Beschreibung
Was ist uns bisher von den HeldInnen unserer Kindheit verborgen geblieben? Handelt es sich bei Benjamin Blรผmchen um einen รถkologisch-bewegten Wutbรผrger, ist das Sams ein anarchischer Romantiker und Pippi Langstrumpf das Versprechen einer Erziehung nach Auschwitz? Mit groรer Empathie fรผr den Gegenstand beantworten die AutorInnen solche und รคhnliche Fragen รผber beliebte Kinder- und Jugendhรถrmedien aus der Sicht der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften.
Ob von Schallplatte, Kassette, CD oder als mp3 โ Hรถrspiele sind aus unseren Kinderzimmern nicht wegzudenken. โFรผnf Freundeโ, โBenjamin Blรผmchenโ, โTKKGโ und โBibi Blocksbergโ, aber auch Hรถrspiele nach literarischen Vorlagen wie โPippi Langstrumpfโ, โMomoโ, โJim Knopf und Lukas der Lokomotivfรผhrerโ oder โEine Woche voller Samstageโ, darรผber hinaus Mรคrchen- oder Filmhรถrspiele: Fast jede und jeder hat als Kind bestimmte Medien gehรถrt und geliebt. Viele sind mit ihren Hรถrspielen alt โ oder zumindest รคlter โ geworden; Annette Bastian spricht in ihrer Untersuchung mit Bezug auf die 1980er und 90er Jahre von einer Generation der โKassettenkinderโ. Am Erfolg der โdrei ???โ-Live-Tourneen kann man ablesen, dass Hรถrspiele sich auch bei รคlteren Jugendlichen und Erwachsenen groรer Beliebtheit erfreuen.
Der Band โVon Bibi Blocksberg bis TKKGโ will Kinderhรถrmedien aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive deuten und verstehen. Dabei interpretieren die AutorInnen ihr jeweiliges Hรถrspiel vor dem Hintergrund eigener Forschungsschwerpunkte und kommen aus Sicht der Soziologie, Politik-, Erziehungs-, Geschichts- oder Literaturwissenschaft zu ungewรถhnlichen Fragestellungen: Ist Benjamin Blรผmchen ein radikaldemokratischer Aktivist? Kann man Paul Maars โSamsโ-Hรถrspiele im Kontext der RAF deuten? Diffamiert die TKKG-Bande bei ihren Ermittlungen Menschen, die nicht ihrer Norm entsprechen? Lรคsst sich Jim Knopf als Gegenerzรคhlung zur NS-Ideologie lesen? Verkรถrpert Pippi Langstrumpf das Versprechen einer Erziehung nach Auschwitz?
Solche und weitere Fragen werden aus fachwissenschaftlicher Perspektive in diesem Sammelband beantwortet.
Kostenlose Beitrรคge im Open Access:
Sebastian Lotto-Kusche: Antiziganismus und โZigeunerbilderโ in den Kinderhรถrspielen โFรผnf Freundeโ (10.3224/84742326.05)
Die Herausgeber:
Oliver Emde,
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Didaktik der politischen Bildung, Universitรคt Kassel
Dr. Lukas Mรถller,
Erziehungswissenschaftler, derzeit im Schuldienst, Kassel
Dr. Andreas Wicke,
Dozent fรผr Literaturwissenschaft und -didaktik am Institut fรผr Germanistik, Universitรคt Kassel
Hier finden Sie den Waschzettel zum Buch (pdf- Infoblatt).
Zielgruppen: Forschende, Lehrende und Studierende der Soziologie, Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Kulturwissenschaften
Keywords: Kinderhรถrspiele, Kulturwissenschaften, Gesellschaft, Bibi Blocksberg, TKKG, Benjamin Blรผmchen, Die drei ???
Fachbereiche: Soziologie, Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft


Lisa –
Die Beitrรคge des Sammelbandes โVon โBibi Blocksbergโ bis TKKGโ. Kinderhรถrspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektiveโ (2016), herausgegeben von Oliver Emde, Lukas Mรถller und Andreas Wicke, erรถffneten mir vรถllig neue Perspektiven auf die Hรถrspiele und Bรผcher meiner Kindheit. Die Betrachtung der Hรถrspiele erfolgt im Kontext ihrer zeitgeschichtlichen Entstehung sowie der Biographie des Autors bzw. der Autorin. Neben den Texten der behandelten Hรถrspiele bzw. โ sofern vorhanden โ der literarischen Grundlage eines Hรถrspiels werden wissenschaftliche Grundlagentexte und Theorien vor allem aus den Bereichen der Sozialwissenschaft, Psychologie und Geschichte hinzugezogen.
