Beschreibung
Was war der Holocaust damals und wie wirkt der Holocaust heute noch? Harry Friebel betrachtet den Themenkomplex โErinnerungskulturโ aus einer interdisziplinรคren Perspektive und untersucht Motivationen, Bedeutungen und Interessenlagen auf verschiedenen Ebenen. Besondere Aufmerksamkeit wird der Wechselseitigkeit von Tรคter- und Opferperspektive innerhalb der NS-Diktatur und im Leben der Nachkommen in einer multikulturellen Moderne gewidmet. Abschlieรend diskutiert der Autor die Frage, wie eine Erinnerungskultur fรผr die Zukunft aussehen kann.
Das Buch lรคdt auch ein zu einem Diskurs รผber intergenerationelle Weitergaben der latenten Wirkungskrรคfte des Nationalsozialismus. Die Kinder und die Enkelkinder der im 2. Weltkrieg durch den Faschismus geprรคgten Geburtskohorten treten eine immaterielle Erbschaft in Form von โGefรผhlserbschaftenโ an: Diese โErbschaftenโ prรคgen die Lebenslรคufe der Nachkommen โ dafรผr brauchen wir ein Verstรคndnis, um NS- Erinnerungsarbeit erfolgreich zu gestalten.
Dazu รถffnen wir uns sowohl fรผr die Logik der Subjekte (Individuen gestalten ihr eigenes Leben auf der Grundlage ihrer Entscheidungen und Handlungen innerhalb ihrer eigenen Mรถglichkeiten) als auch fรผr die Logik der Gelegenheitsstrukturen (Der Lebenslauf der Individuen ist sowohl eingebettet als auch berรผhrt durch die historische Zeit und ihre Ereignisse) โ von damals und von heute. Die NS- Diktatur und NS-Erinnerung mรผssen also doppelt gelesen werden: Sowohl in der Subjekt- als auch in der Strukturperspektive.
Inhaltsverzeichnis + Leseprobe
Der Autor:
Prof. em. Dr. Harry Friebel, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universitรคt Hamburg und Evangelische Hochschule โRauhes Hausโ, Hamburg
Hier finden Sie den Waschzettel zum Buch (PDF-Infoblatt).
Subjects:
Erziehungswissenschaft, Soziologie, Soziale Arbeit
Pressestimmen
Mir gefallen H. Friebels gedankliche Brรผckenschlรคge wie z. B. Subjekt-Logik versus Gelegenheitsstrukturen, Vergangenheitsvergegenwรคrtigung, Dopยญpelstruktur von Wissen und Nicht-Wissen, Beschweigen, intergenerationales Nachbeben. Hilfreich ist seine Unterscheidung des Erinnerns an die NS-Zeit nach gesellยญschaftlichem, institutionellem und individuellem Erinnern. Dieses Erinnern ist in Deutschland auf allen drei Ebenen zunรคchst einmal unangenehm und bedarf des mutigen Arbeitens im Unliebsamen, des mutigen Verzichts auf Verleugยญnung, Verdrรคngung und Beschweigen.
Ingegerd Schรคuble, Kontext, Heft 2/2024
Die Seiten des schmalen Buches drohen vor lauter Bezรผgen, Belegen und Fuรnoten nahezu zu platzen, aber Harry Friebel verliert nie den Bezug zu seinen Leitfragen. Auch der persรถnliche Ton und die klare Haltung machen das Essay zu einem sehr lesenswerten Werk mit spannenden Herangehensweisen und Verknรผpfungen.
Ronja Inhoff, Auรerschulische Bildung, 2/2024
Jenseits aller unterschiedlichen Interpretationen, Sicht- und Herangehensweisen in Hinblick auf die Aufarbeitung der von Deutschen begangenen Verbrechen vermittelt Friebel in seinem Buch die zentrale Botschaft: ยปWenn die Wirkmรคchtigkeit des NS-Terrorregimes von 1933 bis 1945 auch heute noch (…) weiter deutlich aufspรผrbar ist, dann sagt uns das: Gestern ist auch morgen!ยซ (S. 77) Damit meint er eben nicht nur die Aufarbeitung in einem allgemeinen politischen Kontext, sondern die Herausforderung jedes Einzelnen, sich seiner Familiengeschichte zu stellen.
