Inhalt
ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung
1-2026: Gesellschaftliche Umbrüche und biographische (Trans-)Formationen – Methodenentwicklung im Kontext komplexer Krisendiagnosen
hrsg. von: Dorothee Schwendowius, Juliane Engel, André Epp & Anke Wischmann
Schwerpunkt
Dorothee Schwendowius / Juliane Engel / André Epp / Anke Wischmann: Gesellschaftliche Umbrüche und biographische (Trans-)Formationen – Methodenentwicklung im Kontext komplexer Krisendiagnosen
Jessica Lütgens: Biografische Wendepunkte als Brückenkonzept zwischen erlebten, erzählten und verschwiegenen Umbrüchen in Lebensgeschichten und Gesellschaft
Liesa Rühlmann / Paul Mecheril / Shadi Kooroshy / Yasmina Gandouz-Touati: Biographisches Wissen über die Dauerkrise des Rassismus. Krisennarrative in den drei Deutschlands nach 1945
Felix Roßmeißl: Zukunftsbezüge. Über die lebensgeschichtliche Bedeutung von Zukunft am Beispiel eines ehemaligen Dschihadisten
Dustin Henze / Florian Knasmüller / Joëlle Lewitan / Markus Brunner: Biografie und Nachträglichkeit – Methodologische Reflexionen zu tiefenhermeneutischer Biografieforschung in der Krise (Open Access)
Milena Prekodravac: „Vielleicht kommt ja noch eine Zukunft, die schön ist“. Biografische Krisen in Migration, Bildung und Mitbestimmung
Julia Hille: Agency und Sozialpädagogische Familienhilfe. Rekonstruktion einer transgenerationalen Perspektive am Beispiel der Familie Brause
Astrid Vogelpohl / Jutta Wiesemann: Die eigene Biographie entwerfen – „Doing Biography“ in digitalen Kindheiten. Mediale Praktiken biographischer Konstruktionen in familialen Alltagswelten kamera-ethnographisch erforschen
Freier Teil
Anne Kirschner: Im Möbius-Band zwischen Biografie, Organisation und Diskurs – über Zugangs(un)möglichkeiten zum Scheitern in Ausstiegserzählungen von Lehrkräften
Rezensionen
Jörg Frommer: Thomas Schwinn: Rezension zu Jörg Frommer/Sabine Frommer, Max Weber und das psychologische Verstehen. Werksgeschichtliche, biographische und methodologische Perspektiven
Gabriela Kompatscher: Kerstin Jürgens/Sarah Mönkeberg/Markus Kurth: Leben und Arbeiten mit Tieren. Haustierhaltung und Tierdienstleistung als Lebensformen
Cathrin Mund: Franz Schultheis: Forschen mit Bourdieu. Werkstattbesuche 1958–2002
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebühr): zqf.budrich-journals.de
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Abstracts
Biografische Wendepunkte als Brückenkonzept zwischen erlebten, erzählten und verschwiegenen Umbrüchen in Lebensgeschichten und Gesellschaft (Jessica Lütgens)
Der Beitrag geht davon aus, dass „biografische Wendepunkte“ als Brückenkonzept zwischen individuellen und gesellschaftlichen Umbrüchen genutzt werden können. In dem Sinne wird auf methodischer und empirischer Ebene erkundet, wo und wie in lebensgeschichtlichem Material Wendepunkte aufscheinen, um anschließend in der Diskussion aufzugreifen, wann (und wann nicht) Biograf*innen eine Verbindung zwischen den Wendepunkten ihres Lebens und gesellschaftlichen Umbrüchen herstellen, was es für das Konzept bedeutet, wenn Wendepunkte eingebettet in kollektiv tradierte Umbrüche und Unsicherheiten auftreten und was die (De-)Thematisierung von Wendepunkten für die Bewältigung von Umbrüchen auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet. Schlussendlich wird resümiert, unter welchen methodischen Bedingungen das Konzept der Wendepunkte als Mittel der Krisendiagnose herangezogen werden kann. Schlagwörter: Biografie, Krise, Methode, Wendepunkte, Politik
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Biographisches Wissen über die Dauerkrise des Rassismus. Krisennarrative in den drei Deutschlands nach 1945 (Liesa Rühlmann, Paul Mecheril, Shadi Kooroshy & Yasmina Gandouz-Touati)
In den frühen 1990er Jahren kam es in Deutschland zu einer Reihe gewaltvoller rassistischer Anschläge. Der Beitrag erläutert und folgt einer analytischen Perspektive, die diese Gewalt gegen migrationsgesellschaftlich Andere als eine bestimmte Krise des natio-ethno-kulturell kodierten Wirs versteht. In der Analyse biographisch-narrativer Interviews mit rassistisch diskreditierbaren Subjekten wird aufgezeigt, wie sich Rassismus im Verhältnis zu dominanten Krisennarrativen biographisch als Dauerkrise darstellt, deren dominanzgesellschaftliche Anerkennung als Krise verunmöglicht wird und auch ein Sprechen über diese Krise als Krise erschwert. Schlagwörter: Krise, Zeitgeschichte, Biographieforschung, Rassismsuskritik
