte Pfade der Vermittlung zu verlassen und sich der Kommunikationsmedien zu bedienen, die im Alltag der Jugendlichen vorrangige Bedeutung hรคtten. Sie sollte die Adressaten, also die Jungen und jungen Mรคnner, selbst an der Erstellung entsprechender Formate und Inhalte beteiligen.
Interessant sind die Beobachtungen von Sylka Scholz im 5. Kapitel auf Seite 128f:
โDie Jungen nehmen war, dass die Lebensplanungen der gleichaltrigen Mรคdchen stรคrker auf Familie ausgerichtet sind, dass sie genauer planen als sie selbst. Bedeutsam ist an dieser Stelle, dass die Jungen zwar einerseits ihre Geschlechtszugehรถrigkeit in Differenz zum weiblichen Geschlecht bestimmen, andererseits aber Ungleichheiten im Geschlechterverhรคltnis sehr genau registrieren: โEin Junge darf mehr machen, als ein Mรคdchenโ. Vor diesem Hintergrund erklรคren sich die enormen Schwierigkeiten der Jungen, klare politische Forderungen fรผr Jungen zu stellen. In verschiedenen Diskussionsrunden des Beirats zur Gleichstellungspolitik einigten sie sich auf Forderungen wie โGleicher Lohn fรผr Frauenโ oder โHรถhere Anerkennung von frauentypischen Berufenโ. Beide Ansprรผche wirken sich aus Sicht der Jungen auch auf das mรคnnliche Geschlecht positiv aus: Mรคnner kรถnnten dann soziale Berufe รผbernehmen, wenn sie genug in solchen Berufen verdienen wรผrden, und Paare kรถnnten sich unter den Bedingungen รคhnlicher Verdienste fรผr Vereinbarkeitslรถsungen jenseits des Ernรคhrermodells entscheiden.
Sylka Scholz fรคhrt in ihrem Beitrag fort: โUm genauer zu untersuchen, welche Rolle die Geschlechtszugehรถrigkeit fรผr die Lebensentwรผrfe der Jungen hat, fragte die Forscherin nach ihren Vorstellungen von einem โguten Lebenโ. โZukunftโ, โSicherheitโ und โStabilitรคtโ werden als Kriterien eines guten Erwachsenenlebens bestimmt, jedoch wird in der Diskussion dem Erwachsenenleben eine Phase der Jugend vorangestellt, welche durch andere Aspekte geprรคgt sein soll. Generell zeigen sich bei diesem Thema erhebliche Differenzierungen unter den Jugendlichen: Wรคhrend zwei gern noch Kind bleiben oder ihre Jugendlichkeit ausleben mรถchten, gehen drei auf ihr spรคteres Berufsleben ein. Zwei der Jugendlichen grenzen sich von einem auf Arbeit zentrierten Leben ab. Die unterschiedlichen Sichtweisen werden untereinander toleriert. Auffรคllig ist, dass zunรคchst Partnerschaft und Familie nicht thematisiert werden, also nicht unmittelbar zu den Vorstellungen von einem โguten Lebenโ gehรถren. Im Gegenteil: Die Ausrichtung auf โHaus, Kind, Baumโ wird abgelehnt, sie sei noch โganz, ganz, ganz weit wegโ.โ (Seite 129)
Frau Scholz auf Seite 130 weiter: โDie im Vergleich zu anderen Diskussionsrunden des Beirats stรคrkere Offenheit der Lebensentwรผrfe fordert zu einer Interpretation heraus. Eine erste Lesart lautet, dass die jungen Mรคnner mit ihren hochgradig offenen und flexiblen Lebensentwรผrfen der gesellschaftlichen Norm entsprechen, das โganze Lebenโ wandlungsfรคhig zu sein, um sich den verรคndernden gesellschaftlichen Bedingungen zu stellen. Die zweite Lesart bezieht sich auf das Generationenverhรคltnis. In der Gegenwartsgesellschaft gilt Flexibilitรคt und lebenslange Jugendlichkeit als soziale Norm. Wenn aber auch Erwachsene immer jugendlich sein sollen, verschwimmt die Generationendifferenz und es wird fรผr die Jugendlichen schwieriger, sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Die Erwachsenen wiederum mรผssen einen beschleunigten Alltag bewรคltigen und stellen hรถhere Forderungen an die Jugendlichen. Die geรคuรerten Wรผnsche, noch lรคnger Kind sein zu dรผrfen und/oder seine Jugend erst einmal ausleben zu kรถnnen, lese ich als eine Zurรผckweisung der verwischenden Generationengrenzen und als Beharren auf eine spezifische Lebensphase Kindheit und Jugend. (Seite 130)
