Inhalt
PERIPHERIE โ Politik โข รkonomie โข Kultur
2-2017 (Heft 146-147): Rassismus global
Schwerpunkt
Gerhard Hauck: Wer vom Rassismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen
Cรฉline Barry: Die Bedeutungen von tubaabitรฉ. Rassismuskritische Perspektiven auf das postkoloniale Dakar
Nicolas Wasser: Prekรคre Differenzen. Diversity, (Anti-)Rassismus und brasilianische Singularitรคten
Daniel Bendix / Aram Ziai: Rassismusanalyse in der Entwicklungsforschung am Beispiel deutscher reproduktiver Gesundheitspolitik in Tansania
Albert Scherr: Rassismus, Post-Rassismus und Nationalismus. Erfordernisse einer differenzierten Kritik
Ulrike Marz: Annรคherungen an eine Kritische Theorie des Rassismus
Floris Biskamp: Rassismus, Kultur und Rationalitรคt. Drei Rassismustheorien in der kritischen Praxis
Bettina Engels: Wann werden Konflikte manifest? Politische Opportunitรคtsstrukturen fรผr Proteste gegen Goldbergbau in Burkina Faso
Diskussion
Aram Ziai / Daniel Bendix: Rassismus global und in Deutschland. Fรผnf Thesen
Rezensionen
Claudia von Braunmรผhl: Karin Fischer, Gerhard Hauck, Manuela Boatcฤ (Hg.): Handbuch Entwicklungsforschung
Reinhart Kรถรler: James Heartfield: The British and Foreign Anti-Slavery Society
Catharina Wessing: Aram Ziai (Hg.): Postkoloniale Politikwissenschaft
Johannes M. Waldmรผller: Stefan Knauss: Von der Conquista zur Responsibility while Protecting
Eri M. Bohn: Reinhart Kรถรler: Namibia and Germany
Reinhart Kรถรler: Christiane Bรผrger: Deutsche Kolonialgeschichte(n)
Rita Schรคfer: Charles Laurie: The Land Reform Deception
Rita Schรคfer: David Coltart: The Struggle Continues
Rita Schรคfer: Richard Saunders & Tinashe Nyamunda (Hg.): Facets of Power.
Anna Deutschmann: Thierry M. Luescher, Manja Klemenฤiฤ & James Otieno Jowi (Hg.): Student Politics in Africa
Rita Schรคfer: Keith Breckenridge: Biometric State
Anna Fichtmรผller: Antje Daniel: Organisation โ Vernetzung โ Bewegung
Sรถren Scholvin: Patrick Bond & Ana Garcia (Hg.): BRICS. An Anti-Capitalist Critique
Theo Mutter: Anja Banzhaf: Saatgut โ Wer die Saat hat, hat das Sagen
Rita Schรคfer: Adriaan van Klinken & Ezar Chitando (Hg.): Public Religion and the Politics of Homosexuality
Philipp Ratfisch: Ilker Ataรง, Michael Fanizadeh & VIDC (Hg.): Tรผrkei. Kontinuitรคten, Verรคnderungen, Tabus
Rita Schรคfer: Arrigo Pallotti & Ulf Engel (Hg.): South Africa after Apartheid
Louisa Prause: Eric van Grasdorff, Thea Kulla & Nicolai Rรถschert (Hg.): Thomas Sankara. Die Ideen sterben nicht!
Reinhart Kรถรler: Sammelrezension zu: Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie / John MacLaughlin: Kropotkin and the Anarchist Intellectual Tradition
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Abstracts
Wer vom Rassismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen (Gerhard Hauck)
Der Fokus des Artikels liegt auf der Wechselwirkung zwischen Kapitalismus als sozioรถkonomischem und Rassismus als soziokulturellem System. Diese Wechselwirkung wird historisch analysiert, beginnend mit der Etablierung des kapitalistischen Weltsystems im langen 16. Jahrhundert auf der einen Seite, den rassistischen Bestandteilen in der Philosophie der Aufklรคrung auf der anderen. Im 19. Jahrhundert, als sich die Bourgeoisie als Teil der herrschenden Klasse etabliert hatte, wurde der Rassismus โwissenschaftlichโ; die Biologie wurde zur die Diskriminierung von Fremdgruppen legitimierenden Leitwissenschaft. Spรคter trat die Psychologie in ihrer intelligenz-messenden Variante, im frรผhen 20. Jahrhundert schlieรlich die โRassenhygieneโ an ihre Seite. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Rassenkonzept in den Hintergrund gedrรคngt. Seine Stelle nahm der Kulturbegriff ein, die Diskriminierungspraktiken aber blieben die selben.
