Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
3-2019 (Heft 156): Abschiebung global
Schwerpunkt
Inken Bartels: โRรผckfรผhrbarkeit fรถrdernโ. Das Zusammenwirken von freiwilliger Rรผckkehr und Abschiebungen in Nordafrika
Tanya Golash-Boza / Yajaira Ceciliano Navarro: Reintegration nach Abschiebung. Erfahrungen von aus den USA abgeschobenen Dominikanern und Brasilianern
Almamy Sylla / Susanne U. Schultz: Mali: Abschiebungen als postkoloniale Praxis
Rita Schรคfer: Deportationen aus Sรผdafrika. Heutige und historische politische Kontexte und Abschiebepraktiken
Niki Kubaczek: Verkohltes Papier. Von einer brennenden Zelle, gewaltvoller Verdinglichung und dem gemeinsamen Versuch, der Abschiebung zu entgehen
Jawed Jafari: Unterwegs zwischen Afghanistan und Europa: Von Abschiebung zu Abschiebung
PERIPHERIE-Stichwort
Maren Kirchhoff / Susanne U. Schultz / Helen Schwenken: Abschiebungen
Dokumentation
Die Redaktion: Das Versagen beenden. Fรผr eine europรคische Politik der Menschenrechte
Artikel
Gerhard Hauck: Zwangsarbeit, Lohnarbeit, Kapitalismus. Eine Auseinandersetzung mit Heide Gerstenberger
Rezensionen
Joachim Guilliard: Georg Auernheimer: Wie Flรผchtlinge gemacht werden. รber Fluchtursachen und Fluchtverursacher. Kรถln: Papyrossa 2018, 283 Seiten
Maren Kirchhoff: Fabian Georgi: Managing Migration? Eine kritische Geschichte der Internationalen Organisation fรผr Migration (IOM). Berlin: Bertz Fischer 2019, 448 Seiten
Christian Ungruhe: Nauja Kleist & Dorte Thorsen (Hg.): Hope and Uncertainty in Contemporary African Migration. New York, US-NY, & London: Routledge 2017, 200 Seiten
Anna Rachlitz: Rita Schรคfer: Migration und Neuanfang in Sรผdafrika. Geschichte und Gegenwart von Einwanderung, Asyl und Wanderarbeit. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel 2019, 240 Seiten
Maria Shaidrova: Maybritt Jill Alpes: Brokering High-Risk Migration and Illegality in West Africa. Abroad at Any Cost. Routledge 2016, 234 Seiten
Rita Schรคfer: Marysia Zalewski; Paula Drumond; Elisabeth Prรผgl & Maria Stern (Hg.): Sexual Violence Against Men in Global Politics. Abingdon: Routledge Publishers 2018, 262 Seiten (https://doi.org/10.4324/9781315456492)
Sรถren Scholvin: Christian Schmidt-Hรคuer: Tatort Panama. Konquistadoren, Kanalbauer, Steuerflรผchtlinge. Mรผnster: Westfรคlisches Dampfboot 2018, 471 Seiten
Gerhard Hauck: Hanns Wienold: Indien heute. Die Armut bleibt unbesiegt. Mรผnster: Westfรคlisches Dampfboot 2019, 268 Seiten
Matin Baraki: Der Afghanistan-Konflikt in deutschen Publikationen. Drogenflรผge vom Hindukusch. Sammelrezension zu Uwe Krรผger: Schadensfall Afghanistan โ Ein Krieg und seine Folgen / Rainer Buske: Kunduz โ Ein Erlebnisbericht รผber einen militรคrischen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Jahre 2008 / Stefan Kรถhler & Tom Zola: Krieg in Afghanistan / Florin Beerenkรคmper, Marcel Bohnert, Anja Buresch & Sandra Matuszewski: Der innerafghanische Friedens- und Aussรถhnungsprozess
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Abstracts
โRรผckfรผhrbarkeit fรถrdernโ. Das Zusammenwirken von freiwilliger Rรผckkehr und Abschiebungen in Nordafrika (Inken Bartels)
Der Artikel verknรผpft aktuelle Ansรคtze der deportation studies mit Forschungen zu Rรผckkehr und Rรผckfรผhrungen in Afrika, welche bislang weitestgehend unabhรคngig voneinander betrachtet wurden, um verschiedene Rรผckfรผhrungspraktiken innerhalb des afrikanischen Kontinents als Teil eines komplexen, transnationalen Rรผckfรผhrungsregimes zu analysieren. Anhand des Programmes zur Unterstรผtzung Freiwilliger Rรผckkehr und Reintegration der Internationalen Organisation fรผr Migration (IOM) in Marokko und Tunesien zeige ich, wie staatlich erzwungene Abschiebungen und nicht-staatliche, auf Anreizen basierende Programme zur โfreiwillige