Moritz Sonnenberg erklรคrt in Kapitel 6 die Bedeutung von mรคnnlichen Bezugspersonen im Leben von Jungen und erklรคrt gut, wie sich fehlende mรคnnliche Prรคsenz auswirken kann: โMeiner Meinung nach kann das Fehlen einer mรคnnlichen Bezugsperson innerhalb der Familie auf den Jugendlichen einen negativen Einfluss haben. Wie bereits dargestellt kann eine allein erziehende Mutter nicht alle Funktionen des abwesenden Vaters รผbernehmen. Im Speziellen stellt der Vater fรผr viele mรคnnliche Jugendliche eine stรคrkere Autoritรคtsperson dar als die Mutter.โ โ Modelllernen gilt ab dem jugendlichen Alter als wichtigster Lernprozess, wenn es um die Entwicklung der beruflichen und privaten Identitรคt, der psychosexuellen / geschlechtlichen Identitรคt vor allem ab Beginn der Pubertรคt geht, ist der Vater oder ein guter Ersatzvater wesentlich, der begrenzte vรคterliche Fรผrsorge leisten kann. Sonnenberg weiter: โDurch den Vater wird dem Jugendlichen, meiner Beobachtung nach, unter anderem verstรคrkt Disziplin vermittelt. Ich sehe es so, dass dieser Teil der Erziehung dem Jugendlichen auch hilft, einen festen Halt in Familie und Gesellschaft zu entwickeln. Fehlt der Vater als Person, droht die Gefahr, dass sich Jungen (wie auch Mรคdchen) alternative Autoritรคtspersonen suchen und sich in andere hierarchische Strukturen eingliedern. Mein Eindruck ist, dass Jugendliche in problematischen Umfeldern vor allem Halt durch den Anschluss an Jugendgangs mit รคlteren Anfรผhrern als Autoritรคten suchen. In der Folge erhalten sie hรคufig erleichterten Zugang zu Alkohol und Drogenkonsum oder geraten in ein kriminelles Umfeld und werden unter Druck gesetzt, bei dem mitzumachen. Ein weiterer Aspekt mรคnnlicher Erziehung, der mir sehr wichtig erscheint, der durch das Fehlen einer Vaterperson verloren geht, ist das Einfรผhlungsvermรถgen fรผr persรถnliche Probleme von Jungen. Besonders in schwierigen Phasen wie der Pubertรคt ist der Jugendliche mit Problemen konfrontiert, die der Vater aus eigener Erfahrung kennt. Durch das Fehlen einer mรคnnlichen Bezugsperson droht der Jugendliche mit seinen Problemen allein gelassen zu werden.โ
Sonnenberg zu den Auswirkungen fehlender mรคnnlicher Prรคsenz weiter: โWie ich bereits erwรคhnt habe, stellen Frauen den Hauptteil der deutschen Lehrkrรคfte und des Erziehungspersonals: Dadurch ist die Vielfalt der verschiedenen Perspektiven fรผr Schรผlerinnen und Schรผler, die ein ausgewogen besetzter Schulkรถrper besรครe, wie ich finde nicht gegeben. Die Breite mรถglicher Sicht- und Verhaltensweisen unter den Lehrkrรคften ist eingeschrรคnkt, was sich vielleicht vor allem fรผr die Jungen negativ auswirken kann: z.B. Beeintrรคchtigung ihrer Motivation und subjektiv empfundene Benachteiligung gegenรผber den Mรคdchen kรถnnte die Folge sein.โ โ Die grรถรeren schulischen Probleme und das noch stรคrker oppositionelle Verhalten von Jungen belegen das meiner Meinung nach relativ eindeutig.
Sonnenberg zieht folgendes Fazit: โIch denke, dass aktive Vaterschaft, Erhรถhung des Mรคnneranteils vor allem in Schule und Erziehung, wertschรคtzende Zuwendung und Orientierung, also erwachsenes mรคnnliches Vorbildverhalten, in allen Bereichen wichtig ist fรผr die Persรถnlichkeitsentwicklung des Jugendlichen. Fรผr die รnderung des โtypischenโ Rollenverhaltens in Beziehungen und Familien und die Ablรถsung von eindimensionalen Mรคnnerbildern ist es wichtig, dass sich erwachsene Mรคnner mรคnnlichen Jugendlichen gegenรผber รถffnen und sie an ihren Gefรผhlen, Erfahrungen und Problemen teilhaben lassen, damit Jungen ein komplexes Bild von Mรคnnlichkeit erhaltenโ.
