Inhalt
ZPTh โ Zeitschrift fรผr Politische Theorie
1-2021: Themenschwerpunkt: Eingriffe in den Markt
Gast-Hrsg.: Stefan Gosepath & Peter Niesen
Stefan Gosepath / Peter Niesen: Editorial der Gastherausgeber
Abhandlungen
Marco Meyer: Die Rolle der Gerechtigkeit in der Regulierung von Mรคrkten
Jรผrgen Sirsch: Wie sollte eine โProperty-Owning Democracyโ realisiert werden? Eine Diskussion von redistributiven Maรnahmen unter nicht-idealen Bedingungen
Sebastian Huhnholz: Der permanente Fiskalvertrag. Die steuerdemokratische Effizienz kollektiver Gรผter bei Knut Wicksell und James M. Buchanan
Fabian Schuppert: Zur Auferlegung systemischer Finanzrisiken. Moralische Unzulรคssigkeit und staatliche Sorgfaltspflicht
Weitere Abhandlung
Daniel Schulz: Politische Theorie des Datenschutzes. Ein Beitrag zur Mischverfassung der Moderne
Forschungsbericht
Andrรฉ Brodocz / Manuel Kautz: Kรถnnen Frauen nur von Frauen reprรคsentiert werden? รber den Forschungsstand zur deskriptiven und substantiellen Reprรคsentation von Frauen in Parlamenten anlรคsslich der Paritรฉ-Urteile in Brandenburg und Thรผringen
Rezension
Christian E. Roques: Ist der Ordoliberalismus noch aktuell? Die deutsche Tradition im Spannungsfeld von Modernisierung, Globalisierung und Neoliberalisierung
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Abstracts
Die Rolle der Gerechtigkeit in der Regulierung von Mรคrkten (Marco Meyer)
Wann Einkommen und Vermรถgen gerecht verteilt wรคren, ist unter politischen Philosophinnen umstritten. Die unterschiedlichen Standpunkte beruhen auf unterschiedlichen Theorien von Gerechtigkeit und auf unterschiedlichen รถkonomischen Annahmen. Einig sind sich viele Autorinnen aber darin, dass die tatsรคchliche Verteilung von Einkommen und Vermรถgen in entwickelten Marktwirtschaften ungerecht sei. Eine gerechte Verteilung von Einkommen und Vermรถgen erfordere folglich Eingriffe in deren vom Markt hervorgebrachte tatsรคchliche Verteilung. Diese weithin geteilte Einsicht wirft die Frage auf, wo und wie in die Verteilung von Einkommen und Vermรถgen eingegriffen werden sollte. Steuern und Transferzahlungen werden allgemein fรผr geeignet gehalten, vom Markt hervorgebrachte Verteilungen gerechter zu machen. Strittig ist, ob darรผber hinaus auch die Mรคrkte selbst so gestaltet werden kรถnnen, dass sie Einkommen und Vermรถgen gerechter verteilen. Einflussreiche politische Philosophinnen wie John Rawls halten Steuern und Transfers fรผr hinreichend. Ich halte dagegen, dass diese Eingriffe nicht hinreichen, und dass zur Schaffung von Gerechtigkeit in die Regulierung von Mรคrkten eingegriffen werden sollte. Ihre Regulierung sollte nicht nur Kriterien der Effizienz folgen, sondern auch Kriterien der Gerechtigkeit. Schlรผsselwรถrter: Gerechtigkeit, Mรคrkte, John Rawls, Wohlfahrtsรถkonomik, Steuern, Regulierung
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Wie sollte eine โProperty-Owning Democracyโ realisiert werden? Eine Diskussion von redistributiven Maรnahmen unter nicht-idealen Bedingungen (Jรผrgen Sirsch)