Rรผckkehrโ zusammenwirken, um unerwรผnschte sub-saharische Migrant*innen zur Rรผckkehr in weiter von den europรคischen Auรengrenzen entfernte Herkunftslรคnder zu bewegen. Ich argumentiere, dass durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Rรผckfรผhrungsinstrumente zwar nicht die tatsรคchliche Rรผckfรผhrung aller Migrant*innen im Transit bewirkt wird, diese jedoch in einen Zustand permanenter Rรผckfรผhrbarkeit bzw. returnability versetzt werden, welche โ in Analogie zur staatlich produzierten Abschiebbarkeit bzw. deportability โ sie zur vermehrten โfreiwilligenโ Rรผckkehr bewegen soll. Gleichzeitig verdeutlicht der Artikel, dass auch unter diesen unรผbersichtlichen Rรผckfรผhrungsbedingungen im Transit unterschiedliche Mรถglichkeiten bestehen, den Rรผckfรผhrungen zu entkommen, die diversen Instrumente eigensinnig zu nutzen oder ihnen aktiv und kollektiv Widerstand zu leisten. Schlagwรถrter: Abschieberegime, deportability, โfreiwillige Rรผckkehrโ, IOM, Marokko, Tunesien
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Reintegration nach Abschiebung. Erfahrungen von aus den USA abgeschobenen Dominikanern und Brasilianern (Tanya Golash-Boza, Yajaira Ceciliano Navarro)
Die Forschung zu Abschiebungen verdeutlicht, dass diese leidvoll sind und schwerwiegende Folgen fรผr Betroffene und ihre Familienangehรถrigen haben. Es gibt jedoch relativ wenige Studien darรผber, wie sich die Erfahrungen zwischen verschiedenen nationalen Kontexten unterscheiden. Ausgehend von 81 Interviews mit dominikanischen und brasilianischen Abgeschobenen argumentieren wir, dass ihre Reintegration von Makro-, Meso- und Mikrofaktoren beeinflusst wird. Darunter zรคhlen individuelle Merkmale wie kulturelle Anpassung und Humankapital (mikro), nationale und transnationale Bindungen (meso) sowie soziale und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Abgeschobene aufgenommen werden (makro). Das Forschungsdesign des vorliegenden Artikels arbeitet diese Faktoren heraus und zeigt, wie sie voneinander abhรคngen. Je ungรผnstiger sich der Aufnahmekontext auf die Reintegration auswirkt, desto relevanter werden Faktoren auf der Meso- und Mikroebene. Dominikanische Abgeschobene werden von Regierung und Gesellschaft stigmatisiert und sind daher mehr auf transnationale Bindungen und ihre eigene Resilienz angewiesen. Im Gegensatz dazu stoรen brasilianische Deportierte auf einen weniger feindlichen Kontext, was bedeutet, dass sich Personen mit lokalen Bindungen und Humankapital einfacher reintegrieren. Schlagwรถrter: Abschiebung, Transnationalismus, Reintegration, Dominikanische Republik, Brasilien
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Mali: Abschiebungen als postkoloniale Praxis (Almamy Sylla, Susanne U. Schultz)
Ebenso wie afrikanische Migrationen finden auch Abschiebungen grรถรtenteils innerhalb des afrikanischen Kontinents statt. Debatten darรผber sind jedoch zumeist auf den Globalen Norden gerichtet. Der Artikel analysiert die Geschichte und die Praktiken von Abschiebungen aus einer weniger eurozentrischen Perspektive. Die Kernthese ist, dass Abschiebungen aus west-, zentral- und nordafrikanischen Lรคndern in diesen Regionen in Form von (Massen-)Abschiebungen mit der Unabhรคngigkeit vieler Staaten zu einem politischen Instrument wurden. Diese โafrikanischenโ Abschiebungen dienten damit der Bestรคtigung der neuen staatlichen Souverรคnitรคt in der Zeit der Dekolonisierung. Mali dient in diesem Beitrag als Beispiel, um diese (neue) staatliche Praxis und deren Auswirkungen zu untersuchen. Dabei hat der malische Staat selber keine Abschiebungen vorgenommen, vielmehr sind malische Staatsbรผrger*innen stark von innerafrikanischen Abschiebungen betroffen. Sie unterbrechen dabei die gerade fรผr Westafrika kennzeichnende Zirkularitรคt von Migrationen. In Mali entstanden u.a. Kontroversen รผber den Umgang mit den Abgeschobenen, etwa in Bezug auf ihre Wiederansiedlung und das Instrument der freiwilligen Rรผckkehr. Die malische Zivilgesellschaft begann in den 1990er Jahren, sich gegen unerwรผnschte Formen der Zwangsrรผckfรผhrung zu organisieren. Zugleich zog sich der Staat aus Reintegrationsmaรnahmen zurรผck, so dass hier die Zivilgesellschaft hauptverantwortlich wurde. Schlagwรถrter: Abschiebungen, Repatriierungen, โfreiwillige Rรผckkehrโ, Mali, Libyen, Globaler Sรผden, postkoloniale Staaten
