Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
1-2016 (Heft 141): Konfliktfeld Stadt
Schwerpunkt
Erhard Berner: โZur Wohnungsfrageโ im 21. Jahrhundert: Marktversagen, hilflose Politik und die globale Ausbreitung von Slums
Paul Schweizer / Paula Larruscahim / Fabio Vieira: Pixaรงรฃo โ Differenz, Sรคuberungspolitiken und Widerstand in โGlobal Cityโ Sรฃo Paulo
Julia Haร: Frauenamateurfuรball in Rio de Janeiro โ Umkรคmpfter Sport- und Stadtraum
Frank Mรผller / Markus-Michael Mรผller: Im- und Export von Aufstandsbekรคmpfung: Von Rio de Janeiro nach Port-au-Prince und zurรผck
Gregor Dobler: Umkรคmpfter Freiraum: Die Erfindung des Stรคdtischen im Norden Namibias, 1950-1980
PERIPHERIE-Stichwort
Anne Vogelpohl: Recht auf Stadt
Anne Huffschmid: Recht auf Urbanitรคt
Rezensionen
Anne Hennings: Jรผrgen Oรenbrรผgge & Anne Vogelpohl (Hg.): Theorien in der Raum- und Stadtforschung. Einfรผhrungen
Frank Ingo Mรผller: Susan Parnell & Sophie Oldield (Hg.): The Routledge Handbook on Cities of the Global South
Hanna Baumann: Ulrike Freitag; Nelida Fuccaro; Claudia Ghrawi & Nora Lafi (Hg.): Urban Violence in the Middle East. Changing Cityscapes in the Transition from Empire to Nation State
Laura Kemmer: Anne Huffschmid: Risse im Raum. Erinnerung, Gewalt und stรคdtisches Leben in Lateinamerika
Sarah Uhlmann: Corinna Hรถlzl: Protestbewegung und Stadtpolitik. Urbane Konflikte in Santiago de Chile und Buenos Aires
Paul Schweizer: Eva Youkhana & Larissa Fรถrster (Hg.): Grafficity โ Visual Practices and Contestations in Urban Space
Bettina Engels: Adam Branch & Zachariah Mampilly: African Uprising. Popular Protest and Political Change
Corinna Trogisch: Zivilgesellschaft in der Tรผrkei: รmer รaha: Women and Civil Society in Turkey. Womenโs Movements in a Muslim Society / Anฤฑl al-Rebholz: Das Ringen um die Zivilgesellschaft in der Tรผrkei. Intellektuelle Diskurse, oppositionelle Gruppen und Soziale Bewegungen seit 1980
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Abstracts
โZur Wohnungsfrageโ im 21. Jahrhundert: Marktversagen, hilflose Politik und die globale Ausbreitung von Slums (Erhard Berner)
In den groรen Stรคdten der Dritten Welt hat nur eine privilegierte Minderheit der Bevรถlkerung รผber den kommerziellen Markt Zugang zu Land und Wohnung. Daher schieรen โirregulรคreโ Siedlungen wie Pilze aus dem Boden. Doch sie sind geprรคgt durch Mangel und Unsicherheit. Der Artikel zeigt, dass das Versagen des formellen Marktes systematisch und strukturell bedingt ist. Daher greifen Versuche, ihn fรผr die Armen zu รถffnen, zu kurz und kรถnnen seine inhรคrenten Begrenzungen nicht รผberwinden. Um die sich vergrรถรernde Kluft zwischen abgegrenzten Gemeinschaften und Ghettos zu verringern, mรผssen die Interventionen der Verwaltungen den enabling approach wiederentdecken und klรผger als die gegenwรคrtige Mischung aus fahrlรคssiger Toleranz, brutaler Vertreibung, marktradikaler Privatisierung und populistischer Vergabe von Rechtstiteln werden. Schlagwรถrter: Stรคdtische Armut, Wohnungsmarkt-Versagen, Informeller Wohnungsbau, Slumsanierung, Gentrifizierung
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Pixaรงรฃo โ Differenz, Sรคuberungspolitiken und Widerstand in โGlobal Cityโ Sรฃo Paulo (Paul Schweizer, Paula Larruscahim, Fabio Vieira)
In den letzten Jahren ist Brasilien als aufsteigende oder wachsende รkonomie diskutiert worden. Vor allem Sรฃo Paulo spielt eine zentrale Rolle in diesen Entwicklungsnarrativen. Dabei wird die Stadt als รถkonomischer Motor und als Insel der Modernitรคt im Land und in ganz Lateinamerika dargestellt. Doch die Politiken, die darauf abzielen, Sรฃo Paulo als globale Stadt oder als Weltstadt zu konsolidieren, vertiefen Ungleichheiten und Exklusionen. Nichtsdestoweniger sind diese Politiken mit visuellen Interventionspraktiken in รถffentlichen Rรคumen konfrontiert, die nicht mit modernen, europรคisch-amerikanischen Imaginationen รผber oder Standards einer Kapitalhauptstadt zusammenpassen. Pixaรงรฃo ist ein typischer Graffiti-Stil in Brasilien. Er wurde ursprรผnglich in den 1980er Jahren von Jugendlichen in Sรฃo Paulo praktiziert. Obwohl diese Zeichnungen, die sich รผberall auf Fassaden in brasilianischen Stรคdten finden, generell keinen bestimmten politischen Inhalt aufweisen, diskutieren die AutorInnen pixaรงรฃo als alltรคgliche Widerstandspraxis im Kontext von rรคumlicher Segregation und repressiver Kontrolle des รถffentlichen Raums. Ferner beziehen sie sich auf jรผngere Fรคlle, in denen pixadores in breitere soziale Auseinandersetzungen involviert waren, wobei sie ihre Techniken und ihr Wissen zu einem fruchtbaren Werkzeug sozialer Bewegungen machten. Schlieรlich zeigen sie auf, dass Graffiti-Sprayer_innen kรผrzlich diese Techniken in europรคischen Stรคdten รผbernommen haben. So legen sie dar, dass multidirektionaler Wissensaustausch, den die post-koloniale Stadttheorie einfordert, auf dem Feld visueller Interventionen im รถffentlichen Raum bereits praktiziert wird. Schlagwรถrter: widerstรคndige Alltagspraxis, Pixaรงรฃo, Sรฃo Paulo, postkoloniale Stadtforschung, visuelle Intervention im รถffentlichen Raum, Graffiti