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Die Bedeutungen von tubaabitรฉ. Rassismuskritische Perspektiven auf das postkoloniale Dakar (Cรฉline Barry)
Weiรe Herrschaft stellt auch nach dem formalen Ende von Kolonialherrschaft eine Realitรคt dar, mit der sich Afrikaner*innen in ihrem Alltag auseinandersetzen mรผssen. Trotzdem bleibt die Forschung zu rassistischen Strukturen in gegenwรคrtigen Afrikanischen Kontexten marginal. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit kolonial-rassistische Verhรคltnisse die heutige Dakarer Gesellschaft strukturieren. Auf der Basis einer empirischen Analyse Schwarzer Perspektiven erforsche ich die Bedeutungen des Begriffs โtubaabโ, der zum alltรคglichen senegalesischen Sprachgebrauch gehรถrt und โden Kolonisiererโ in seinen multiplen Facetten adressiert. Tubaab bezeichnet weiรsein und/oder Westlichsein. Darรผber hinaus wird tubaab mit Schwarzen und anderen People of Color assoziiert, um auf Situationen kultureller Assimilation und der Mitwirkung an (Re-)Kolonisierungsprozessen hinzudeuten. So erweist sich das Konzept der tubaabitรฉ als fruchtbar, um rassifizierte Hierarchien in Dakar in ihrer intersektionalen Komplexitรคt zu thematisieren. Meine Analyse hebt die Notwendigkeit einer Forschungspraxis hervor, die Artikulationen rassistischer Herrschaft in ihren spezifischen Machtkontext einbettet und berรผcksichtigt, dass die uns zur Verfรผgung stehenden rassismuskritischen Konzepte neuen, sich wandelnden postkolonialen Wirklichkeiten angepasst werden mรผssen. Schlagwรถrter: weiรsein, Rassismus, Kolonisierung, Postkolonie, Grounded Theory, tubaab, Senegal, Dakar
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Prekรคre Differenzen. Diversity, (Anti-)Rassismus und brasilianische Singularitรคten (Nicolas Wasser)
In neoliberalen Zeiten stellt sich zunehmend die Frage, ob das Versprechen von Diversity im Namen der Profitmaximierung zur mehr Gleichberechtigung von Minderheiten fรผhrt. Der vorliegende Beitrag spรผrt der Verwertung, aber auch den Brรผchen mit der spรคtkapitalistischen (Anti-)Rassismuslogik in einem brasilianischen Modeunternehmen nach. In einem ersten Schritt wird dargestellt, welche Identitรคts- und Anerkennungswรผnsche junge schwarze Angestellte durch ihre Arbeit artikulieren und welchen Widersprรผchen sie begegnen. Im zweiten Schritt wird versucht, die subjektiven Erfahrungen im regionalen Kontext (anti)rassistischer Diskurse zu betrachten. Welche Verbindungslinien gibt es im brasilianischen Fall zu den national(istisch)en Mythen der harmonischen โRassenmischungโ? Schlieรlich wird im letzten Schritt anhand von zwei aktuellen Beispielen politischen Handelns einer jungen Generation von Marginalisierten aus Sรฃo Paulo skizziert, welche Fluchtlinien und Widerstรคnde sich gegen den Imperativ der vermarkteten mestiรงagem abzeichnen. Schlagwรถrter: Diversity, (Anti-)Rassismus, Kapitalismus, Brasilien, mestiรงagem
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Rassismusanalyse in der Entwicklungsforschung am Beispiel deutscher reproduktiver Gesundheitspolitik in Tansania (Daniel Bendix, Aram Ziai)