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Deportationen aus Sรผdafrika. Heutige und historische politische Kontexte und Abschiebepraktiken (Rita Schรคfer)
Sรผdafrika ist hinsichtlich der kontinuierlich hohen Zahlen an Abschiebungen seit Jahren weltweit fรผhrend. Der Beitrag ergrรผndet die Gegensรคtze zwischen der im internationalen Vergleich als innovativ geltenden Asylgesetzgebung und einer rigiden Abschiebungspraxis. Zudem untersucht er Abschiebungen als wichtiges Instrument des sรผdafrikanischen Innenministeriums zur Migrationssteuerung, zumal die Polizei sie oftmals willkรผrlich und gewaltsam durchfรผhrt. Davon sind vor allem Menschen aus Mosambik und Simbabwe betroffen. Diese Probleme sind nur zu verstehen โ so die grundlegende These โ, wenn eine empirische Detailanalyse vorgenommen wird und historische Zusammenhรคnge aufgezeigt werden. Denn rigide Einwanderungskontrollen und Abschiebungen wurden bereits in der Kolonialzeit etabliert und wรคhrend der Apartheid institutionalisiert. Schlagwรถrter: Sรผdafrika, Simbabwe, Mosambik, Abschiebungen, Asylrecht, Migrationspolitik, Apartheid, Siedlerkolonie
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Verkohltes Papier. Von einer brennenden Zelle, gewaltvoller Verdinglichung und dem gemeinsamen Versuch, der Abschiebung zu entgehen (Niki Kubaczek)
Der folgende Artikel geht der Frage nach, welche Begriffe hilfreich sein kรถnnten, den Widerstand von Illegalisierten wahrzunehmen, die sich ihrer Abschiebung widersetzten. Wie nรผtzlich sind hier Konzepte wie โziviler Ungehorsamโ, โVerzweiflungstatโ und โpolitischer Protestโ; und was bedeutet gemeinsamer Widerstand im Kontext nahezu totaler Beraubung an Mรถglichkeiten und Rechten? Dafรผr beschรคftigt sich der Text sich mit einer brennenden Zelle in der Schubhaft im Polizeianhaltezentrum Wien Hernals. Mit Hilfe von Interviews mit einem der Gefangenen sowie Beobachtungsprotokollen aus der Gerichtsverhandlungen gegen jene sechs Schubhaftgefangenen, die versuchten ihre Abschiebung durch Inbrandsetzung der Zelle zu verhindern, wird die zynische Verdinglichung von nicht-europรคischen โanderenโ als koloniale Kontinuitรคt und Produktion illegalisierter Arbeitskraft diskutiert. Gegen Verdinglichung und Entrechtlichung wird dann das โbilligende Hรถrenโ als Praxis der Forschung wie der Rechtsprechung vorgeschlagen. Mit dem Fokus auf marginalisierte Formen des Widerstands soll die folgende Auseinandersetzung dazu beitragen, รผber die Vorstellung von Kollektivitรคt und รffentlichkeit als vermeintliche Wesenszรผge des Widerstands hinauszugehen. Nur durch diese Perspektivenverschiebung, so soll argumentiert werden, kann es der Forschung zukรผnftig gelingen, jene marginalen Formen des Widerstands wahrzunehmen, welche inmitten der Entrechtlichung und Verdinglichung sowie vor und unterhalb jeder Gemeinschaft stattfinden: Widerstรคndigkeit, die sich der Kollektivitรคt und รffentlichkeit im gleichen Maรe entzieht, wie sie mit der Dichotomie von Verzweiflung versus politischem Protest bricht. Schlagwรถrter: Recht, Rassismus, Gefรคngnis, Abschiebung, Widerstand, commons, undercommons, Subalternitรคt, Illegalisierung, Verdinglichung, Gewalt
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