Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
3-2017 (Heft 148): Zivile Konfliktbearbeitung
Schwerpunkt
Rebecca Gulowski / Christoph Weller: Zivile Konfliktbearbeitung. Kritik, Konzept und theoretische Fundierung
Julian Bergmann: EU-Friedensmediation auf dem Prรผfstand โ Zwischen hohem Anspruch und komplexer Wirklichkeit
Daniela Pastoors: Berater*in im Konflikt โ Verschiedene Rollen in der Friedens- und Konfliktarbeit
Carina Pape: Die neue Sichtbarkeit. Ziviler Ungehorsam zweiter Stufe
Diskussion
Clemens Jรผrgenmeyer: Wahrheit, Widerstand und selbstloses Handeln. M.K. Gandhis Ethik der Gewaltfreiheit
Thomas Mickan / Alke Jenss / Adrian Paukstat / Mechthild Exo: Epistemisches Unbehagen. Die partizipative Entwicklung des Krisenengagements der Bundesrepublik und ihre Kritik
PERIPHERIE-Stichwort
Tilman Schiel: Failed State
Rezensionen
Brigita Malenica: Miriam Schroer-Hippel: Gewaltfreie Mรคnnlichkeitsideale. Psychologische Perspektiven auf zivilgesellschaftliche Friedensarbeit
Reinhart Kรถรler: Luke Sinwell mit Siphiwe Mbatha: The Spirit of Marikana. The Rise of Insurgent Trade Unionism in South Africa
Arndt Hopfmann: Kako Nubukpo, Martial Ze Belinga, Bruno Tinel & Demba Mussa Dembele (Hg.): Sortir lโAfrique de la servitude monรฉtaire. ร qui profi te le franc CFA?
Reinhart Kรถรler: รscar Garcรญa Agustรญn & Martin Bak Jรธrgensen (Hg.): Solidarity without Borders. Gramscian Perspectives on Migration and Civil Society Alliances
Werner Ruf: Elke Grawert & Zeinab Abul-Magd (Hg.): Businessmen in Arms. How the Military and other Armed Groups Profit in the MENA Region
Gregor Seidl: Alke Jenss: Grauzonen staatlicher Gewalt. Staatlich produzierte Unsicherheit in Kolumbien und Mexiko
Bettina Engels: Frauke Banse: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing? Gewerkschaften in Ghana und Benin, die Fรถrderung der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Economic Partnership Agreements (EPAs)
Reinhart Kรถรler: Damien Short: Redefining Genocide. Settler Colonialism, Social Death and Ecocide
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Abstracts
Zivile Konfliktbearbeitung. Kritik, Konzept und theoretische Fundierung (Rebecca Gulowski, Christoph Weller)
โZivile Konfliktbearbeitungโ ist vornehmlich ein politischer Begriff. Durch theoretische Fundierung seiner drei Teile wird in dem Beitrag ein Konzept entwickelt, das nicht nur differenziertere Analysen ermรถglicht, sondern auch kritische Perspektiven erรถffnet. So werden zunรคchst die Selbstwidersprรผche des โzivilenโ in der zivilen Konfliktbearbeitung herausgearbeitet und dann durch Rรผckgriffe auf Simmel, Coser, Dahrendorf und Mouffe die konzeptionellen Grundlagen fรผr ein fundiertes Konfliktverstรคndnis ziviler Konfliktbearbeitung entwickelt. Darauf aufbauend lรคsst sich dann die Konflikt-Bearbeitung als Vergesellschaftungsprozess im Zusammenhang sozialen Wandels verstehen. Diese Konzeptualisierung des Begriffs erรถffnet den Blick auf die Transformation von Konflikten auf struktureller, institutioneller und auf Akteur*innen-Ebene und stรผtzt zugleich die politische Kritik am Interventionismus in fremde Konflikte. Schlagwรถrter: Konflikt, Zivile Konfliktbearbeitung, Konflikt-Begriff, Gewalt, Interventionismus, Konflikttheorie
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EU-Friedensmediation auf dem Prรผfstand โ Zwischen hohem Anspruch und komplexer Wirklichkeit (Julian Bergmann)
Die Europรคische Union hat seit den 2000er Jahren eine beachtliche Bilanz als Mediatorin in innerstaatlichen Konflikten aufzuweisen Insbesondere in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, den Lรคndern des Westlichen Balkan, hat die EU eine Reihe von Mediationsinitiativen unternommen. Mediation ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der Bemรผhungen der EU, Krisen und gewaltsame Konflikt mit zivilen Mitteln zu verhindern und zu bewรคltigen. Doch inwiefern ist es der EU bereits gelungen, den eigenen Anspruch im Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung einzulรถsen? Dieser Frage widmet sich der folgende Artikel und geht ihr im Bereich Friedensmediation in zwei Dimensionen nach: erstens hinsichtlich des Anspruchs der Entwicklung und Stรคrkung der Mediationskapazitรคten, und zweitens in Bezug auf