Ausgehend von einer Betrachtung der bisherigen Beschรคftigung mit Rassismus in der deutschsprachigen Politikwissenschaft erรถrtert dieser Artikel, wie das Potenzial der Entwicklungsforschung fรผr die Untersuchung von Rassismus genutzt werden kann. Entwicklungsforschung mit ihrem Interesse an globaler sozioรถkonomischer Ungleichheit scheint besonders geeignet zu sein, Rassismus als umfassenden globalen Komplex mit diskursiven und materiellen Dimensionen zu verstehen. In diesem Artikel wird argumentiert, dass der Fokus auf Rassismus als Ungleichheit stรผtzendes diskursives Phรคnomen nicht ausreichend ist, um dessen Wirkmรคchtigkeit zu erfassen. Wie Rassismus materieller verstanden und analysiert werden kann, wird in diesem Beitrag anhand des Beispiels deutscher Entwicklungspolitik im Bereich reproduktive Gesundheits und Bevรถlkerungspolitik in Tansania aufgezeigt. Schlagwรถrter: Rassismus, Entwicklungsforschung, globale Ungleichheit, reproduktive Gesundheit, Bevรถlkerungspolitik, Deutschland
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Rassismus, Post-Rassismus und Nationalismus. Erfordernisse einer differenzierten Kritik (Albert Scherr)
Der vorliegende Beitrag zielt auf eine Prรคzisierung der begrifflichen Grundlagen von Rassismus- und Nationalismuskritik. In Abgrenzung gegen eine generalisierte Verwendung des Rassismusbegriffs wird dazu zunรคchst, in Anschluss an die angelsรคchsische Rassismusforschung, fรผr eine differenzierte Analyse historischer und gegenwรคrtiger Rassismen plรคdiert. Vor diesem Hintergrund wird dann argumentiert, dass fรผr das Verstรคndnis der Reproduktion globaler Ungleichheiten eine Analyse von Nationalstaatlichkeit und Nationalismus erforderlich ist, die nicht zureichend in der Perspektive der Rassismuskritik entwickelt werden kann, sondern diese รผberschreiten muss. Schlagwรถrter: Nationalstaatlichkeit, Nationalismus, Rassismus, Meritokratie, globale Ungleichheiten
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Annรคherungen an eine Kritische Theorie des Rassismus (Ulrike Marz)
Der Artikel umreiรt Elemente einer Kritischen Theorie des Rassismus in der Tradition Horkheimers und Adornos mit besonderem Fokus auf die Verbindung von warenproduzierender Gesellschaft und ihr entsprechender Formen des Bewusstseins. Im Fokus steht die Frage, ob die autoritรคre Persรถnlichkeit als ein prototypisches Ergebnis der kapitalistischen Sozialform auch heute noch analysiert werden kann. Eine Darstellung der Verschiebungen und Zuspitzungen in der neoliberalen warenproduzierenden Gesellschaft zeigt, dass sich sowohl die Subjektkonstitution wie auch die Form des Rassismus verรคndert haben. Soziale Verรคnderungen und Verschiebungen in der Subjektkonstitution verlangen eine Modifikation des ursprรผnglichen Konzeptes der autoritรคren Persรถnlichkeit insbesondere in Hinblick auf seine Entstehung. Vier Aspekte verweisen auf solch eine notwendige Modifikation: (1) eine substantielle, aber nicht kategoriale Verschiebung von der ยปRasseยซ zur Kultur in der rassistischen Argumentation, (2) eine zunehmende Selbst-Fรผhrung und Selbstinszenierung der Subjekte, (3) die untergeordnete Bedeutung eines konkreten ยปFรผhrersยซ und (4) die abnehmende Bedeutung der patriarchalischen Kleinfamilie. Wirksam wird Rassismus heute vor allem im Rahmen einer konformistischen Revolte, in dem eine ยปkonformistisch-egoistische Persรถnlichkeitยซ agiert. Schlagwรถrter: Rassismus, Kritische Theorie, Krise, autoritรคre Persรถnlichkeit, Soziologie
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Rassismus, Kultur und Rationalitรคt. Drei Rassismustheorien in der kritischen Praxis (Floris Biskamp)
