Inhalt
Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research
1-2026: Kindheitsforschung und ihre Öffentlichkeiten
Editorial
Britta Menzel / Tanja Betz / Lars Alberth / Karin Kämpfe: Kindheitsforschung und ihre Öffentlichkeiten
Schwerpunktbeiträge
Andreas Busen: Zukünftige Bürger:innen. Kinder aus Sicht der zeitgenössischen Politikwissenschaft
Tanja Betz: Kinder- und Jugendberichte und Politikberatung. Strukturelle Merkmale der Wissensproduktion für die Kinder- und Jugendberichterstattung in Deutschland
Thomas Grunau: Der IKEA-Katalog als Intermediär: Zur Repräsentation kindheitsbezogener Konzepte zwischen 1980 und 2000
Jana Mikats: Zwischen Schutz und Kontrolle: Kind-Konstruktionen in medialen Positionen gegen Drag-Lesungen in Wien
Freie Beiträge
Imke Kollmer: Das Unbehagen am unbegleiteten Schulweg. Kindliche Explorationsräume zwischen elterlicher Sorge und Kontrolle beim GPS-Tracking
Julia Rehkemper / Claas Wegner: Die Einstellung von Mädchen zu den MINT-Fächern in der Primarstufe und Sekundarstufe I – Darstellung des aktuellen Forschungsstandes und Identifikation von Förderstrategien
Johanna Wilmes / Yasmina Sariano: Die Last des Aufstiegsversprechens? Jugendperspektiven im Kontext sozialer Ungleichheit
Kurzbeiträge
Ulrike Deppe / Susanne Siebholz: Immigrierte und geflüchtete Jugendliche in Hilfen zur Erziehung und Bildungsungleichheit
Tanja Schroot: “We learned to love each other on distance” – Virtual caretaking of Romanian migrant mothers in Italy
Einzelbeitrags-Download (Open Access/Gebühr): diskurs.budrich-journals.de
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Abstracts
Zukünftige Bürger:innen. Kinder aus Sicht der zeitgenössischen Politikwissenschaft (Andreas Busen)
Sind Kinder überhaupt ein Thema, für das sich die zeitgenössische Politikwissenschaft interessiert oder interessieren sollte? Der Beitrag beginnt mit einer Bestandsaufnahme der politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kindern und Kindheit, die zunächst ein scheinbar paradoxes Bild zeichnet – insofern einerseits aus der politischen Praxis wie auch aus fachwissenschaftlichen Debatten heraus deutliche Impulse für eine Auseinandersetzung mit Kindern identifizierbar sind, eine solche aber trotzdem weitgehend ausbleibt. Als mögliche Erklärung hierfür wird entlang der Geschichte der deutschen Politikwissenschaft die These entwickelt, dass sich mit der Fachidentität eine besonders wirkmächtige Perspektive entwickelt, in der Kinder vorrangig als zukünftige Bürger:innen erscheinen. Der Beitrag schließt mit einer Reflexion des damit eröffneten Erklärungspotenzials sowie einer knappen Perspektive auf Anknüpfungspunkte für alternative Sichtweisen auf den politischen Status von Kindern. Schlagwörter: Politikwissenschaft, Politik, Kinder, Bürger:innenschaft, Politische Bildung
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Kinder- und Jugendberichte und Politikberatung. Strukturelle Merkmale der Wissensproduktion für die Kinder- und Jugendberichterstattung in Deutschland (Tanja Betz)
Im Beitrag wird aus wissenssoziologischer Perspektive eine Bestandsaufnahme, Systematisierung und Analyse zur Kinder- und Jugendberichterstattung in Bund und Ländern vorgelegt. Grundlegende Formen des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik in der Politikberatung werden auf die Kinder- und Jugendpolitik übertragen. Anhand einer strukturbezogenen Merkmalsbestimmung der Berichterstattung wird Rheinland-Pfalz als Fall klassifiziert und diese Fallanalyse erweitert um die Perspektiven junger Menschen auf ihre Beteiligung in der Politikberatung. Die Ergebnisse der landesweiten Befragung (N = 1.206, 14–21-Jährige) zeigen teils nicht vorhandene, teils divergierende Einstellungen zu Politikberatung durch und mit jungen Menschen und, dass sie befürworten, wenn junge Menschen informiert und konsultiert werden. Schlagwörter: Politikberatung, Kinder- und Jugendberichte, Wissenssoziologie, Partizipation, Sozialberichterstattung
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Der IKEA-Katalog als Intermediär: Zur Repräsentation kindheitsbezogener Konzepte zwischen 1980 und 2000 (Thomas Grunau)
Der Beitrag geht aus konventionentheoretischer Perspektive der Frage nach, ob und in welcher Weise in den IKEA-Katalogen zwischen 1980 und 2000 zentrale Konzepte der damals entstehenden New Childhood Studies sichtbar werden. Analysiert wurden 16 deutschsprachige IKEA-Kataloge mittels einer modifizierten Justification Analysis. Die Ergebnisse zeigen, dass sich in den Katalogen drei zentrale Konzepte der Kindheitsforschung identifizieren lassen: kindliche Agency, Kindheit als sozialstrukturell verortete Lebenslage – insbesondere im Kontext von Wohnen – sowie eigenständige Kinderkultur. Während Kinder scheinbar als eigenständige Akteur*innen anerkannt wurden, wurden Kindheitskonzepte in Marketingstrategien übersetzt, die strukturelle Probleme in individuelle Konsumentscheidungen umwandelten. Der Artikel diskutiert die Ambivalenzen dieser Transformation und reflektiert, wie die Analyse von Warenkatalogen als Teil einer Quasi-Öffentlichkeit nicht nur Aufschluss über Marktstrategien gibt, sondern auch die Kindheitsforschung zur Selbstreflexion anregen kann. Schlagwörter: Kindheitsforschung, Markt, Konvention, Agency