die Frage, inwiefern EU-Friedensmediation erfolgreich ist und somit einen positiven Beitrag zur Konfliktbearbeitung leistet. In Bezug auf die erste Dimension zeigt sich, dass die EU tatsรคchlich ihre Fรคhigkeiten und institutionellen Strukturen fรผr Friedensmediation deutlich ausgebaut und damit ihren eigenen Anspruch eingelรถst hat. Gleichwohl hat dies auch zu einer institutionellen Fragmentierung gefรผhrt, die den Koordinationsbedarf zwischen den einzelnen Institutionen deutlich erhรถht. Hinsichtlich der zweiten Dimension zeigt die Analyse von zwei Fallbeispielen (Belgrad-Pristina Dialog und die Genfer Gesprรคche รผber Georgiens Territorialkonflikte) dass EU-Friedensmediation in den beiden Fรคllen einen positiven Effekt auf die Konfliktdynamik hat. Trotz einiger Teilerfolge muss jedoch auch konstatiert werden, dass die EU in beiden Konflikten keine vollstรคndige Konfliktbeilegung erreichen konnte. Gerade in Bezug auf zwei Konfliktsituationen in der EU-Nachbarschaft, in der die EU durch die EU-Beitrittsperspektive einen vergleichsweise langen โHebelโ gegenรผber Konfliktparteien besitzt, macht dieser Befund die Grenzen der Einflussmรถglichkeiten der EU deutlich. Schlagwรถrter: Europรคische Union, Mediation, Vermittlung, Konfliktmanagement, zivile Konfliktbearbeitung
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Berater*in im Konflikt โ Verschiedene Rollen in der Friedens- und Konfliktarbeit (Daniela Pastoors)
Menschen, die als Auรenstehende zur Konfliktbearbeitung hinzugezogen werden, intervenieren auf vielfรคltige Weise und sie haben unterschiedliche Rollen inne. Hรคufig wird dabei von Beratung gesprochen, ohne dass immer klar ist, was damit gemeint ist. Dieser Beitrag betrachtet die Tรคtigkeiten und Rollen von Friedensfachkrรคften, stellt Konzepte zur Unterscheidung und Einordnung von Interventionsformen und Beratungsrollen vor und diskutiert diese. Dabei wird deutlich, dass die Unterscheidung zwischen direktivem, transitivem und prรคskriptivem Vorgehen einerseits und non-direktiver, reflexiver und elicitiver Herangehensweise andererseits sowohl fรผr Berater*innen als auch fรผr Friedensfachkrรคfte relevant ist. Der Beitrag plรคdiert fรผr die selbstreflexive Auseinandersetzung mit der Rolle als intervenierende Drittpartei und in der Konsequenz fรผr den Austausch von Erkenntnissen zwischen Beratungswissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung und transdisziplinรคre Kooperation zwischen Forschung und Praxis. Schlagwรถrter: Beratung, Dritt-Parteien-Intervention, elicitive Konflikttransformation, Peacebuilding, Prozessbegleitung, Ziviler Friedensdienst
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Die neue Sichtbarkeit. Ziviler Ungehorsam zweiter Stufe (Carina Pape)
Ziviler Ungehorsam ist ein bedeutendes demokratisches Instrument. Habermas zufolge muss er in der Schwebe zwischen Legalitรคt und Illegalitรคt bleiben, um im demokratischen Legitimierungsprozess seine transformative Kraft zu behalten. Da โneue Formen politischer Vergemeinschaftung mit den hergebrachten Kategorien einzelstaatlicher Demokratie nicht zu greifen sindโ (Niesen u.a.), bietet das Konzept des zivilen Ungehorsams eine Alternative. Gerade das Spannungsverhรคltnis von Legalitรคt und Legitimitรคt ermรถglicht es, bestimmte Aktionen von geflรผchteten und flรผchtenden Menschen als zivilen Ungehorsam zu beschreiben. Hinzu kommt die โneue Sichtbarkeitโ flรผchtender Menschen, das bewusste Sich-Wenden an die รffentlichkeit. Sofern wir nicht die rechtlich anerkannte Teilhabe an der Gesellschaft im Sinne der Staatsbรผrgerschaft einer Person als bedeutsam werten, sondern die Teilhabe an der Gesellschaft aufgrund der Anerkennung dieser (annรคhernd gerechten) Gesellschaft durch die Person, gibt es keinen Grund, den (noch) nicht Eingebรผrgerten das โRechtโ auf zivilen Ungehorsam abzusprechen. Der Vorzug dieses zivilen Ungehorsams zweiter Stufe โ eines weltbรผrgerlichen Ungehorsams โ liegt darin, dass er eine aus der Praxis heraus gewachsene Form grenzรผberschreitender zivilgesellschaftlicher Partizipation darstellt, die in eben dieser Praxis Wirkung zeigt. Schlagwรถrter: Ziviler Ungehorsam, Flรผchtling, Werte, Habermas, Arendt, Rawls, Normativitรคt
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