Der vorliegende Beitrag nimmt zwei Kernfragen der Rassismustheorie auf: erstens die Frage nach dem Verhรคltnis von Rassismus und Rationalitรคt sowie zweitens die Frage, welches Sprechen รผber Kultur als rassistisch auszuweisen ist. Dabei vergleicht der Autor zunรคchst zwei rassismustheoretische Ansรคtze, deren Antworten auf diese Fragen er anhand der Bewertung von Kants Rassentheorie im Kontext seines Gesamtwerks sowie anhand der Diskussionen um antimuslimischen Rassismus vergleicht. Auf der einen Seite steht ein Verstรคndnis von Rassismus als Ideologie oder falsches Bewusstsein. Der in diesem Ansatz vertretene emphatische Vernunftbegriff ermรถglicht es, eine herrschaftskritische Position zu begrรผnden sowie eine Grenze zwischen rassistischen und kritischen Formen des Sprechens รผber Kultur zu ziehen; der Fokus auf die Bewusstseinsebene fรผhrt jedoch dazu, dass die fรผr Rassismus entscheidenden Macht- und Diskursdynamiken unterbelichtet bleiben. Auf der anderen Seite steht ein Verstรคndnis von Rassismus als Herrschaftsverhรคltnis oder Diskurs. Hier werden Macht- und Diskursdynamiken besonders scharf dargestellt; durch den Verzicht auf einen positiven Vernunftbezug entzieht sich diese Form der eigenen rassismuskrtischen Praxis aber selbst eine wichtige Grundlage, was zu einer oftmals reduktionistischen Form der Kritik fรผhrt. Um die Stรคrken beider Ansรคtze zu verbinden, wird am Ende ein Verstรคndnis von Rassismus als systematisch verzerrtem Kommunikationsverhรคltnis eingefรผhrt, das erlaubt, Macht und Diskursdynamiken zu analysieren, ohne auf einen starken Vernunftbegriff zu verzichten. Schlagwรถrter: Rassismus, Rassismustheorie, Immanuel Kant, antimuslimischer Rassismus, Islamophobie
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Wann werden Konflikte manifest? Politische Opportunitรคtsstrukturen fรผr Proteste gegen Goldbergbau in Burkina Faso (Bettina Engels)
Der aktuelle Bergbau-Boom geht weltweit mit Konflikten um รถkologische Fragen, die Verteilung der Gewinne und Steuern, Menschenrechte, Landnutzungskonkurrenzen und territoriale Ansprรผche, kollektive Identitรคten entlang von Kategorien wie Indigenitรคt, Ethnizitรคt und Nationalitรคt, kulturelle Reprรคsentation und Deutungshoheit in Entwicklungspolitik und diskursen einher. Der Artikel untersucht, unter welchen Bedingungen diese Konflikte, die dem Bergbau aufgrund seiner erheblichen sozialen und รถkologischen Auswirkungen inhรคrent sind, manifest werden und eskalieren. Unter Rรผckgriff auf zwei Konzepte aus der contentious-politics-Forschung โ politische Gelegenheitsstrukturen und Protestrepertoires โ werden drei aktuelle Konflikte um den Goldbergbau in Burkina Faso analysiert, einem der Staaten in Subsahara-Afrika, in denen der extraktive Sektor gegenwรคrtig am schnellsten wรคchst. Ich stelle dar, welcher Protestrepertoires sich die jeweiligen Akteure bedienen und zeige, dass der Sturz des langjรคhrigen Staatsprรคsidenten Blaise Compaorรฉ Ende Oktober 2014 die zentrale Verschiebung in den politischen Gelegenheitsstrukturen darstellt, welche die Eskalation der Konflikte in allen drei Beispielen bedingte. Schlagwรถrter: Extraktivismus, Konflikt, Protest, Politische Gelegenheitsstrukturen, Burkina Faso
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