Inhalt
GENDER โ Zeitschrift fรผr Geschlecht, Kultur und Gesellschaft
1-2022: Prostitution und Sexarbeit
Hrsg.: Sabine Grenz / Heike Mauer / Nicola Behrmann / Martin Lรผcke / Romana Sammern
Sabine Grenz / Heike Mauer / Nicola Behrmann / Martin Lรผcke / Romana Sammern: Vorwort: Prostitution und Sexarbeit
Schwerpunkt/Essays
Sarah Baumann: Das Leumundszeugnis โder Prostituiertenโ. Zum Engagement des Genfer Vereins Aspasie fรผr erweiterte Erwerbsmรถglichkeiten von Sexarbeiterinnen (1982โ1989)
Joana Lilli Hofstetter: Gegen das Gefรผhl der Ohnmacht โ politische Selbstorganisierung von Sexarbeitenden im Kontext des Prostituiertenschutzgesetzes
Tom Fixemer / Verena Hucke: Queere Geflรผchtete und die Diskursivierung des โAnderenโ in Debatten um Sexarbeit, โWillkommenskulturโ und Schutz
Rakiya El Matine / Niklas Heuser: Much Loved: eine Analyse intersektionaler Diskriminierung marokkanischer Sexarbeiter*innen und deren Reprรคsentation
Jutta Krauร: Queeres Begehren on Stage
Offener Teil/Essays: Open Part
Anna Carolin Mรผller / Ulla Stackmann: Kritik patriarchaler Macht und Sprache in Kathy Ackers Blood and Guts in High School
Diana Lengersdorf / Michael Meuser: Mรคnnlichkeiten zwischen Neujustierung und Wandel? Persistenzen hegemonialer Mรคnnlichkeit
Simon Moses Schleimer: Einschlieรungen und Ausgrenzungen im Spannungsfeld der sozialen Kategorien Geschlecht, Ethnizitรคt und Religion. Intersektionale Perspektiven auf die Bildungsbiografien junger Musliminnen in Malaysia
Christiane Leidinger: Freiheitsaktionen der Frauenbewegung: die kollektiven Busfahrten zu Schwangerschaftsabbrรผchen in die Niederlande (1975โ1977) als Form ver-kรถrperten Protests
Rezensionen/Book Reviews
Judith Conrads: Heike Mauer/Johanna Leinius (Hrsg.), 2021: Intersektionalitรคt und Postkolonialitรคt. Kritische feministische Perspektiven auf Politik und Macht
Anna Steenblock: Ingrid Artus, Nadja Bennewitz, Annette Henninger, Judith Holland, Stefan Kerber-Clasen (Hrsg.), 2020: Arbeitskonflikte sind Geschlechterkรคmpfe. Sozialwissenschaftliche und historische Perspektiven
Andreas Schulz: Kathrin Ganz/Jette Hausotter, 2020: Intersektionale Sozialforschung
Patricia Kleรen: Sarah Czerney, Lena Eckert, Silke Martin (Hrsg.), 2020: Mutterschaft und Wissenschaft. Die (Un-)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tรคtigkeit
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Abstracts
Das Leumundszeugnis โder Prostituiertenโ. Zum Engagement des Genfer Vereins Aspasie fรผr erweiterte Erwerbsmรถglichkeiten von Sexarbeiterinnen (1982โ1989) (Sarah Baumann)
Bis 1989 verweigerten die Genfer Behรถrden Sexarbeiterinnen ein Leumundszeugnis mit der Begrรผndung, dass Prostitution einen besonders โunehrenhaftenโ Charakter zum Ausdruck bringe. Sexarbeiterinnen brauchten aber ein solches Zeugnis, wenn sie einer anderen Erwerbstรคtigkeit nachgehen wollten. Die Praktik der Genfer Behรถrden verfestigte gesellschaftliche Deutungen, die in der Sexarbeit tรคtige Frauen auf eine Identitรคt als โProstituierteโ festlegten und fixierten. Denn die Folge der Genfer Regelung war, dass eine berufliche Neu- und Umorientierung fรผr Sexarbeiterinnen massiv erschwert wurde. Im Genfer Verein Aspasie organisierte Sex- und Sozialarbeiterinnen wehrten sich ab Beginn der 1980er-Jahre gegen diese Regelung und erreichten, dass sie 1989 aufgehoben wurde. Fรผr ihren Widerstand war es zentral, โProstituierteโ als Identitรคtszuschreibung aufzubrechen und als Erwerbsarbeit sichtbar zu machen. Denn erst die Anerkennung von Prostitution als Arbeit erรถffnete aus ihrer Perspektive die Freiheit, sich auch gegen die Sexarbeit und fรผr eine andere Erwerbstรคtigkeit zu entscheiden. Schlรผsselwรถrter: Sexarbeit, Neue Frauenbewegungen, Identitรคt, Devianz, Resozialisierung, Schweiz