Joachim Geffers, hlz โ Zeitschrift der GEW Hamburg 5-6/2024
Der Essay ist eine dicht geschriebene Vergegenwรคrtigung der bisherigen Erinnerungskultur und ein nachdrรผckliches Plรคdoyer รผber eine zukรผnftige nachzudenken. Die NS-Zeit als Bildungsauftrag im Gedรคchtnis zu behalten โ und hier vor allem auch im familienbiografischen โ und sie weiterhin รถffentlich zu machen, ist die Kernbotschaft seines Essays.
Benno Hafeneger, Journal fรผr Politische Bildung, 1-2024
Das Bรผchlein thematisiert die in vielerlei Hinsicht misslungene NS-Vergangenheitsbewรคltigung, die in der Bundesrepublik nach 1945 zur Pflichtveranstaltung wurde, die aber nicht wirklich als breite zivilgesellschaftliche Aktivitรคt oder als allgemeine รnderung des Geschichtsbewusstsein zur Geltung kam. […] Als Sammlung von Denkanstรถรen und sachdienlichen Hinweisen kann das Buch […] zur Einfรผhrung in den Themenkomplex genutzt werden.
Johannes Schillo auf socialnet, 9.11.2023
Ingegerd Schรคuble, Dipl.-Soziologin Supervisorin DGSv, Mรผnchen –
Gerade in einer Zeit, in der so viele Menschen die kriegerische Auseinandersetzung dem friedlichen Austausch und Ringen vorziehen, sind die Gedanken Harry Friebels umso wichtiger: Krieg und Gewalt mรถgen als Ausdruck einer Gefรผhlslage eine gewisse momentane Entlastung versprechen. Menschen mรผssen aber danach auch mit den (Langzeit-)Folgen ihres Tuns/ ihres Denkens/ ihres Fรผhlens irgendwie klar kommen โ im eigenen Innern wie auch in der Auรenwelt. Wie belastend und langwierig das ist und welche persรถnlichen, institutionellen und gesamtgesellschaftlichen Implikationen das hat, stellt Harry Friebel in seinem Essay eindrรผcklich dar. Es lohnt, diesen Essay sehr sorgfรคltig zu lesen โ er bezieht sich explizit auf die deutsche Erinnerungskultur hinsichtlich des Nationalsozialismus, Gรผltigkeit haben die Gedanken aber auch fรผr jede andere Epoche und jede kollektive Haltung.
Laila Riedmiller –
Harry Friebel strebt in diesem knappen Essay an, โauf Verschrรคnkungen von individueller und kollektiver Problematik, auf den Zusammenhang von NS-Geschichte und Gegenwart, auf die Perspektiven der Tรคter und Opferโ (S. 8) hinzuweisen und sich mit einer mรถglichen, besseren Erinnerungskultur auseinanderzusetzen. Dass all dies auf unter 100 Seiten in einem kleinformatigen Buch nur unvollstรคndig passieren kann, macht er direkt zu Beginn deutlich. Zweifelsohne behandelt er ein relevantes Thema und die Auseinandersetzung mit diesem ist wichtig. Gleichzeitig sind gerade in den letzten Jahren unzรคhlige qualitativ unterschiedlich รผberzeugende Publikationen zum Thema erschienen, weshalb sich Verรถffentlichungen zu dem Thema auch daran messen lassen sollten, (1) mit welcher Absicht und welchem Zielpublikum vor Augen sie geschrieben sind, (2) welche Impulse durch den Kontext der jeweiligen Autor*innen geliefert werden kรถnnen und (3) inwiefern der aktuelle Forschungsstand abgedeckt ist und darauf Bezug genommen wird.