Damit Normative Politische Theorie kein Selbstzweck bleibt, ist es notwendig, sich mit Strategien zur Realisierung gerechter Gesellschaften zu beschรคftigen. Allerdings hat sich in groรen Teilen der Normativen Politischen Theorie ein, aus der Sicht von realistischen und komparativen Kritiker*innen, zunรคchst ungeeignet erscheinender idealtheoretischer Zugang etabliert. Im Rahmen idealer Theorie steht meist die Frage im Mittelpunkt, wie Prinzipien und Institutionen einer vollstรคndig gerechten Gesellschaft aussehen (Rawls 2001). Der idealtheoretische Ansatz beansprucht jedoch auch, praktische Fragen nach gerechtem politischem Handeln unter nicht-idealen Bedingungen zu beantworten: Im Rahmen des โIdeal Guidance Approachโ (IGA) werden verfรผgbare politische Maรnahmen nicht nur im Hinblick auf ihre unmittelbaren, gerechtigkeitsrelevanten Folgen beurteilt, sondern auch, inwiefern sie langfristig zur Erreichung eines ambitionierten Ideals beitragen. Hierbei muss jedoch auch beachtet werden, dass die Auswahl von Maรnahmen politische Auswirkungen hat und ihre Verfรผgbarkeit politischen Restriktionen unterliegt. Der vorliegende Beitrag setzt sich mit der realistischen und komparativen Kritik am IGA auseinander und erarbeitet vor diesem Hintergrund Kriterien fรผr die Auswahl von politischen Programmen. Auf dieser Grundlage werden zwei Reformoptionen, die zur Realisierung des liberal-egalitรคren Ideals einer โProperty Owning Democracyโ (Rawls 2001) beitragen sollen, diskutiert: Erstens die Erhรถhung von Einkommens- und Vermรถgenssteuern (Piketty 2014) und zweitens den Vorschlag der Einrichtung eines schuldenfinanzierten Staatsfonds (Corneo 2018a; 2018b). Schlรผsselwรถrter: Ideal Guidance Approach, Ideale Theorie, Nicht-ideale Theorie, Staatsfonds, Soziale Dividende, Kapitalsteuer
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Der permanente Fiskalvertrag. Die steuerdemokratische Effizienz kollektiver Gรผter bei Knut Wicksell und James M. Buchanan (Sebastian Huhnholz)
Die konstitutionenรถkonomische Vertragstheorie James M. Buchanans (1919โ 2013) gilt als einflussreiche Ideologie neoliberaler Austeritรคtsregime. In Abgrenzung von der expansiven Wohlfahrtsรถkonomik der zweiten letzten Jahrhunderthรคlfte begrรผndete Buchanans staatsbildender, -ermรคchtigender und -begrenzender Kontraktualismus allerdings auch eine steuerstaatsorientierte Demokratietheorie รถffentlicher Gรผter. Mit Rรผckgriff auf das progressive Werk Knut Wicksells (1851โ1926) empfahl Buchanan ein Wohlfahrtskriterium, das aus politischer Einstimmigkeit und subjektivistischem Effizienzkalkรผl ein Nutzleistungsoptimum fรผr die Bereitstellung von Kollektivgรผtern konstruierte. Damit sollte eine majoritรคre oder autoritรคre รberwรคlzung laufender Demokratiekosten auf Minderheiten, Unbeteiligte oder ungedeckte Quellen konstitutionell behindert sowie budgetรคre Transparenz, fiskalische Souverรคnitรคt und steuerbรผrgerliche Belastungsfairness prozedural gewรคhrleistet werden. Sowohl die vertragstheoretische Rezeption wie auch die politische Ideologiekritik haben diesen von Wicksell รผbernommenen steuerstaatlichen Demokratisierungsimpuls von Buchanans Werk weithin vernachlรคssigt โ dabei ist die Frage, ob demokratische Institutionen auf eine fiskalische Selbstverpflichtung aller freiwillig verfassungsunterworfenen Individuen existentiell angewiesen sind, heute wieder sehr aktuell. Schlรผsselwรถrter: Fiscal Choice, Virginia School of Public Choice, Neuer Kontraktualismus, James M. Buchanan, Knut Wicksell, demokratische Finanzverfassung
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Zur Auferlegung systemischer Finanzrisiken. Moralische Unzulรคssigkeit und staatliche Sorgfaltspflicht (Fabian Schuppert)