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Gegen das Gefรผhl der Ohnmacht โ politische Selbstorganisierung von Sexarbeitenden im Kontext des Prostituiertenschutzgesetzes (Joana Lilli Hofstetter)
Im Kontext der Plรคne zum Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) organisierten sich Sexarbeitende in Deutschland ab 2013 kollektiv, um kontrollierende und repressive Maรnahmen abzuwehren. Der Beitrag zeichnet die Entwicklung dieser politischen Selbstorganisierung bis zur Verabschiedung des ProstSchG in 2016 nach. Basierend auf einer zweijรคhrigen enthnografischen Forschung mit politisch aktiven Sexarbeitenden stelle ich dar, wie sich Sexarbeitende im Feld der Prostitutionspolitik positionierten, in welchem Verhรคltnis andere politische Akteur_innen zu ihnen standen und welche Ambivalenzen und Konfliktlinien sich bildeten. Sexarbeitende scheiterten schlieรlich in ihrem Ziel, das ProstSchG zu verhindern. Mit dessen Verabschiedung trat zwar eine Ernรผchterung, jedoch auch eine Diversifizierung der Selbstorganisierung ein. Sexarbeitende waren daher erfolgreich darin, eine anhaltende Bewegung aufzubauen, die seither etablierte Akteurin in der sich weiter transformierenden deutschen Prostitutionspolitik ist. Schlรผsselwรถrter: Sexarbeit, Aktivismus, Prostituiertenschutzgesetz, Bรผndnispolitiken, Soziale Bewegungen, Deutschland
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Queere Geflรผchtete und die Diskursivierung des โAnderenโ in Debatten um Sexarbeit, โWillkommenskulturโ und Schutz (Tom Fixemer, Verena Hucke)
Unter Bezugnahme theoretischer Perspektiven zu postkolonialem Othering und diskursiven Grenzziehungen fragt dieser Beitrag nach den Un_Sichtbarmachungen und Ver-Anderungen von queeren Geflรผchteten in Debatten um Sexarbeit, โWillkommenskulturโ und Schutz. Anhand dieser drei Debatten werden diskursive Grenzziehungen entlang der Analysekategorie Un_Sichtbarmachungen unter besonderer Berรผcksichtigung der Verschrรคnkung von Queerness und Migration/Flucht herausgearbeitet. Deutlich wird, inwiefern queere Geflรผchtete im Kontext von Sexarbeit (strategisch) unsichtbar gemacht und auf eine vulnerable Position festgeschrieben werden sowie sexuell-geschlechtliche Selbstbestimmung weitreichend determiniert oder gar aberkannt ist. Schlรผsselwรถrter: Queer Migration, Willkommenskultur, Schutz, Sexualisierte Gewalt, Sexuelle Arbeit, Un_Sichtbarkeiten
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Much Loved: eine Analyse intersektionaler Diskriminierung marokkanischer Sexarbeiter*innen und deren Reprรคsentation (Rakiya El Matine, Niklas Heuser)
Der Beitrag beschรคftigt sich mit den Interdependenzen der Diskriminierung, die Sexarbeiter*innen in Marokko erfahren. Ausgangspunkt der Analyse ist der 2015 erschienene Spielfilm Much Loved von Nabil Ayouch, welcher als Reprรคsentation gesellschaftlicher Praxen und Diskurse verstanden und anhand einer intersektionalen Mehrebenenanalyse der marokkanischen Sexarbeit kontextualisiert wird. Die Analyse stellt vor allem den strukturellen und reprรคsentationalen Charakter der Intersektionalitรคt heraus. Schlรผsselwรถrter: Sexarbeit, Intersektionalitรคt, Marokko, Praxis- und Diskursanalyse, Filmanalyse
