Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
1-2025 (Heft 177-178): Gelebte Utopie
Zu diesem Heft. Gelebte Utopie
Schwerpunkt
Antje Daniel / Bjรถrn Wendt: Die Utopie lebt! Plรคdoyer fรผr eine Blickerweiterung der soziologischen Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie (im Open Access verfรผgbar)
Alissa Starodub: Die Kunst des รberlebens auf einem mzerstรถrten Planeten. Neue Begriffe und Feldnotizen zur รkologischen Solidaritรคt
Olaf Kaltmeier: Das Oxymoron der anarchistischen Verfassung. Der Tod des Sozialen und die populare konstituierende Macht in Chile
Merlin Becskey: Die Rolle der Orthopraxis in der Entwicklung post-utopischer Kibbuz-Modelle
Miryam Frickel: No Future? Die Zukunft Siziliens
Alexander Neupert-Doppler: Vom Utopieverlust im Neoliberalismus zum Autoritarismus und zurรผck in die Zukunft
PERIPHERIE-Stichwort
Anja Habersang: Prรคfigurative Politik
Interview
Unrecht gilt es immer zu bekรคmpfen. Ruth Weiss im Gesprรคch รผber Politisierung, Jรผdischsein zwischen Deutschland und Sรผdafrika und Widersprรผche der Befreiungsbewegungen (im Open Access verfรผgbar)
Weitere Beitrรคge
Anne Tittor / Eduardo Relly / Leoni Schlender / Maria Backhouse: Die amputierte Wiedereinbettung geistiger Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen. Das Fallbeispiel Brasilien
Floris Biskamp: โRasseโ und โRassismusโ in politikwissenschaftlichen Fachwรถrterbรผchern (Debatte)
Rezensionen
Nadine Pollvogt: Ashish Kothari, Ariel Salleh, Arturo Escobar, Federico Demaria & Alberto Acosta (Hg.): Pluriversum. Ein Lexikon des Guten Lebens fรผr alle
Albert Denk: Friederike Habermann: Overcoming Exploitation and Externalisation. An Intersectional Theory of Hegemony and Transformation
Andreas Bohne: Linda Melvern: A People Betrayed. The Role of the West in Rwandaโs Genocide
Marรญa Fernanda Cรณrdova Suxo: Sebastian Garbe: Solidaritรคt mit Wallmapu. Der transnationale Widerstand der Mapuche
Reinhart Kรถรler: Adam Blackler: An Imperial Homeland. Forging German Identity in Southwest Africa
Gerhard Hauck: Lucile Dreidemy, Johannes Knierzinger, David Mayer & Clemens Pfeffer (Hg.): Stimmen des Antikolonialismus. Eine globalhistorische Spurensammlung 1615-1915
Reinhart Kรถรler: Martin Oppelt, Christina Pauls & Nicki K. Weber (Hg.): Postkoloniale Staatsverstรคndnisse
Eleonora Roldรกn Mendรญvil: Jules Joanne Gleeson & Elle OโRouke (Hg.): Transgender Marxism
Arnold Schรถlzel: Matin Baraki: Afghanistan. Revolution, Intervention, 40 Jahre Krieg
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebรผhr): peripherie.budrich-journals.de
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Abstracts
Die Utopie lebt! Plรคdoyer fรผr eine Blickerweiterung der soziologischen Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie (Antje Daniel & Bjรถrn Wendt)
Hรคufig wird die Gegenwart in gesellschaftstheoretischen und zeitdiagnostischen Debatten als utopielos beschrieben. Furchtbilder, Niedergangserwartungen sowie apokalyptische und rรผckwรคrtsgewandte Erzรคhlungen dominierten die Imaginationen von Zukunft. Wir nehmen diese zeitdiagnostische Beschreibung zum Ausgangspunkt, um zu zeigen, dass es trotz dieser Tendenzen falsch ist, die Gegenwart als ein utopieloses Zeitalter zu bestimmen. Diese, aber auch andere verbreitete (Fehl-)Annahmen zur Utopie unterziehen wir einer kritischen Prรผfung. Gegen die These vom Ende der Utopie sowie gegen die Fassung von Utopien als ein spezifisches Genre fiktionaler Literatur, als fortschrittlich-emanzipatorische Projekte und als europรคisches Phรคnomen argumentieren wir fรผr einen mehrdimensionalen, elastischen Utopie-Begriff und die Aufwertung der Utopie als Gegenstandsbereich soziologischer Forschung. Eine Soziologie der Utopie hat zum Ziel, als wรผnschenswert imaginierte Sozialverhรคltnisse und variierende Vorstellungen des guten Lebens differenziert zu analysieren sowie ihre Verankerung in der sozialen Praxis und Bedeutung fรผr Verรคnderungsprozesse in Gegenwartsgesellschaften auszuloten.