Obwohl seit der Finanzkrise 2008 systemische Finanzrisiken das Objekt zahlreicher wissenschaftlicher Studien waren, hat die Frage, unter welchen Bedingungen und Umstรคnden die Auferlegung eines systemischen Finanzrisikos moralisch unzulรคssig ist, bisher kaum Beachtung gefunden. Ziel dieses Aufsatzes ist es, eine Reihe von normativen Kriterien fรผr die Einschรคtzung der moralischen Unzulรคssigkeit von systemischen Risiken zu entwickeln. Darรผber hinaus wird argumentiert, dass staatliche und andere relevante Institutionen zwei zentrale Pflichten hinsichtlich des Umgangs mit systemischen Finanzrisiken haben: eine Schutzpflicht gegenรผber allen Bรผrger*innen und eine Sorgfaltspflicht, um die diesen Institutionen obliegenden Kontroll- und Aufsichtsfunktionen verantwortungsvoll auszuรผben. Schlรผsselwรถrter: Systemisches Risiko, Nicht-Beherrschung, Republikanismus, Risikoauferlegung, Finanzrisiken
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Politische Theorie des Datenschutzes. Ein Beitrag zur Mischverfassung der Moderne (Daniel Schulz)
Datenschutz ist bislang entweder als rechtliches oder als technisches Problem verstanden worden. Politiktheoretisch kann jedoch gezeigt werden, dass erst ein komplexer Begriff von Datenschutz die fundamentale Frage politischer Machtteilung sichtbar werden lรคsst. Rechtliche, technische, politische, รถkonomische und sozio-kulturelle Aspekte verweisen so auf eine notwendige Balance symbolischer Machtressourcen in ausdifferenzierten Gesellschaften, die durch digitale Verfรผgbarkeitstechnologie jedoch radikal in Frage gestellt wird. Die These des Beitrages lautet daher, dass die รberlegungstradition der Mischverfassungstheorien eine Antwort auf die neuen Machtprobleme der Digitalisierung zur Verfรผgung stellen kann. Dazu wird nach einer Neudefinition des mit dem Datenschutz verbundenen Problemhorizontes politiktheoretisch auf den Machtbegriff verwiesen, um dann im Anschluss eine Verbindung zur politischen Verfassungstheorie zu knรผpfen. Durch diese Verbindung wird sichtbar, wie eine politiktheoretische Erweiterung des juridisch-technischen Datenschutzdiskurses aussehen kรถnnte. Schlรผsselwรถrter: Digitalisierung, Datenschutz, Verfassung, Mischverfassung, Macht
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Kรถnnen Frauen nur von Frauen reprรคsentiert werden? รber den Forschungsstand zur deskriptiven und substantiellen Reprรคsentation von Frauen in Parlamenten anlรคsslich der Paritรฉ-Urteile in Brandenburg und Thรผringen (Andrรฉ Brodocz / Manuel Kautz)
Der Beitrag gibt einen รberblick รผber den Stand der Forschung zur deskriptiven und substantiellen Reprรคsentation von Frauen. Die deskriptive Reprรคsentation von Frauen in Parlamenten steigt weltweit. In institutioneller Hinsicht ist dieser Anstieg insbesondere auf Quoten zurรผckzufรผhren. Der Einsatz von Quoten ist sowohl in der deutschen verfassungsrechtlichen wie in der internationalen politiktheoretischen Debatte umstritten und wird mit Chancen und Risiken verbunden. Eine Chance fรผr erhรถhte deskriptive Reprรคsentation wird in der verbesserten substantiellen Reprรคsentation von Frauen gesehen. Empirische Studien weisen unter Einbezug einer Reihe von Kontextfaktoren tendenziell auf einen positiven Zusammenhang hin. Doch der Fokus auf den Zusammenhang deskriptiver und substantieller Reprรคsentation wird inzwischen auch aus empirischer Perspektive problematisiert. Rekonzeptualisierungen, die hier anknรผpfen, provozieren wiederum Nachfragen normativer Art. Schlรผsselwรถrter: Reprรคsentation, Paritรคtsgesetz, Paritรฉ-Urteil, Quote, Wahlsystem, Feminismus, critical mass, representative claim
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