Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
3-2024 (Heft 176): Rassismus und Kapitalismus
Schwerpunkt
Roger Southall: Racial Capitalism heute: รberlegungen aus Sรผdafrika (im Open Access verfรผgbar)
Stanislav Serhiienko: Endre Sรญk und das Rassenproblem im sowjetischen Diskurs. Zur Geschichte eines frรผhen โkonstruktivistischenโ Rassenbegriffs
Kolja Lindner: Marxismus vor der postkolonialen Herausforderung. Historischer Materialismus und Racial Capitalism
Eleonora Roldรกn Mendรญvil: Racial capitalism, Geschlecht und โRasseโ. Konzeptionelle Mรถglichkeiten und Grenzen (Debatte)
Monique Ritter: Intersektionale Ausschlรผsse im Gewebe von รkonomisierung, โRasseโ und Geschlecht. Empirische Perspektiven aus der Altenpflege in Dresden (im Open Access verfรผgbar)
Wulf D. Hund: โRasseโ. Kommentar zur Hypertrophie eines vielschichtigen Begriffs
PERIPHERIE-Stichwort
Anil Shah: Racial Capitalism
Rezensionen
Reinhart Kรถรler: Susan Khoshy, Lisa Marie Cacho, Jodi A. Byrd & Brian Jordan Jefferson (Hg.): Colonial Racial Capitalism
Rita Schรคfer: Cathi Albertyn, Meghan Campbell, Helena Garcia Alviar, Sandra Fredman & Martha Rodriguez de Assis Machado (Hg.): Feminist Frontiers in Climate Justice. Gender Equality, Climate Change and Rights
Joachim Hirsch: Ulrich Brand & Markus Wissen: Kapitalismus am Limit. รko-imperiale Spannungen, umkรคmpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven
Rita Schรคfer: Alex Veit & Daniel Fuchs (Hg.): Eine gerechte Weltwirtschaftsordnung? Die โNew International Economic Orderโ und die Zukunft der Nord-Sรผd-Beziehungen
Eleonora Roldรกn Mendรญvil: Gargi Bhattacharyya, Adam Elliott-Cooper, Sita Balani, Kerem Niลancฤฑoฤlu, Kojo Koram, Dalia Gebrial, Nadine El-Enany & Luke de Noronha: Empireโs Endgame. Racism and the British State
Rita Schรคfer: Olumide Femi Makanjuola & Jude Dibia (Hg.): Love Offers No Safety. Nigeriaโs Queer Men Speak
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebรผhr): peripherie.budrich-journals.de
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Abstracts
Racial Capitalism heute: รberlegungen aus Sรผdafrika (Roger Southall)
Dieser Artikel setzt sich mit der verbreiteten Kritik auseinander, Sรผdafrika stelle auch im Post- Apartheid-Kontext weiterhin ein Paradebeispiel von โracial capitalismโ dar. Diese Kritik wird mit Verweis auf die anhaltende Vorherrschaft von Weiรen bei Kontrolle und Management von Groรunternehmen begrรผndet, ungeachtet der im Kontext der Post-Apartheid verwirklichten Strategien von Black Economic Empowerment und โEmployment Equityโ. Hier wird die These vertreten, dass mit der Betonung der Kontinuitรคten von โracial capitalismโ in Sรผdafrika das Ausmaร unterschรคtzt wird, in dem sich die Struktur des sรผdafrikanischen Kapitalismus verรคndert hat: wie die Internationalisierung des โGroรkapitalsโ dessen Beziehung zur schwarzen Arbeiter:innenschaft verรคndert hat, wie der Machtantritt des African National Congress die Beziehung zwischen Staat und Kapital verรคndert hat und wie die Verรคnderungen bei den Investitionsmustern (neben schwarzen Investitionen vor allem รผber Renten- und andere Investitionsfonds sowie vor allem Investitionen des chinesischen und indischen Finanzkapitals) den Charakter des โracial capitalismโ qualitativ verรคndert haben. Kurz, zwar weist die Wirtschaft Sรผdafrikas im Post-Apartheid-Kontext nach wie vor ein starkes Ungleichgewicht zugunsten Weiรer auf, doch hat der รbergang der politischen Macht von Weiรen an einen รผberwiegend mit Schwarzen besetzten Staat in hohem Maร das Terrain verรคndert, auf dem sich der Kapitalismus nun zu bewegen hat. Ohne diese Verรคnderungen zu berรผcksichtigen, ist eine statische Vorstellung von โracial capitalismโ nicht in der Lage, ein adรคquates Bild des gegenwรคrtigen Sรผdafrika zu zeichnen. Schlagwรถrter: Racial capitalism; African National Congress (ANC) Black Economic Empowerment (BEE); โWhite Monopoly Capitalismโ / โweiรer Monopolkapitalismusโ; schwarze Mittelklasse; De-Rassialisierung; Transformation
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Endre Sรญk und das Rassenproblem im sowjetischen Diskurs. Zur Geschichte eines frรผhen โkonstruktivistischenโ Rassenbegriffs (Stanislav Serhiienko)