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Zukunftsbezüge. Über die lebensgeschichtliche Bedeutung von Zukunft am Beispiel eines ehemaligen Dschihadisten (Felix Roßmeißl)
In Zeiten von Krisen und Transformationsbestrebungen erlangen explizite Zukunftsprojektionen besondere Relevanz. Planend, hoffend und wünschend nehmen Akteure auf die Zukunft Bezug und versuchen ihre Lebenspraxis in unsicheren Kontexten zu gestalten. Der vorliegende Beitrag eruiert vor dem Hintergrund sozialphänomenologischer und pragmatistischer Handlungstheorien die Bedeutung von Zukunft für lebensgeschichtliche Vollzüge, Erfahrungen und Narrationen. Anhand eines Fallbeispiels aus dem Kontext des militanten Salafismus und in Auseinandersetzung mit der sozialwissenschaftlichen Biografieforschung entwickelt er die methodologischen und sozialtheoretischen Umrisse eines Konzepts von „Zukunftsbezügen“, das ermöglicht, die lebensgeschichtliche Bedeutung von Zukunft rekonstruktiv zu erforschen. Schlagwörter: Zukunft, Biografieforschung, rekonstruktive Sozialforschung, Dschihadismus
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Biografie und Nachträglichkeit – Methodologische Reflexionen zu tiefenhermeneutischer Biografieforschung in der Krise (Dustin Henze, Florian Knasmüller, Joëlle Lewitan & Markus Brunner)
In der psychoanalytischen Sozialforschung zu autoritären Bearbeitungsformen von Krisen und Transformationszumutungen hat sich die tiefenhermeneutische Analyse biografisch-narrativer Interviews als methodischer Ansatz etabliert. Dieser zielt darauf ab, latente und damit den Interviewten nicht bewusste Konfliktlagen zu rekonstruieren, die handlungs- und wahrnehmungsleitend sind. Im Artikel stehen methodologische Überlegungen im Zentrum: Ausgehend von biografietheoretischen Grundlagen wird entlang der Arbeiten von Alfred Lorenzer und dem psychoanalytischen Konzept der Nachträglichkeit zunächst entwickelt, wie sich im Erinnerungsstrom des Erzählens auch nicht sprachlich symbolisierte Lebensentwürfe und konflikthafte Anteile in der biografischen Form ausdrücken. Es kann außerdem gezeigt werden, dass die rekonstruierten Konfliktlagen einerseits untrennbar mit dem aktuellen (Krisen-)Geschehen verbunden sind und diese darüber mitentscheiden, welche biografischen Szenen im Erinnerungs- und Assoziationsfluss vorstellig werden. Andererseits erlaubt dieser Zugang auch einen Zugriff auf die Gewordenheit des aktuellen Konflikterlebens, ohne diese jedoch als biografische Urszenen misszuverstehen. Schlagwörter: Tiefenhermeneutik, Biografieforschung, Nachträglichkeit, Autoritarismus, Krise
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„Vielleicht kommt ja noch eine Zukunft, die schön ist“. Biografische Krisen in Migration, Bildung und Mitbestimmung (Milena Prekodravac)
Der Beitrag betrachtet biografische Krisenerfahrungen und Transformationen aus Projekten mit Fokus auf Zugewanderte in Bildungsprogrammen sowie von Betriebsratsvorsitzenden. Beide Perspektiven bewegen sich in Spannungsfeldern gesellschaftlicher und institutioneller Erwartungen, die mit Unsicherheiten und Herausforderungen verbunden sind. Qualifizierte Zugewanderte gestalten ihre Bildungsteilnahme als Reaktion auf Abwertungserfahrungen und die Nichtanerkennung ihrer Qualifikationen. Betriebsratsvorsitzende kämpfen dagegen mit den Folgen wirtschaftlicher Umbrüche und technologischer Transformationen, um die Interessen der Belegschaft zu wahren. Zugehörigkeit und Anerkennung stehen im Zentrum der Krisenbeschreibungen beider Biografinnen, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Zugewanderte streben Stabilität und Zugang zum Arbeitsmarkt durch Bildung an, während Betriebsräte Solidarität und Mitbestimmung als Hebel für eine gerechtere Arbeitswelt nutzen. Als Handelnde gestalten sie Wandel, der sowohl ihre Lebens- als auch ihre Arbeitsbedingungen betrifft. Biografisch-narrative Interviews helfen dabei, diese subjektiven Perspektiven einzufangen und strukturelle Zusammenhänge zu beleuchten. Dabei wird reflektiert, wie diese unterschiedlichen Lebensgeschichten gemeinsame Fragen nach Teilhabe und Anerkennung aufwerfen können. Schlagwörter: Migration, Mitbestimmung, Biografieforschung
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Agency und Sozialpädagogische Familienhilfe. Rekonstruktion einer transgenerationalen Perspektive am Beispiel der Familie Brause (Julia Hille)