Mich persรถnlich konnte Friebel leider nicht รผberzeugen und an den genannten drei Punkten mรถchte ich dies ausfรผhren.
1. Das Verhรคltnis von Text und Zitaten scheint mir unausgewogen. So liest sich der Essay auf vielen Seiten eher wie das Ergebnis einer Literaturrecherche, bei dem auf beinah jeder Doppelseite lange eingerรผckte Zitate zu finden sind. Wer sich mit dem Thema bereits befasst hat und etwa die Arbeiten der Mitscherlichs kennt, kann hier getrost einige Seiten รผberspringen. Wer die zugrundeliegende Literatur noch gar nicht kennt, kann ggf. die Auswahl der Texte und die daraus entstehenden Lรผcken nicht ausreichend bewerten. Gleichzeitig ist der Literaturbezug aufgrund der Kรผrze des Essays nur sehr knapp, weshalb er notwendig unvollstรคndig bleibt. Hier hรคtte ich mir dann entsprechend des Essayformats eine stรคrkere Gewichtung zugunsten eigener Analyseergebnisse gewรผnscht โ oder aber ein anderes Format, in dem genug Platz ist fรผr eine dann auch tatsรคchlich vollstรคndigere Abbildung des Forschungsstandes ebenso wie fรผr umfassendere Ausfรผhrungen Friebels, dessen Forschungsprofil auf spannende Analyseergebnisse im Rahmen einer umfassenderen Arbeit schlieรen lรคsst. Aufgrund der vielen Zitate empfand ich den Essay daher insgesamt als wenig abgerundet, vor allem, da im Kontrast dazu in vielen Fuรnoten sehr persรถnliche Kommentare abgegeben und Erlebnisse geschildert werden, die m.E. viel prominenter in den Haupttext hรคtten verlagert werden kรถnnen. Der unvollstรคndige Zugriff auf unterschiedliche Literatur kann, so meine Sorge, gerade Einsteiger*innen ins Thema tendenziell verwirren. Dem Fazit zufolge geht es Friebel darum, seine Leser*innen zu erinnerungskultureller Gruppenarbeit zu motivieren und diese Arbeit auf Nachfrage auch persรถnlich zu begleiten, wobei er aber keine weiteren Informationen รผber seine damit verbundene (bspw. pรคdagogische) Kompetenz offenlegt. Ich unterstelle ihm keinesfalls, dass dies seine Absicht war, sondern dass das Angebot ehrlichen moralischen Verpflichtungsgefรผhlen entspringt. Aber zumindest bei mir bleibt dadurch ein gewisses Gefรผhl, dass das Buch (auch) der Selbstwerbung dient.
2. Friebel ist Soziologe mit einem Fokus (laut Wikipedia) u.a. auf Bildungs- und Sozialisationstheorie, Biographieforschung und Geschlechterforschung. Aus dieser Perspektive ist es naheliegend und spannend, sich mit der Verbindung individueller Biographien und kollektiven Erinnerns zu befassen. Durch den Rรผckgriff auf unterschiedliche Autobiographien von Nachkommen der Opfer sowie der Tรคter des Holocaust gelingt es ihm, die intergenerationalen Verstrickungen herauszustellen und zu betonen, wie wichtig eine Aufarbeitung ist. Allerdings hรคtte ich mir gerade hier einen stรคrkeren Bezug auf die politische Ebene erhofft, der beim Thema Nationalsozialismus fundamental ist. Zwar ist es relevant, auf die psychosozialen Folgen der mit dem Schweigen konfrontierten Nachkriegsgeneration hinzuweisen und die moralische Zerreiรprobe zu schildern, vor der die Kinder stehen. Allerdings fรผhrt ein derart starker Fokus auf Traumatisierung und moralische Kritik schnell zu einer Depolitisierung des Nationalsozialismus. Ich halte es methodisch fรผr schwierig, hier die Tรคter- und Opferseite relativ gleichberechtigt nebeneinander zu verhandeln. Denn wรคhrend es fรผr die Nachkommen der Verfolgten und Getรถteten essentiell ist, die intergenerationalen Traumata aufzuarbeiten, liegt es in der Verantwortung der Tรคtergeneration und ihrer Nachkommen, ihre Verantwortung und aktive und ideologisch รผberzeugte Beteiligung an der Vernichtung aufzuarbeiten. Ein zu starker Fokus auf die psychosozialen und traumatisierenden Folgen des Nationalsozialismus und des Verschweigens auf Tรคterseite suggeriert eine Opferposition, wenn sie nicht mit dem historischen Kontext und der Betonung der politischen und ideologischen รberzeugung fรผr den Nationalsozialismus verbunden wird. Zwar bezieht sich Friebel an vielen Stellen auf die Arbeiten bspw. von Harald Welzer. Der starke Fokus auf die psychische Belastung auch von Tรคter*innen-Nachkommen hรคtte in meinen Augen aber besser kontextualisiert werden mรผssen, was in diesem schmalen Format kaum gelingt.