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Die Kunst des รberlebens auf einem zerstรถrten Planeten. Neue Begriffe und Feldnotizen zur รkologischen Solidaritรคt (Alissa Starodub)
Dieser Beitrag erkundet, wie Utopien angesichts der dรผsteren Prognosen der Klimakrise in der Gegenwart durch zukunftsgerichtete Praktiken verankert sind. Mit einer akteurszentrierten Betrachtungsweise untersucht er diese bei gewรถhnlichen Menschen in lรคndlichen Gebieten, in sozialen Nicht-Bewegungen, wo im Streben nach einer alternativen Zukunft Praktiken der รberlebenskunst auf einem zerstรถrten Planeten entstehen. Aus der modernen posthumanistischen Theorie schรถpfend, macht er die Begriffe der รkologischen Solidaritรคt und der รkologischen Klasse fรผr die Protest- und Solidaritรคtsforschung fruchtbar und illustriert sie mit einer Collage aus empirischem Material. Dabei zeigt er neue Formen des grenzenlosen Denkens und Handelns gesellschaftlicher Akteure auf, deren Gemeinsamkeiten in einer Praxis der Vergemeinschaftung und Gemein-Werdung liegen und eine gesellschaftspolitische Vision grenzenloser Solidaritรคt als Multispezies-Solidaritรคt in das Hier und Jetzt projizieren. Er schlรคgt vor, die neuen ontologischen Ansรคtze, welche diesen Suchbewegungen nach einer alternativen Zukunft zugrunde liegen, theoretisch herauszuarbeiten und meta-theoretisch zu unterfรผttern, um sie fรผr eine breite Auseinandersetzung mit zukunftsgerichteten Praktiken nutzen zu kรถnnen.
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Das Oxymoron der anarchistischen Verfassung. Der Tod des Sozialen und die populare konstituierende Macht in Chile (Olaf Kaltmeier)
Dieser Artikel analysiert den Verfassungsentwurf, der von der Verfassungsgebenden Versammlung in Chile zwischen 2021 und 2022 ausgearbeitet wurde, daraufhin, wie die vielfรคltigen und pluralen Belange unterschiedlicher Sozialer Bewegungen, die mit den Massenprotesten 2018 gegen die neoliberale Verfasstheit Chiles protestierten, in eine neue libertรคre Form der politischen Reprรคsentation รผberfรผhrt werden kรถnnen. Historisch arbeitet der Beitrag die stark autoritรคre Verfassungstradition in Chile auf, die in der von der Militรคrdiktatur 1980 erlassenen Verfassung kulmuniert. Wรคhrend diese popularen Anliegen unterdrรผckt wurden, was letztlich den Tod des Sozialen bewirkte, sorgt โ so eine zentrale These dieses Beitrags โ der Verfassungsgebende Konvent fรผr eine Wiederbelegung des Sozialen, indem gerade die unterschiedlichen Anliegen von Bewegungen in den Verfassungstext eingeschrieben werden. Mit Rรผckgriff auf die politische Philosophie untersucht der Beitrag sowohl die Spannungen, die das paradoxe Projekt einer popularen anarchistische Verfassung hervorruft, als auch die Perspektiven fรผr emanzipatorische Prozesse.