Der Beitrag untersucht auf Basis einer fallrekonstruktiven Analyse, wie sich Agency in Familien gestaltet, die über lange Zeiträume hinweg in Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) eingebunden sind. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Handlungsfähigkeit unter Bedingungen sozialer Ungleichheit und institutioneller Einbettung hervorgebracht, transformiert oder begrenzt wird. Anhand eines Fallbeispiels wird herausgearbeitet, wie sich Hilfeprozesse im familialen Alltag normalisieren, welche transgenerationalen Deutungsmuster im Umgang mit Institutionen wirksam sind und wie Hilfeangebote sowohl als entlastend als auch kontrollierend erlebt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich eine alltagspraktische, relationale Form von Agency herausbildet, die auf die pragmatische Navigation innerhalb verfügbarer Strukturen zielt. SPFH wird nicht als temporäre Maßnahme, sondern als dauerhafte Ressource begriffen, wobei handlungsermächtigende Strategien vor allem im Umgang mit stationären Hilfen sichtbar werden. Der Beitrag diskutiert diese Befunde im Kontext von Transgenerationalität und plädiert für eine struktur- und generationensensible Perspektive in der sozialpädagogischen Praxis und Forschung. Schlagwörter: Transgenerationalität, Agency, Familie, Sozialpädagogische Familienhilfe, Soziale Ungleichheit
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Die eigene Biographie entwerfen – „Doing Biography“ in digitalen Kindheiten. Mediale Praktiken biographischer Konstruktionen in familialen Alltagswelten kamera-ethnographisch erforschen (Astrid Vogelpohl & Jutta Wiesemann)
In digitalen Kindheiten (Wiesemann et al. 2020) gewinnt das Visuelle in Bezug auf vielfältige Identitätspraktiken umfassende Bedeutung. Dies wirft die Frage danach auf, welche methodischen und methodologischen Konsequenzen visuelle und visualisierende Praktiken im Familienalltag mit sehr jungen Kindern für deren empirische Erforschung haben. Was bedeutet es für die Medienpraktiken des Forschens, wenn etwa die wechselseitige Hervorbringung von Lebensgeschichten im Familienalltag fortlaufend visuelle Medienpraktiken involviert? Ausgehend von den bisherigen Ergebnissen der Langzeitstudie (2016–2027) zum Aufwachsen der Kinder mit dem Smartphone geht es darum aufzuzeigen, wie die vielfältigen visualisierenden Medienpraktiken der Familienmitglieder das ‚doing biography‘ in neuer digitalisierter Weise gestalten. Dabei lässt sich beobachten, wie Biographie in sich verändernden Identitätspraktiken der frühen digitalen Kindheit von Anfang an hervorgebracht wird. Es wird deutlich werden, dass Biographien sich nicht nur in der Rückschau verändern, sondern dass vielmehr die Verwobenheit unterschiedlicher zeitlicher Dimensionierungen, die in der Interaktion mit digitalen Medien hervorgebracht wird, die Weisen verändert, wie Biographie angelegt wird. Der Beitrag entwickelt auf dieser Grundlage methodologische Perspektiven, die sich zu den wandelnden Schnittstellen zwischen situierter Praxis und biographischer Strukturbildung unter den Bedingungen von Aufwachsen in der digitalen Welt ins Verhältnis setzen und sie theoretisch reflektieren. Schlagwörter: Digitale Kindheit, Biographisierung, Kamera-Ethnographie, doing family, Kindheitsforschung, frühe Kindheit, Medienwissenschaften
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Im Möbius-Band zwischen Biografie, Organisation und Diskurs – über Zugangs(un)möglichkeiten zum Scheitern in Ausstiegserzählungen von Lehrkräften (Anne Kirschner)
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit narrative teilbiografische Interviews mit vorzeitig ausgestiegenen Lehrkräften als Scheiternserzählungen betrachtet werden können. Von hier ausgehend werden Zugangs(un)möglichkeiten zu Phänomenen des Nichtgelingens und Verfehlens im Raum Schule mithilfe einer Zusammenschau von diskurs-, narrations- und biografieanalytischen Zugängen unter besonderer Berücksichtigung organisationstheoretischer Perspektiven reflektiert. Dabei geht es zum einen darum, Möglichkeiten und Grenzen der empirischen Rekonstruktion des Scheiterns abzustecken sowie zum anderen um die Frage, wie Erfahrungen des Scheiterns als pädagogischer Problemhorizont sichtbar gemacht werden können. Schlagwörter: Scheitern, Diskurs, Narration, Biografie, Organisation, Lehrerausstieg, Schule
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