Inhalt
Pädagogische Korrespondenz
Heft 71 (1-2025): Themenheft zum 100-jährigen Jubiläum von Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“
ZUM GELEIT
Karl-Heinz Dammer / Sieglinde Jornitz / Sascha Kabel / Anne Kirschner / Marion Pollmanns: Warum ein Themen-Heft zu Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“?
AUS ANLASS DES 100-JÄHRIGEN JUBILÄUMS VON BERNFELDS SISYPHOS
Sabine Reh: Historische Lektüre-Konstellationen zwischen Aktivismus und der Figur des Klassikers. Siegfried Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“
Volker Schubert: Bernfelds Erziehungswissenschaft
Rolf Göppel: Freud als „Schutzpatron einer neuen Erziehungswissenschaft?“ – ein Versuch der Würdigung des Sisyphos aus psychoanalytischer Perspektive
Anke Wischmann: Zur Instituetik der deutschen Schule: was sie kann und was sie (nicht) soll
Marion Pollmanns: Didaktik als Wissenschaft!? Eine objekt- und wissenschaftstheoretische Lektüre des Sisyphos
Thomas Wenzl: Erziehung oder Sozialisation? Überlegungen zu der Grenze zwischen dem pädagogisch Gestaltbaren und dem gesellschaftlich Determinierten
Reinhard Fatke: „100 Jahre Sisyphos“ – Ein kommentierender Tagungsbericht
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebühr): pk.budrich-journals.de
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Abstracts
Bernfelds Erziehungswissenschaft (Volker Schubert)
Der polemische Ton des Sisyphos täuscht leicht darüber hinweg, dass das Buch den Entwurf einer nahezu kompletten Erziehungswissenschaft enthält, die allen gängigen Standards von Wissenschaftlichkeit entspricht. Mit seiner Skizze erprobt Bernfeld eine anthropologische Grundlegung, die sich mit ihrem doppelten Zugang an klassischen Mustern in modernisierter Gestalt orientiert: psychoanalytische Theorieelemente für Psychologie, marxistische für (Gesellschafts-) Philosophie oder Ethik. Beide betonen die durchgängige Konflikthaftigkeit menschlicher Existenz, insbesondere auch der Generationenverhältnisse. Sie bilden „Grundpfeiler“, stellen selbst aber noch keine Erziehungswissenschaft dar. Genutzt werden sie nicht zur Legitimation von Erziehung oder Erziehungszielen, sondern zur Problemexposition und zur Generierung von Fragestellungen, an denen zu arbeiten Aufgabe einer künftigen Erziehungswissenschaft wäre. Schlagworte: Erziehungsbegriff, Erziehungswissenschaft, Rationalisierung der Erziehung, Gewalt in der Erziehung, Instituetik, Organisation
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Freud als „Schutzpatron einer neuen Erziehungswissenschaft?“ – ein Versuch der Würdigung des Sisyphos aus psychoanalytischer Perspektive (Rolf Göppel)
Nach kurzen Rückblicken auf die Rezeptionsgeschichte – die eigene, persönliche Geschichte mit dem Sisyphos und die wechselhafte Geschichte der akademischen Erziehungswissenschaft mit diesem Werk –, sollen die einzelnen psychoanalytischen Argumentationslinien, die Bernfeld in den drei Teilen des Sisyphos mehr oder weniger systematisch entfaltet, herausgearbeitet und einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Stets geht es dabei darum, dass nach den verborgenen, unbewussten Kräften und Prozessen gefragt wird, die in den unterschiedlichen Bereichen, mit denen es die Pädagogik in Theorie und Praxis zu tun hat, am Werk sind: Schon die Gewinnung eines halbwegs realistischen Kindbildes wird nach Bernfeld durch die Einmischung unbewusster, erkenntnisfremder, unkontrollierbarer Affekte erschwert noch mehr die angemessene Einschätzung der Wirkungen und Grenzen bestimmter erzieherischer Mittel und Programme. Und auch in der praktischen Gestaltung pädagogischer Beziehungen sind die Akteure nach Bernfeld viel mehr von unbewussten Motiven und Kräften geleitet, als ihnen lieb und bewusst ist. Dabei verschränkt sich bisweilen die psychoanalytische Perspektive bei Bernfeld durchaus mit einer ideologiekritischen. Indem nicht nur nach den verborgenen Wirkmächten gefragt wird, die hinter der Oberfläche der bestehenden Strukturen, Organisationsformen und Prozesse am Werk sind, sondern auch nach den heimlichen Interessen und perfiden Verschleierungstendenzen, die hinter all dem stecken, was traditionellerweise zur Begründung dieser Einrichtungen vorgetragen wird. Schlagworte: Siegfried Bernfeld, Psychoanalytische Pädagogik, unbewusste Motive im pädagogischen Feld, Ideologiekritik, Rezeptionsgeschichte