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Die Rolle der Orthopraxis in der Entwicklung post-utopischer Kibbuz-Modelle (Merlin Becskey)
Dieser Artikel untersucht den Kibbuz Samar als ein seltenes Beispiel einer post-utopischen, egalitรคren Gemeinschaft, die zentrale Prinzipien des demokratischen Kibbuz-Sozialismus bewahrt und anarchistisch inspirierte Selbstorganisationspraktiken integriert. Basierend auf ethnografischer Feldforschung stellt er das Konzept der Orthopraxis โ eine praxisorientierte Alternative zur ideologischen Orthodoxie โ und zeigt, wie Samar hegemoniale neoliberale Logiken sowie bรผrokratischen Realismus unterlรคuft. Trotz wachsender interner Spannungen und externer Transformationsdrucke bleibt Samar ein Ort kollektiver Aushandlung, flexibler Kooperation und solidarischen Wirtschaftens โ als gelebtes Gegenmodell zur kapitalistischen Realitรคt.
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No Future? Die Zunkunft Siziliens (Miryam Frickel)
Der Beitrag untersucht, wie in Palermo auf Sizilien alternative Zukunftsvorstellungen entstehen, die dominante Erzรคhlungen รผber die Mafia und Entwicklung infrage stellen. Anhand der Analysekategorie โSituierter Revisionenโ zeigt er empirisch auf, wie lokale Akteur:innen Machtverhรคltnisse verhandeln, offizielle Narrative umdeuten und eigene Perspektiven auf gesellschaftlichen Wandel formulieren.
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Vom Utopieverlust im Neoliberalismus zum Autoritarismus und zurรผck in die Zukunft (Alexander Neupert-Doppler)
Wie hรคngen der Utopieverlust unserer Zeit und der Aufstieg des rechten Autoritarismus zusammen? Es ist der Erfolg des Neoliberalismus in den vergangenen Jahrzehnten, der gegen die utopische Kernidee der Gestaltbarkeit von Gesellschaft die Alternativlosigkeit des Marktes setzte. Gegenรผber den Menschen folgt daraus eine Anrufung zur Selbstverantwortung, die sich gerade in Krisenzeiten als รberforderung erweist. Aufbauend auf dieser Vereinzelung ist der Rechtspopulismus erfolgreich, indem er nationale Zugehรถrigkeit als Entlastung verspricht. Die Erzรคhlung von allmรคchtigen Verschwรถrungen ist dabei psychoanalytisch auch aus Erfahrungen eigener, verdrรคngter Ohnmacht zu erklรคren. Was geblieben ist, sind Dystopien einer drohenden Zukunft, an die angeknรผpft werden kann, um der politischen Phantasie wieder Zugang zu utopischen Perspektiven zu verschaffen.
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PERIPHERIE-Stichwort: โPrรคfigurative Politikโ (Anja Habersang)
Das PERIPHERIE-Stichwort fรผhrt in die Funktionsweise prรคfigurativer Politik ein. Diese Politik fragt danach, wie Menschen die von ihnen angestrebten Zukรผnfte, utopischen Visionen und Vorstellungen von alternativen Gesellschaften durch ihr gegenwรคrtiges Handeln im Hier und Jetzt experimentell umsetzen, gestalten oder andeuten.
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Unrecht gilt es immer zu bekรคmpfen. Ruth Weiss im Gesprรคch รผber Politisierung, Jรผdischsein zwischen Deutschland und Sรผdafrika und Widersprรผche der Befreiungsbewegungen (Ruth Weiss, Daniel Bendix, Reinhart Kรถรler)
Im Interview mit Daniel Bendix and Reinhart Kรถรler anlรคsslich ihres 100. Geburtstag am 26.7.2024 berichtet die Journalistin, Romanautorin und Anti-Apartheid-Aktivistin Ruth Weiss von ihrer Politisierung in Sรผdafrika nach der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Sie kritisiert die Rolle von westlichen Staaten wie der BRD, deren wirtschaftliche Interessen lange Zeit zur Stabilitรคt des Apartheid-Regimes beitrugen. Wรคhrend Weiss sich angesichts der langfristigen politischen Entwicklungen im sรผdlichen Afrika nach der Unabhรคngigkeit ernรผchtert zeigt, sieht sie Hoffnung in einer gut ausgebildeten, neuen Generation, die gegen autoritรคre Regime und wirtschaftliche Ausbeutung auf- und fรผr Gerechtigkeit einsteht.