So war mir, die ich die in den Beitrรคgen behandelten Beispiel zuletzt in meiner Kindheit rezipiert habe, vรถllig neu, dass Benjamin Blรผmchen โder erste Grรผneโ gelten kann, Bibi Blocksberg traditionelle Geschlechtervorstellungen manifestiert oder das Sams das Spieรbรผrgertum รผberwinden und die Anfรคnge der RAF reprรคsentieren soll. Manch einer mag die Verknรผpfungen als zu weit hergeholt empfinden, ich denke aber, dass die Verknรผpfungen zumindest mรถglich und einer Untersuchung wert sind. Spannend empfand ich vor allem die Kontextualisierung von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivfรผhrer mit der NS-Erziehung, der Autor Michael Ende wรคhrend seiner Kindheit und Jugend ausgesetzt war โ die Sprache von โreinrassigen Drachenโ, die andersartige Lebewesen unterdrรผcken und quรคlen, hatte mich als Kind komischerweise nicht irritiertโฆ
Aus meinen eignen Erfahrungen aus dem Studium der Medienwissenschaften wรผrde ich die Eignung des Buches vor allem im Bereich der Medienanalyse verorten, allerdings kann es auch aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, was die Kontextualisierung der Hรถrspiele betrifft, oder auch aus pรคdagogischer Perspektive, was die Auswirkungen auf die Rezipienten im Kindesalter und deren Entwicklung angeht, interessant sein. Vor allem fรผr Haus- und Abschlussarbeiten zu einem der Hรถrspiele oder zur Kontextualisierung von Kinderliteratur im Allgemeinen kann der Sammelband als Grundliteratur dienen, enthรคlt es doch spannende Verknรผpfungen und Hinweise auf theoretischen Grundlagen, die zur Analyse herangezogen werden kรถnnen. Mich jedenfalls haben die Beitrรคge zum Nachdenken angeregt.
Julia –
In dem Buch โVon โBibi Blocksbergโ bis โTKKGโโ von Emde/Mรถller/Wicke (2016) werden 10 Beitrรคge zusammengetragen, in denen unterschiedliche Kindergeschichten wie Fรผnf Freunde, Pipi Langstrumpf oder eben Bibi Blocksberg aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive analysiert werden.
Die Themen, die dabei freigelegt werden, reichen von demokratischen Teilhabemรถglichkeiten รผber geschlechterbezogene Rollenvorstellungen bis hin zu kulturellen Narrativen der Ausgrenzung des Anderen. So wird beispielsweise im Beitrag von Mรผnschke aufgezeigt, wie in den TKKG-Hรถrspielen die โBรถsartigkeitโ der des Verbrechens Beschuldigten mithilfe von รberspitzungen der Andersartigkeit unterstrichen wird, die in nationalistischen und rassistischen Motiven gipfelt. Dem gegenรผber wird im Beitrag von Schmitt dargelegt, inwiefern Michel Endes Momo als Kritik an der Beschleunigung des Lebenstempos in der kapitalistischen Gesellschaft betrachtet werden kann.
Die einzelnen Geschichten sind im Stil von Literaturinterpretationen herausgearbeitet und zeigen recht schlรผssig die jeweilige Deutung der Geschichte auf. Diese Vorgehensweise macht das Buch รคuรert gut lesbar, auch fรผr solche LeserInnen, die รผber kaum gesellschafts- und kulturwissenschaftliches Vorwissen verfรผgen, sondern vielleicht mit Pipi, Benjamin und Momo groร geworden sind und sich darauf einlassen, die persรถnlichen unreflektierten Erinnerungen unweigerlich umzuschreiben.
Aus wissenschaftlicher Perspektive lรคsst sich jedoch einwenden, dass in den jeweiligen Analysen eben nur eine Deutung zugelassen und herausgearbeitet wird; was dazu fรผhrt, dass stellenweise ein klassischer โconfirmation biasโ droht; dass das gefunden werden wird, was die eigenen Erwartungen erfรผllt bzw. die eigene Lesart bestรคtigt.
Dabei geschieht รคhnliches, was auch den Geschichten selbst vorgeworfen wird: Eine bestimmte Vorstellung von โgutโ und โbรถseโ wird gezeichnet, die politische Sichtweise der AutorInnen schwingt teilweise mit und die Analyse selbst scheint einem gewissen Zeitgeist unterworfen zu sein. Dies war bereits in der Vorlรคuferanalyse von Strohmeier (2005) der Fall, wenngleich es bei Emde et al. das andere politische Lager zu sein scheint.
All das muss nicht verkehrt sein. Vermutlich ist es gerade der antikapitalistischen und postmateriellen Sichtweise geschuldet, dass die herkรถmmliche Sichtweise auf die Kindergeschichten aufgerรผttelt wird. Nichtsdestotrotz verbleibt aus sozialwissenschaftlicher Sicht der Wunsch, nach klaren Vergleichskategorien und einer strukturieren Inhaltsanalyse, um bleibende Aussagen รผber die kulturelle und politische Deutung machen zu kรถnnen, die frei ist vom Politikbild der WissenschaftlerInnen und dem Vorwurf der Selbstbestรคtigung standhรคlt.