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Queeres Begehren on Stage (Jutta Krauร)
Im Mittelpunkt des Beitrags steht ein Sharing von Gerard X Reyes, das vom Theorem der Sexarbeit inspiriert wird. Das Sharing des Choreografen, Tรคnzers, Lehrers, zertifizierten Sexological Bodyworkers, Intimacy Coordinators und Montreal Kiki Ballroom Scene Pioniers Reyes wird im Sinne einer tanzwissenschaftlichen Auffรผhrungsanalyse diskursiv verhandelt. Dabei basiert der Prozess der Bedeutungszuschreibung auf der Grundlage einer Foucaultโschen Diskursanalyse. Das generierte Anschauungsmodell erfolgt zwar entlang der Auffรผhrung, ist aber stets nur eine Analyse der Auffรผhrung, die ihren eigenen Diskurs erzeugt. Es wird davon ausgegangen, dass Darstellungen und Verweise zu Sexarbeit am Kรถrper und seinen Materialisierungsprozessen befragbar sind und in Verkรถrperungsprozessen sowie Darstellungsweisen zum Ausdruck kommen. Im Fokus der Analyse steht eine Bedeutungsgenerierung, in welcher Reyesโ Performance als รคsthetische und ethische Situation im Theaterraum im Kontext der Konzepte Erotik, Leidenschaft, Begehren sowie der Kategorien sex, gender und desire betrachtet wird. Dies fรผhrt dazu, dass die Performance als Ausdruck eines queeren Begehrens begrifflich bestimmt wird. Schlรผsselwรถrter: Queeres Begehren, Erotik, Leidenschaft, Performance, Bรผhne
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Kritik patriarchaler Macht und Sprache in Kathy Ackers Blood and Guts in High School (Anna Carolin Mรผller, Ulla Stackmann)
Die US-Amerikanerin Kathy Acker gilt als wegweisende Autorin fรผr die radikal dekonstruktivistische Literatur. Besonders ihr 1984 publizierter Roman Blood and Guts in High School wird vielfach als feministisches Manifest gefeiert. In dem Roman stellt Acker die gewaltsame Unterdrรผckung von Frauen auf radikalste Weise dar und bespricht Themen wie Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und soziale Ungleichheit. Unser Beitrag untersucht die literarischen Mittel, derer sich Acker in dem Roman bedient, um eine tiefgreifende Kritik an gesellschaftlichen Strukturen zu entwerfen, insbesondere im Hinblick auf das patriarchale Sprachsystem und den literarischen Kanon. Die Analyse des Textes zieht die Frage nach sich, inwiefern drastische Darstellungsformen und eine avantgardistische รsthetik Gefahr laufen, den potenziell subversiven Inhalt des Romans als Gewaltexzess erscheinen zu lassen, wie zum Beispiel das Verbot des Romans in der BRD 1985 belegt. Schlรผsselwรถrter: Kathy Acker, US-Literatur, Subversion, Punk- Literatur, Postmoderne, Metafiktion
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Mรคnnlichkeiten zwischen Neujustierung und Wandel? Persistenzen hegemonialer Mรคnnlichkeit (Diana Lengersdorf, Michael Meuser)
Zentrales Element hegemonialer Mรคnnlichkeit ist die enge Verwobenheit von Mรคnnlichkeiten und Erwerbsarbeit, die sich u. a. in der Figur des Ernรคhrers der Familie manifestiert. Weltweit lassen sich Verรคnderungen feststellen, die Alternativen und neue Mรถglichkeitsrรคume erkennen lassen. Die konzeptionelle Einordnung dieser empirischen Phรคnomene steht allerdings noch am Anfang. Inwiefern es sich dabei um mehr als einen gesellschaftlichen Wandel handelt, sondern um ein grundlegend verรคndertes โIn-der-Welt-Seinโ, wollen wir anhand von in Gruppendiskussionen gewonnenen Daten fรผr Deutschland diskutieren. Durch drei Fรคlle hindurch