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Zwischen Schutz und Kontrolle: Kind-Konstruktionen in medialen Positionen gegen Drag-Lesungen in Wien (Jana Mikats)
Drag-Lesungen rücken in den Fokus von Anti-Gender-Mobilisierungen – und damit in Auseinandersetzungen über Ordnungen von Kindheit, Gender und Sexualität. Während Anti-Gender-Studies Bezugnahmen auf das Kind vor allem als Ausdruck moralischer Panik und gesellschaftlicher Mobilisierung verstehen, analysiere ich Kind-Konstruktionen in medialen Gegenpositionen zu Drag-Lesungen in Wien und frage, welche Ordnungsvorstellungen von Sexualität und Gender in Verschränkung mit Kindheit (re-)produziert werden. Mit dem diskursanalytischen Zugang der Situationsanalyse untersuche ich Zeitungsartikeln und Presseaussendungen und identifiziere vier Kind-Konstruktionen, die unterschiedliche Ordnungsaspekte adressieren: unschuldig, privat, beeinflussbar und zukünftig. Mit dem Beitrag zeige ich die parteipolitische Einbettung der Debatte und, dass Anti-Gender-Politiken neben der formalen Bildung auch informelle Räume früher Kindheit betreffen. Schlagwörter: Kind-Konstruktion, Drag-Queen Lesungen, Gender und Sexualität, Anti-Gender, Situationsanalyse
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Das Unbehagen am unbegleiteten Schulweg. Kindliche Explorationsräume zwischen elterlicher Sorge und Kontrolle beim GPS-Tracking (Imke Kollmer)
Der Beitrag widmet sich dem GPS-Tracking von Kindern, das zumeist vor dem Hintergrund elterlicher Sorge, Verantwortung und Kontrolle diskutiert wird. Auf Grundlage von Sequenzanalysen wird im Beitrag gezeigt, dass diese thematische Engführung den Blick verstellt. Die Datengrundlage bilden rund 700 Beiträge aus Online-Elternforen, die zwischen 2017 und 2024 verfasst wurden. Die mikroanalytische Perspektive fokussiert dabei auf den Schulweg, der für Kinder einen Explorationsraum jenseits elterlicher Eingriffe darstellt. Die Analysen zeigen, dass die reklamierte Steigerung subjektiver Sicherheit, die mit dem Tracking verbunden wird, tiefer eingelagerte Ablösungsprozesse und die damit verbundene Sorge um sich selbst überdeckt. Schlagworte: Online-Foren, GPS-Tracking, Kindheit, Eltern, Sorge
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Die Einstellung von Mädchen zu den MINT-Fächern in der Primarstufe und Sekundarstufe I – Darstellung des aktuellen Forschungsstandes und Identifikation von Förderstrategien (Julia Rehkemper, Claas Wegner)
Aktuell liegt der Frauenanteil im MINT-Sektor bei 16,3 Prozent. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Einstellung zu den MINT-Fächern und der späteren Berufswahl. Somit könnte eine frühe Förderung dieser Einstellung langfristig mehr Frauen motivieren, MINT-Berufe zu ergreifen. Da eine frühe Mädchenförderung vermehrt empfohlen wird, prüft dieser Beitrag, ob bereits in Primar- und Sekundarstufe I geschlechterspezifische Unterschiede in der Einstellung zu den MINT-Fächern bestehen und inwiefern diese Einstellung bei Mädchen gefördert werden kann. Vor diesem Hintergrund wurde ein systematisches Literaturreview angefertigt. Die Ergebnisse von 55 Studien deuten darauf hin, dass Einstellung gegenüber MINT bei Schülerinnen erst in der Sekundarstufe I sinkt. Des Weiteren konnten fünf Strategien zur Förderung der Einstellung von Mädchen zu den MINT-Fächern identifiziert werden. Die Ergebnisse werden in Bezug auf mögliche Ansätze für weitere Forschung diskutiert. Schlagwörter: Gender, Bildung, MINT, Forschungsstand, systematisches Literaturreview
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Die Last des Aufstiegsversprechens? Jugendperspektiven im Kontext sozialer Ungleichheit (Johanna Wilmes, Yasmina Sariano)
Studien zeigen, dass das sogenannte Aufstiegsversprechen „Aufstieg durch Bildung“ oft nur auf Einzelfälle zutrifft und für junge Menschen, die von Armut betroffen sind oder eine Migrationsgeschichte haben, selten gilt. Ausgehend davon wurden zwei kontrastierende Gruppendiskussionen ausgewertet: Jugendliche aus einer wohlhabenden Wohngegend und benachteiligte Jugendliche aus einem sozial segregierten Stadtteil diskutieren über Bildung und ihre Bedeutung für den Lebensverlauf. Beide Gruppen sehen Schulbildung als Schlüssel zum sozialen Aufstieg. Während die erste Gruppe sie als natürlichen Weg versteht, sieht sich die zweite Gruppe mit Diskriminierung und strukturellen Benachteiligungen konfrontiert. Die Studie betont die Notwendigkeit eines realistischen Narrativs, welches die tatsächlichen Chancen und Herausforderungen widerspiegelt, auch um den Druck auf junge Menschen zu verringern. Schlagwörter: Soziale Ungleichheit, soziale Mobilität, Migrationshintergrund, Chancengleichheit
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