Beschreibung
Ob Cancel Culture, Fake News, Affektisierung oder Silencing: Die Schlagwรถrter, unter denen der Wandel der รffentlichkeit verhandelt wird, sind vielfรคltig. Doch worin besteht dieser Wandel genau, und welche Implikationen und Spannungen bringt er mit sich? Behzad Fรถrstl zeigt, dass das bessere Argument dem Primat der Meinung untergeordnet wird: รffentliche Meinungen entstehen angesichts einer immensen gesellschaftlichen Pluralisierung immer weniger durch diskursiven Austausch als durch kommunikative Ignoranz. Da dieser Wandel zur Signatur der Spรคtmoderne gehรถrt und nicht technologiebedingt ist, stellt sich weniger die Frage seiner Umkehr als die nach dem Umgang mit seinen Folgen. Soll dennoch ein Diskurs unter den Bedingungen der Spรคtmoderne gelingen, bedarf es einer Neudefinition der idealen Sprechsituation.
Die Diagnosen heutiger Debattenkultur fallen widersprรผchlich aus: Die einen beklagen einen sich verengenden Meinungskorridor und Selbstzensur, die anderen wachsende Hassrede und verschobene Grenzen des Sagbaren. Beide messen die Gegenwart jedoch am habermasschen Ideal einer deliberativen รffentlichkeit. Behzad Fรถrstl zeigt demgegenรผber, dass sich mit der Pluralisierung im Zuge der Spรคtmoderne ein Struktur- und Prozesswandel der รffentlichkeit vollzieht: Strukturell besteht er in der granulรคren Reprรคsentation. Einzelne Meinungen lassen sich nicht mehr zu einem allgemeinen Konsens verdichten. Dass dennoch รถffentliche Meinungen entstehen, verdankt sich dem Prozesswandel in Form der kommunikativen Ignoranz: รffentliche Meinungen bilden sich nicht durch Diskurs, sondern durch die wechselseitige Nichtbeachtung der Grรผnde, durch Zustimmung als nicht-diskursive Praxis. Beides zusammen bewirkt einen Formwandel, der hier als Meinungsรถffentlichkeit im Gegensatz zur Themenรถffentlichkeit der Moderne gefasst wird. Treibende Kraft ist dabei nicht die Technik: Internet und soziale Medien sind kontingent; sie verstรคrken einen Wandel, dessen Wurzel im รbergang zur Spรคtmoderne liegt, statt ihn zu verursachen. Weil die Meinungsรถffentlichkeit so zur Signatur der Spรคtmoderne wird, geht es nicht um deren Umkehr, sondern um den Umgang mit ihren Folgen. Fรถrstls Antwort: ein Verfahren im Sinne der Restorative Justice, getragen von der Zivilgesellschaft. Soll ein Diskurs in der Spรคtmoderne dennoch gelingen, muss der abstrahierenden โopaken“ eine โluzide“ Sprechsituation vorausgehen, in der die Beteiligten als situierte Personen sichtbar werden.
Der Autor:
Behzad Fรถrstl (geb. Fallahzadeh) promovierte 2016 in Heidelberg in Politikwissenschaften. Daneben arbeitete er in der Max-Planck-Stiftung fรผr Internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit in einem Projekt zum Thema โRestorative Justiceโ mit Schwerpunkt Afghanistan. Seit 2017 ist er in verschiedenen Funktionen tรคtig beim Bundesnetzwerk Bรผrgerschaftliches Engagement (BBE) in Berlin. Seit 2023 leitet er dort den Bereich Netzwerkbetreuung.
Der Fachbereich:
Political Science







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