kรถnnen wir zeigen, dass die Figur des Ernรคhrers auf der einen Seite als klassisch, traditionell und auch veraltet verstanden und als solche zumindest in Teilen zurรผckgewiesen wird, auf der anderen Seite lassen sich in diesen Fรคllen auch Hinweise finden, dass sich der Ernรคhrer nach wie vor zur Hegemonialisierung in der konkreten Praxis eignet. Instruktiv ist die Falldiskussion daher vor allem auch, da die Schilderungen der Diskussionsteilnehmer nachdrรผcklich verdeutlichen, wie hegemoniale Mรคnnlichkeit in der Praxis funktioniert: als Anrufung, der man sich nicht entziehen kann. Schlรผsselwรถrter: Hegemoniale Mรคnnlichkeit, Ernรคhrer, Geschlechterverhรคltnisse, Sozialer Wandel, Gruppendiskussionen
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Einschlieรungen und Ausgrenzungen im Spannungsfeld der sozialen Kategorien Geschlecht, Ethnizitรคt und Religion. Intersektionale Perspektiven auf die Bildungsbiografien junger Musliminnen in Malaysia (Simon Moses Schleimer)
Der Beitrag nimmt eine intersektionalitรคtstheoretische Perspektive ein, um die spezifische Verflechtung der sozialen Kategorien Geschlecht, Ethnizitรคt und Religion und deren Auswirkung auf die Handlungsspielrรคume junger muslimischer Studentinnen in Malaysia im Kontext ihrer Bildungsbiografien herauszuarbeiten. Dafรผr wurden zwรถlf narrative Interviews mit jungen Musliminnen in Malaysia gefรผhrt und in Anlehnung an die Methode des Szenischen Verstehens nach Lorenzer ausgewertet. Zwei der Interviews werden in Form von Einzelfรคllen vorgestellt. Sie zeigen auf, dass die soziale Kategorie Religion eine relevante Sinnressource sowie Legitimationsquelle fรผr das soziale Handeln der jungen Frauen im Kontext ihrer Bildungsbiografien darstellt. Schlรผsselwรถrter: Intersektionalitรคt, Geschlecht, Religion, Ethnizitรคt, Bildung, Malaysia
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Freiheitsaktionen der Frauenbewegung: die kollektiven Busfahrten zu Schwangerschaftsabbrรผchen in die Niederlande (1975โ1977) als Form ver-kรถrperten Protests (Christiane Leidinger)
Der Beitrag setzt sich mit einer politischen Aktion(sform) auseinander, mit der feministisch gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrรผchen protestiert wurde. Die transnationale Aktionsform der kollektiven Busfahrten in die Niederlande wird dabei als (doppelsinnige) Freiheitsaktion und vier-dimensional ver-kรถrperte Direkte Aktion im Sinne anarchistischer Selbsthilfe am bundesdeutschen Staat vorbei analysiert. Es handelte sich um eine frauenbewegte Handlungsoffensive machtvoller Gemeinschaftlichkeit, die, 1975 beginnend, solidarische Kollektivitรคt und รffentlichkeit als Strategie nutzte, um eine faktische Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts zu erwirken: In der Form der politischen Aktion wurde das Ziel selbst sichtbar gemacht (Konkretheit) und dieses unmittelbar durch die Abtreibungen erreicht (Implementierung). Empowernd schuf die Aktionsform selbstorganisierte Handlungsspielrรคume, wies dabei Angst und Scham zurรผck und delegitimierte das Gesetz. Nach einer reflexiven Kritik wurde die Aktionsform 1977 eingestellt. Resรผmierend werden die vorliegenden 11 Prinzipien einer Konzeption feministischen Widerstands um die Aktionsformaspekte feministische Reflexion und Solidaritรคt erweitert. Schlรผsselwรถrter: Frauenbewegung, Protest, Selbsthilfe, Schwangerschaftsabbruch, Transnationalitรคt, Freiheit
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