Inhalt
BIOS โ Zeitschrift fรผr Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen
1-2016: Verwaltete Biographien
hrsg. von: Elisabeth Schilling & Astrid Biele Mefebue
Beitrรคge
Elisabeth Schilling / Astrid Biele Mefebue: Das verwaltete Leben. Einfรผhrung
Ina Alber: Sinn und Ordnung. Biographien als Deutungsmuster im Diskurs
Yannick Kalff: Das โProjektโ als Metapher der Biographie. Verwaltungslogik und Selbstwerdung
Caroline Richter: Vom Glรผck der Berufung. โGlรผckโ als Topos in Berufsbiographien des wissenschaftlichen Nachwuchses
Alexander Lenger / Mila Obert / Christoph Panzer / Hannes Weinbrenner: โDann hat sich die Universitรคt doch entschlossen, mir eine Dauerstelle zu gebenโ. Eine Agency-Analyse zum Erleben der Strukturiertheit wissenschaftlicher Karrieren im akademischen Feld
Janina Sรถhn: Die institutionelle Bewertung von Erwerbsbiographien durch die Gesetzliche Rentenversicherung und die finanziellen Konsequenzen. Lรคngsschnittanalysen zu Zugewanderten in Deutschland
Olga Galanova: Das Leben unter Verdacht. Unterlagen des Ministeriums fรผr Staatssicherheit als Quelle โdevianter Biographienโ
Francis Seek: Akte Lebensende. Die Verwaltung des armen Todes im Kontext ordnungsbehรถrdlicher Bestattungen
Projektberichte
Anna Maria Droumpouki: Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland. Entstehung, Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung eines deutsch-griechischen Dokumentationsprojekts
Literaturbesprechungen
Hans Joachim Schrรถder: Manfred Clemenz: Der Mythos Paul Klee. Eine biographische und kulturgeschichtliche Untersuchung.
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Abstracts
Sinn und Ordnung. Biographien als Deutungsmuster im Diskurs (Ina Alber)
Biographien als soziale Ordnungsmuster erfรผllen individuell und kollektiv eine sinnstiftende Funktion. Moderne Verwaltungen als Instrumente der Herrschaftslegitimation formulieren und dokumentieren biographische Daten, die sowohl zur Ordnung des Sozialen als auch als Grundlage fรผr rekonstruktive Sozialforschung dienen. Das soziale Konstrukt Biographie liefert ein Analyseinstrument, um Deutungs- und Handlungsmuster sowie deren individuelle biographische Artikulation zu untersuchen. Je nachdem, welche Datengrundlagen fรผr die sozialwissenschaftliche Rekonstruktion von Biographien genutzt werden, verweisen diese auf unterschiedliche Diskurse. Wie kรถnnen die jeweils spezifischen sozio-historischen und diskursiven Kontexte der Datenproduktion fรผr die Analyse berรผcksichtigt werden? In diesem methodologischen Beitrag wird Triangulation als Mรถglichkeit zur Rekonstruktion von sozialen Phรคnomenen diskutiert. Das Argument lautet, dass zur Erfassung der Komplexitรคt von Biographien nicht die Kongruenz von Daten das Analyseziel sein kann, sondern dass gerade die Brรผche und mรถglichen Widersprรผche Aufschluss รผber das soziale Ordnungsmuster Biographie geben kรถnnen.
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Das โProjektโ als Metapher der Biographie. Verwaltungslogik und Selbstwerdung (Yannick Kalff)
Projekte stehen fรผr einen aktiven Lebensstil, der auf Kreativitรคt, Innovation, Flexibilitรคt und Befristung verweist. Projekte sind nicht nur Einzelunternehmungen, die bewรคltigt werden sollen; sie erzeugen ein biographisches Narrativ, nach welchem Menschen ihr Leben orientieren. Darรผber hinaus verweisen sie auf klare Strukturen, die durch Verwaltungslogiken organisiert werden. Projekte sind verwaltete Organisationszusammenhรคnge und suggerieren ein modernistisches Ordnungsdenken, welches sich in Zeitplรคnen, Fristen und Befristung ausdrรผckt. Ein solcher biographischer Selbstentwurf kann sich eines metaphorischen Projektbegriffs bedienen. Dieser Beitrag fragt nach den Implikationen und den verwaltenden Funktionen der Projektrhetorik in Biographien. Die These ist, dass projektifizierte Biographien spezifische Ordnungs- und Steuerungsmechanismen sowie Rechtfertigungsordnungen aufgreifen und so Lebenslรคufe selbstverantwortlich verwaltbar und planbar machen. Der Beitrag befasst sich zunรคchst mit den Begriffen Lebenslauf und Biographie, bevor er sich dann der Begriffsgeschichte und einer kurzen Darlegung von Blumenbergs Metaphorologie widmet. Die Metapher des Projekts wird als pragmatische Annรคherung an ein Strukturprinzip interpretiert. Dieses wird zum einen als Rechtfertigungsordnung gelesen und zum anderen als Kontrollmodus interpretiert. Abschlieรend schlรคgt der Beitrag einen Bogen und diskutiert, wie individueller Lebenslauf und biographische Singularitรคt den Kern einer spรคtmodernen Subjektivitรคt bilden, deren diskursive Vermittlung im Individuum eingeschrieben und doch offen fรผr das Eigensinnige ist.