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Zur Instituetik der deutschen Schule: was sie kann und was sie (nicht) soll (Anke Wischmann)
Der Beitrag diskutiert die Notwendigkeit einer „Instituetik“ der deutschen Schule im Sinne Siegfried Bernfelds: einer Analyse der Institution Schule in ihrer gesellschaftlichen Funktion, nicht nur ihrer pädagogischen Oberfläche. Es wird gezeigt, dass Schule historisch und gegenwärtig soziale Ungleichheiten nicht abbaut, sondern reproduziert – insbesondere entlang von Klasse, race und Sprache. Trotz umfassender empirischer Forschung bleibt eine strukturell-kritische Auseinandersetzung mit der Schule in der Bildungspolitik weitgehend aus. Die Schule erscheint als nationale und „weiße“ Institution, die über meritokratische Ideale soziale Zugehörigkeit reguliert und Ausschlüsse legitimiert. Notwendig wäre eine erneuerte Instituetik, die die institutionellen Bedingungen von Bildung transparent macht und Ungleichheiten sichtbar werden lässt, anstatt sie zu verschleiern. Schlagworte: Bernfelds Instituetik, Bildungsungleichheit, Rassismuskritik, Schule als Institution, Meritokratie
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Didaktik als Wissenschaft!? Eine objekt- und wissenschaftstheoretische Lektüre des Sisyphos (Marion Pollmanns)
Inwiefern erachtet Siegfried Bernfeld im Sisyphos Didaktik – anders als die Pädagogik im Allgemeinen – als bereits verwissenschaftlicht? Während die Forderung nach Wissenschaftlichkeit dem Text deutlich zu entnehmen ist, erscheint er in seiner „Würdigung“ der Didaktik zu schwanken. Mit dem Beitrag wird versucht, sich über die genannte Frage Klarheit zu verschaffen, indem Bernfelds Verständnis von Didaktik expliziert und seine Perspektive ihrer (weiteren) Verwissenschaftlichung nachvollzogen wird. Dies erfolgt im Interesse an der Frage, welche Dienste der Sisyphos für die Kritik didaktischer Theoriebildung heute leisten kann. Schlagworte: Allgemeine Didaktik, Siegfried Bernfeld, Wissenschaftstheorie, Kritik, Schul- und Unterrichtstheorie
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Erziehung oder Sozialisation? Überlegungen zu der Grenze zwischen dem pädagogisch Gestaltbaren und dem gesellschaftlich Determinierten (Thomas Wenzl)
Der Beitrag geht von der Annahme aus, dass unterhalb der polemischen Oberfläche von Bernfelds Sisyphos ein für die Erziehungswissenschaft zentrales Theorieproblem verhandelt wird, nämlich die Frage, wo die Grenze zwischen dem gesellschaftlich Determinierten und dem pädagogisch Verantwortbaren verläuft. Während Bernfeld diesbezüglich auf den ersten Blick eine Perspektive einzunehmen scheint, die gegenüber einer naiven Pädagogik die institutionell eng gesetzten „Grenzen der Erziehung“ betont, erweist sich der Sisyphos bei näherer Betrachtung zugleich als ein Werk, das die Grenzen der Erziehung auszuweiten versucht. So impliziert er etwa mit dem fiktiven Unterrichtsminister Machiavelli, es sei durchaus möglich, durch die Reflexion der institutionellen Rahmenbedingungen pädagogischen Handelns diese aktiv zu gestalten. Man kann den Sisyphos also in gewisser Hinsicht so interpretieren, dass Bernfeld an die Stelle einer blinden schulischen Sozialisation verantwortbare Pädagogik setzen möchte. Schlagworte: Grenzen der Erziehung, schulische Sozialisation, Sisyphos, Schule als Institution
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