3. Wie schon erwรคhnt, sind zum Thema der Erinnerungskultur in den vergangenen Jahren, insbesondere vor dem Hintergrund des โHistorikerstreits 2.0โ, viele Bรผcher herausgekommen. Einige davon werden forschungsintern kontrovers diskutiert. So stehen sich beispielsweise Michael Rothbergs Konzept des โmultidirektionalen Erinnernsโ und die Kritik an diesem (bspw. von Dan Diner oder Steffen Klรคvers) gegenรผber. Auch die Autorin Charlotte Wiedemann ist, ebenso wie ihr Buch โDen Schmerz der Anderen begreifenโ, umstritten. Das bedeutet nicht, dass man auf die Autor*innen nicht verweisen kann, es fรคllt allerdings auf, dass Friebel der Heterogenitรคt der gegenwรคrtigen Holocaustforschung und den erbitterten Auseinandersetzungen um Formen des Erinnerns keinerlei Beachtung schenkt und seine Bezugnahme auf diese kulturwissenschaftlich geprรคgte Strรถmung nicht kontextualisiert. Da es der explizite Anspruch des Autors ist, eine โErinnerungskultur fรผr die Zukunftโ (Klappentext) zu entwerfen, stellt sich zwangslรคufig die Frage, wie eine solche Erinnerungskultur inhaltlich aussehen kann. Und hier ist die nicht transparent begrรผndete รbernahme einer Forschungstradition, die sich dem Vorwurf einer Gleichsetzung von Antisemitismus und Rassismus und einer mindestens unbeabsichtigten Relativierung des Holocaust vor dem Hintergrund andere globaler Verbrechen wie dem Kolonialismus ausgesetzt sieht, mindestens problematisch. Hier wรคre eine sorgfรคltigere und vollstรคndigere Auseinandersetzung mit den aktuellen Debatten gewinnbringend und nรถtig gewesen, um die spezifische Relevanz der individuellen familiengeschichtlichen Aufarbeitung im Kontext dieses Konflikts zu betonen.
Denn, so mein Fazit: Der Forschungshintergrund von Friebel hat das Potential, die forschungsseitig geรคuรerte Kritik an einer mangelnden Aufarbeitung individueller Tรคterschaft und der Auswirkungen ebendieser auf die Nachfolgegenerationen produktiv zu wenden. Soll eine solche biografisch orientierte Aufarbeitung aber auch eine politisch-emanzipatorische Ebene haben, den noch immer bestehenden Rassismus und Antisemitismus รผberwinden und nicht nur bestehende psychische Konflikte befrieden, so ist fรผr ein solches Projekt die tiefgehende Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen von Erinnerungskultur und den sich daraus jeweils ergebenden Schwierigkeiten nรถtig. Dies jedoch gelingt Friebel im vorliegenden Essay nicht, weshalb ich zwar die Intention begrรผรe, von der Umsetzung aber leider nicht รผberzeugt bin.