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Die amputierte Wiedereinbettung geistiger Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen โ das Fallbeispiel Brasilien (Anne Tittor, Eduardo Relly, Maria Backhouse und Leoni Schlender)
Im Jahr 2010 wurden nach langen Verhandlungen das Nagoya-Protokoll und mit ihm ein zentraler Mechanismus des gerechten Vorteilsausgleich (englisch: Access and Benefit Sharing โ ABS) verabschiedet. Dieser soll der Biopiraterie โ gemeint ist die Aneignung und Patentierung von Wissen und kultivierten Pflanzen durch Pharmazie- oder Agrarunternehmen โ Einhalt gebieten, indem der Zugang zu genetischen Ressourcen geregelt und die lokalen Wissenstrรคger:innen an den Gewinnen dieser Aneignung beteiligt werden. Im vorliegenden Beitrag argumentieren wir anknรผpfend an eine eigentumssoziologische Interpretation von Karl Polanyi, dass dieser ABS-Mechanismus das Ergebnis jahrzehntelanger Aushandlungsprozesse um die gesellschaftliche Wiedereinbettung bzw. soziale Regulierung intellektueller Eigentumsrechte zwischen Marktkrรคften, Staaten des Globalen Sรผdens und sozialen Bewegungen ist. Vor diesem Hintergrund gehen wir der Frage nach, inwieweit damit eine gesellschaftliche Wiedereinbettung bzw. soziale Regulierung dieser Eigentumsform gelingt. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass es sich um eine โamputierteโ Wiedereinbettung des privaten geistigen Eigentums handelt. Denn obwohl diese internationale Norm erstmals die Bedeutung des Indigenen und Traditionellen Wissens anerkennt, kรถnnen wir keine soziale Regulierung intellektuellen Eigentums feststellen: Der Ausschluss der zugrunde liegenden privaten Eigentumsform und die damit verbundenen Inwertsetzungsprozesse werden von dem Mechanismus nicht angetastet, sondern bestรคrkt. Auf lokaler Ebene gelingt bisher nicht einmal die anvisierte monetรคre Umverteilung รผber eine Gewinnbeteiligung. Gleichzeitig erscheint diese Form der Regulierung den meisten Akteuren alternativlos. Dies verdeutlichen wir anhand einer qualitativen Studie zu den gesellschaftlichen Aushandlungen um die Implementierung des ABS-Mechanismus in Brasilien.
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โRasseโ und โRassismusโ in politikwissenschaftlichen Fachwรถrterbรผchern (Floris Biskamp)
Der Beitrag untersucht, wie sich das Verstรคndnis von Rasse und Rassismus in der deutschsprachigen Politikwissenschaft รผber die Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Dafรผr unterzieht er die entsprechenden Eintrรคge in politikwissenschaftlichen Fachwรถrterbรผchern einer qualitativen Inhaltsanalyse. Die Untersuchung zeigt, dass sich das Begriffsverstรคndnis im Laufe der Jahrzehnte verรคndert hat. In der ersten Hรคlfte des 20. Jahrhunderts finden sich offen rassistische Konzeptionen. Diese werden nach dem Ende des Nationalsozialismus zuerst durch Konzeptionen ersetzt, die von der Existenz distinkter Menschenrassen ausgehen und Rassismus als Abwertung oder Benachteiligung einiger Menschenrassen verstehen. Seit den 1970ern treten Konzeptionen hinzu, die die Idee von Menschenrassen zurรผckweisen und Rassismus als eine biologistische Ideologie verstehen, die Menschenrassen erfindet. Im 21. Jahrhundert schlieรlich kommen auch Konzeptionen auf, die, soziologisch und insbesondere poststrukturalistisch informiert, Rassismus als eine biologistische oder kulturalistische Differenzkonstruktion erfassen. Insgesamt zeigt sich, dass der Mainstream des Faches die in den Nachbardisziplinen gefรผhrte rassismuskritische Debatte nur zรถgerlich aufnimmt und auch Konzeptionen wirksam bleiben, die in der Rassismusdebatte gemeinhin als unhaltbar oder รผberholt betrachtet werden.
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