Dieser Artikel untersucht einen frรผhen Versuch des ungarischen Kommunisten Endre Sรญk in der stalinistischen Sowjetunion, einen โkonstruktivistischenโ Begriff der Rasse auf marxistischer Grundlage zu formulieren. Der Artikel zeigt, wie die Idee der โRasse als soziale Kategorieโ in den Diskussionen innerhalb der Komintern รผber die โNegerfrageโ durch den Versuch, einen โgenuinโ marxistischen Ansatz fรผr die Rassenfrage herauszuarbeiten, aufkam und wie die Stalinisierung der Komintern und der kommunistischen Parteien, der Dogmatismus und der Antipluralismus zur Unterdrรผckung und schlieรlich zum vรถlligen Vergessen dieses frรผhen Versuchs fรผhrten. Schlagwรถrter: Rasse, Marxismus. Komintern, Sowjetunion, USA, โNegerfrageโ
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Marxismus vor der postkolonialen Herausforderung. Historischer Materialismus und Racial Capitalism (Kolja Lindner)
Im Feld kritischer Gesellschaftstheorien sind Marxismus und Postcolonial Studies zwei Geschwister, zwischen denen es oft Familienkrach gibt. Beide treten mit grundsรคtzlich herrschaftskritischen Ansprรผchen an, werfen der jeweils anderen Seite aber regelmรครig vor, diese nicht einzulรถsen, wenn es darum geht, die kapitalistische Produktionsweise global zu denken. Dieser Beitrag fokussiert auf die postkoloniale Kritik an der Art und Weise, wie Marx und der Marxismus historische Entwicklung denken und wie der Marxismus auf diese Kritik reagiert hat. Anschlieรend diskutiert er jene Elemente aus Marxโ Werk, die im Zentrum der postkolonialen Kritik stehen, da sie ein Verstรคndnis des globalen Kapitalismus blockieren. Ferner geht es darum, bestimmte Teile von Marxโ Werk als ein sozialwissenschaftliches Projekt zu rekonstruieren, das es erlaubt, die genannten Probleme zu รผberwinden. Abschlieรend werden anhand der Begriffe von Racial Capitalism und รberausbeutung einige รberlegungen angestellt, wie sich eine Analyse globaler Ungleichheiten bzw. von Rassismus entwickeln lรคsst, die sich am Marxโschen Werk orientiert ist, ohne dessen Eurozentrismus zu reproduzieren. Schlagwรถrter: Historischer Materialismus, Eurozentrismus, Postkoloniale Studien, Marx(-ismus), Rassismus
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Intersektionale Ausschlรผsse im Gewebe von รkonomisierung, โRasseโ und Geschlecht. Empirische Perspektiven aus der Altenpflege in Dresden (Monique Ritter)
Vor dem Hintergrund des Fachkrรคftemangels in der Altenpflege und den nationalรถkonomischen Bestrebungen, Migrant*innen fรผr die Pflegeberufe zu gewinnen, nimmt der Beitrag eine mรถgliche herkunftsdiverse Zusammenarbeit im Handlungsfeld der hรคuslichen Altenpflege in der Stadt Dresden in den Blick. Auf der Grundlage aktueller Forschungsergebnisse betrachte ich das Verhรคltnis von Rassismus und Kapitalismus (in Form von รkonomisierungszwรคngen) und frage danach, wie sich diese Herrschaftsverhรคltnisse im beruflichen Alltag der Altenpflege artikulieren. Dieser Fragestellung nรคher ich mich aus materialistisch informierten Perspektiven rassismuskritischer Theorie und Forschung. Es wird aufgezeigt, wie sich Rassifizierung und รkonomisierung kontextspezifisch miteinander verschrรคnken kรถnnen, sodass sich gegenรผber migrantischen Arbeiter*innen ein Ausschlussbegehren manifestiert. In dieser Gemengelage werde ich Einblicke erรถffnen, wie die Differenzlinien โRasseโ und Geschlecht am Beispiel von als Schwarz oder muslimisch und mรคnnlich gelesenen Altenpflegekrรคften intersektional zusammenwirken und geschlechtsspezifisch-rassifizierte Ausschlรผsse herstellen und verstรคrken. Der Beitrag veranschaulicht, wie rassistischer Ausschluss in den Dienst genommen werden kann, die Mehrwertrealisierung (vermeintlich) abzusichern. Auch wenn Rassismus und Kapitalismus in ihrer Genese eng miteinander verwoben waren und die Kategorie โRasseโ geschaffen wurde, um das imperiale Streben nach Ausbeutung und Aneignung zu plausibilisieren, verfรผgt der Rassismus nunmehr รผber eine relative Autonomie. Rassismus und Kapitalismus gehen nicht ineinander auf; vielmehr beeinflussen sie einander wechselseitig und wirken in konkreten Situationen auf spezifische Art und Weise zusammen. Schlagwรถrter: Rassifizierter Kapitalismus, Rassismus, Intersektionalitรคt, รkonomisierung, Altenpflege, Geschlecht, mรคnnlich, Ausschluss
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