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Frauenamateurfuรball in Rio de Janeiro โ Umkรคmpfter Sport- und Stadtraum (Julia Haร)
Der Artikel bietet eine Diskussion รผber die Rolle des Sports als einer Alltagspraxis zur (Neu )Verhandlung der rรคumlichen Genderbeziehungen in Rio de Janeiro, Brasilien. Als Sport von nationaler Bedeutung prรคgen Rรคume des Fuรballs die Architektur und das tรคgliche Leben in der Stadt. Vor dem Hintergrund einer Geschichte aus Exklusion und Diskriminierung haben Frauen erst in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts begonnen, diese Rรคume zu nutzen. Indem er seinen Blick auf Frauenamateurfuรball in Rio de Janeiro richtet, analysiert der Artikel ungleiche Gender-Beziehungen in Sport und urbanem Raum. In den letzten paar Jahren wurde Frauenamateurfuรball populรคrer; es entstanden neue Vereine, Teams und Wettbewerbe. Doch obwohl heutzutage Mรคnner Fuรballrรคume mit Frauen teilen, mรผssen Frauenteams und fuรballbezogene soziale Projekte immer noch darum kรคmpfen, dass fรผr Frauen und Mรคdchen mehr Sportrรคume in der Stadt eingerichtet werden. Schlagwรถrter: Geschlechterverhรคltnisse, Stadtraum, Sport, Amateurfuรball, Brasilien
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Im- und Export von Aufstandsbekรคmpfung: Von Rio de Janeiro nach Port-au-Prince und zurรผck (Frank Mรผller, Markus-Michael Mรผller)
Der Artikel befasst sich mit dem globalen Wiedererstarken von Aufstandsbekรคmpfung im urbanen Sรผden, indem er Brasiliens Erfahrung mit Konzept der Befriedung im Kontext von MINUSTAH (United Nations Mission in Haiti) und dessen weitere Anwendung in Rio de Janeiros marginalisierten Regionen, den favelas, untersucht. Die Autoren legen dar, dass der transnationale Export-Import von โFavela-Befriedungserfahrungโ eng mit den geopolitischen Ansprรผchen des Landes verknรผpft ist. Indem die Autoren ihre Argumentation empirisch mit den Perspektiven lokaler AkteurInnen auf die Implementierung dieser Befriedungsstrategie in zwei marginalisierten Vierteln der Stadt, Marรฉ und Alemรฃo, fundieren, zeichnen sie deren Modifikationen und lokalen Anpassungen nach. Ferner weisen sie nach, dass das koloniale Befriedungsprojekt, das ein zentraler Aspekt der Aufstandsbekรคmpfung in Stรคdten ist, die innerstaatlichen Kompetenzen des brasilianischen Militรคrs ausweitet. Durch Entfaltung dieses Arguments trรคgt der Artikel dazu bei, die weithin vernachlรคssigte Rolle von Staaten aus dem Globalen Sรผden als zentralen Akteuren bei globaler Aufstandsbekรคmpfung aufzuzeigen. Schlagwรถrter: Aufstandsbekรคmpfung, Befriedung, Haiti, Brasilien, Rio de Janeiro
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Umkรคmpfter Freiraum: Die Erfindung des Stรคdtischen im Norden Namibias, 1950-1980 (Gregor Dobler)
Der Artikel zeichnet die Entwicklung von Stรคdten als einer rรคumlichen Form und als einer Praxis in Nord-Namibia nach. In vorkolonialer Zeit war die Region durch vereinzelte Kleinsiedlungen geprรคgt. Stรคdte begannen erst in den 1950er Jahren zu entstehen. Von Beginn an kreuzten sich Planung von oben und gelebte Praxis von unten und beeinflussten sich gegenseitig. Das Auftauchen von Stรคdten in Nord-Namibia ist untrennbar mit dem System der Wanderarbeit und mit repressiver Apartheidpolitik verknรผpft. Doch Stรคdte waren ebenso Rรคume relativer Autonomie und der Freiheit von sozialer Kontrolle. Sie entwickelten sich als Grenzrรคume in dem Sinn, wie Kopytoff ihn umrissen hat. Hier konnten Menschen neue soziale Formen ausprobieren. Die fรผhrte zu Konflikten um Macht und Kontrolle. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass Auseinandersetzungen รผber das Recht auf Stadt nicht neu sind; sie gehรถren vielmehr zentral zu den Bedingungen stรคdtischen Lebens. Schlagwรถrter: Stadt, Namibia, Urbanisierung, Konflikt, Recht auf Stadt, politische Anthropologie
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