Sebastian Leisinger, ein junger Mann aus Sรผddeutschland mit Berufswunsch Informatiker, stellt im 9. Kapitel richtigerweise fest: โWir im Beirat haben festgestellt, dass schriftliche Arbeitsberichte, wie sie in der Politikberatung รผblich sind, nur wenige Jugendliche erreichen. Dafรผr bedarf es eines Mediums, das nรคher am Alltag von Jugendlichen ist, wie zum Beispiel einer Facebook-Kampagne oder ansprechender Plakate. Auf dieser Erkenntnis beruhen auch unsere รberlegungen zum Kommunikationsformat, das sich direkt an Jugendliche wenden sollโ. โ Ich sehe das รคhnlich wie Herr Leisinger: Ein Benchmark kรถnnte u.a. die seit ca. 2015 laufende Kampagne der Handwerkskammern (www.handwerk.de) sein, mit sehr guten Plakaten, gelungenem begleitenden facebook- und youtube-Auftritt und eigener ebenfalls sehr gelungener Homepage. In der Kampagne wurde gekannt, unterhaltsam und didaktisch gut auf die Vorteile handwerklicher Ausbildungen hingewiesen, wobei Humor, Handlungsorientierung, Change-Orientierung und die Orientierung am Prinzip von Passung und Eignung am Arbeitsplatz mit Leistungsfreude verbunden wurden (Slogans u.a. โDie Welt war noch nie so unfertig. Pack mit an.โ — โLeidenschaft ist das beste Werkzeugโ — โWieder mal die Welt gerettet. Und was hast Du heute gemacht?โ) Kommuniziert wurde damals รผber gute Plakate im รถffentlichen Raum, gelungene eigene Homepage, professionell umgesetzte Videos und Clips, die fast die Quadratur des Kreises schafften, nรคmlich spannend, informativ, interessant, didaktisch รผberzeugend und sowohl Jugendliche wie junge Erwachsene wie Erwachsene ansprechend. Das ist aber nur ein Beispiel, das dem Rezensenten noch in positiver Erinnerung ist und deshalb hier erwรคhnt wird; es gibt sicher viele weitere gute Kampagnen โ aber leider eben auch viele mittelmรครige und auch schlechte Aktionen und Kampagnen und vor allem schriftliche Beitrรคge, die die Zielgruppe nicht erreichen, wie Leisinger zu Recht feststellt.
Sehr gut gefallen hat mir das Kapitel 13 von Noah Bรถnninghausen und vor allem der Raptext seines Cousins Till Bรถnninghausen, weil es einige Probleme der heutigen Zeit treffend auf den Punkt bringt. Noah Bรถnninghausen leitet ein: โAls Beispiel fรผr einen politischen Text habe ich einen Text meines Cousins abgetippt:โ Dort heiรt es u.a.:
โIch schaue in die Welt und denke verdammt
das Bewusstsein verlรคuft sich immer weiter im Sand,
kein kollektiver Verstand, nur verschlossene Gedanken,
dabei liegt auf der Hand, die Wirtschaft gerรคt ins Wanken,
wann spielt die Politik endlich mit offenen Karten,
fragt sich die Welt, auf der die Betroffenen warten,
verraten, von ihren eigenen Staaten,
Antworten bleiben aus, doch was bleibt sind die Fragen,
nach besseren Tagen, nach Essen im Magen,
nach guten Gesetzen, ohne รผberzogene Strafen,
nach dem rettenden Hafen in dieser Welt voll Betrug,
wenige die viel haben, viele haben nie genug,
werden trotzdem ausgebeutet, bis zum letzten Atemzug,
Terrorismus als Vorhut, fรผr die ausartende Wut,
der Diamant ist nicht rein, an ihm klebt Blut,
seid auf der Hut, denn ihr wisst, was ihr tut,
(Till Bรถnninghausen)
Auf Seite 227 bringen die Autoren und die Autorin eine wesentliche Schlussfolgerung fรผr die Jungenpolitik auf den Punkt:
โEin Problem vieler Jungen ist es, nicht-kommerzielle Rรคume auรerhalb des Elternhauses zu finden, in denen sie ihren Freizeitinteressen gemeinsam mit ihren Peers nachgehen kรถnnen. Die vorhandenen Angebote der Jugendarbeit entsprechen oftmals nicht den Bedรผrfnissen von Jungen nach Partizipation und Autonomie. โ Angebote sollten nach Zielgruppen differenziert werden, allerdings ist es ebenso wichtig, eine Vermischung verschiedener Jungen- und Jugendgruppen zu ermรถglichen. Das Bereitstellen entsprechender Rรคume befรถrdert die Chance gesellschaftlicher Teilhabe von Jungen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Diese Freizeitorte sind oft auch Orte gesellschaftlichen Engagement. Um dieses zu befรถrdern sollte die Mitarbeit fรผr die Jungen attraktiver gemacht werden; Ideen und Vorschlรคge Jugendlicher sollten ernst genommen und ihre Umsetzung noch stรคrker unterstรผtzt werden.โ Mรผnchen, am 12.12.2018 Albrecht Schnabel