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Vom Glรผck der Berufung. โGlรผckโ als Topos in Berufsbiographien des wissenschaftlichen Nachwuchses (Caroline Richter)
(Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verweisen im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Laufbahn hรคufig auf Glรผck. Diese empirische Beobachtung aus einem Forschungsprojekt greift der Beitrag auf und fragt nach dem Warum. Er zeigt, ausgehend von der empirischen Verwendung des Begriffs Glรผck, wie die im Projekt Befragten die Entwicklung ihrer Laufbahn als biographische Folge eines Einflusses durch die Universitรคt und die Professorenschaft einordnen. Die Analyse von Facetten des kommunikativen Einsatzes von Glรผck als biographischem Topos legt offen, dass es โ entgegen der etablierten Interpretation von Webers โhasardโ als Zufall โ unzureichend ist, โGlรผckโ in seinen verschiedenen kommunikativen Verwendungen in biographischen Selbstentwรผrfen von (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausschlieรlich mit โZufallโ gleichzusetzen. Vielmehr muss die Nutzung dieses Topos als Ausdruck der Unberechenbarkeit und Personenabhรคngigkeit gesehen werden, die fรผr die Universitรคt als Expertenorganisation im Spannungsfeld zwischen konservativem, meritokratischem Prinzip einerseits und unternehmerischem Wandel andererseits konstitutiv ist.
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โDann hat sich die Universitรคt doch entschlossen, mir eine Dauerstelle zu gebenโ. Eine Agency-Analyse zum Erleben der Strukturiertheit wissenschaftlicher Karrieren im akademischen Feld (Alexander Lenger, Mila Obert, Christoph Panzer, Hannes Weinbrenner)
Der vorliegende Artikel behandelt die Frage, wie Professorinnen und Professoren im deutschen Hochschulwesen ihre eigene Handlungsmacht auf ihrem Karriereweg hin zur Professur ex post in ihrer Biographie konstruieren und inwiefern sie ihren Lebensverlauf als strukturiert begreifen. Dem Ansatz der Biographieforschung folgend, werden Biographien hinsichtlich der individuellen Deutungsmuster der Lebensgeschichte der einzelnen Subjekte rekonstruiert. Ergรคnzend geht der hier vorliegende Artikel im Anschluss an Pierre Bourdieu davon aus, dass professorale Lebenslรคufe von strukturellen Elementen des akademischen Feldes geprรคgt werden; entsprechend werden in einem ersten Schritt die vorhandenen Strukturen des deutschen Hochschulsystems beschrieben und in den Forschungskontext eingeordnet. In einem zweiten Schritt behandelt der Artikel die Frage, wie Professorinnen und Professoren ihren Lebenslauf und ihre eigene Handlungsmacht hinsichtlich der vorhandenen Strukturen konzipieren. Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurden sechs leitfadengestรผtzte, teilbiographische Interviews mit Professorinnen und Professoren zu ihrem akademischen Werdegang aus einem grรถรeren Korpus ausgewรคhlt und mit der Methode der Agency-Analyse ausgewertet. Unsere Analysen zeigen, dass alle interviewten Professorinnen und Professoren ihre akademische Karriere als โ auf irgendeine Art โ strukturiert begreifen. Hierbei ergeben sich aus dem Material drei Grundnarrative, die sich hinsichtlich des Erlebens von Strukturiertheit des Lebenslaufs und der Zuschreibung von Agency deutlich unterscheiden: Das passive Erfahren und/oder Erleiden der Strukturen bei gleichzeitiger Beibehaltung vorheriger Dispositionen (Grundnarrativ I); die aktive Herstellung von Handlungsmacht durch das Verfolgen eines strategischen Plans (Grundnarrativ II) sowie die passive Prรคgung und Anpassung an die Strukturen des akademischen Feldes (Grundnarrativ III). Die in den Grundnarrativen erkennbaren Erzรคhlungen von strategischem Handeln und Karriereplanung geben dabei Hinweise auf eine mรถgliche Erweiterung des feldspezifischen Handlungsmodus im Sinne eines Neuen Geistes des akademischen Kapitalismus.
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Die institutionelle Bewertung von Erwerbsbiographien durch die Gesetzliche Rentenversicherung und die finanziellen Konsequenzen. Lรคngsschnittanalysen zu Zugewanderten in Deutschland (Janina Sรถhn)
Aus der Perspektive der soziologischen Lebensverlaufsforschung lassen sich Lebensverlรคufe als Abfolge sozial anerkannter Aktivitรคten, Rollen und Ereignisse in Kerndimensionen wie Bildung, Arbeit und Familie begreifen. In Wohlfahrtsstaaten ist es das Rentenrecht, das geradezu paradigmatisch fรผr dieses Verstรคndnis institutionell eingebetteter Lebensverlรคufe steht. Erwerbsbiographien werden sprichwรถrtlich verwaltet, indem Informationen รผber spezifische Aktivitรคten wie sozialversicherungspflichtige Beschรคftigung oder Arbeitslosigkeit gesammelt und rentenrechtlich bewertet, andere Tรคtigkeiten dagegen unberรผcksichtigt bleiben. Diese selektive institutionelle Wรผrdigung von Biographien bestimmt die Hรถhe der individuellen Renten, ist aber zunรคchst auf die Aktivitรคten in einem Nationalstaat begrenzt. Dies ist jedoch fรผr Migrantinnen und Migranten eine Herausforderung, denn der Erwerb der ersten Rentenanwartschaft erfolgt spรคter als bei Personen ohne Migrationserfahrung. Wie unterscheiden sich die rentenrechtlich anerkannten Erwerbsbiographien und die daraus resultierenden Altersrenten von Zugewanderten im Vergleich zu Einheimischen und untereinander? Welche sozialen Merkmale gehen mit eher gรผnstigen oder eher prekรคren Verlรคufen einher? Diese Forschungsfragen beantwortet der Beitrag auf Basis eigener Analysen von lรคngsschnittlichen Daten der Deutschen Rentenversicherung fรผr die Lebensjahre 19 bis 65 der Rentenzugangskohorte des Jahres 2014. Die unterdurchschnittlichen Altersrenten zugewanderter Rentnerinnen und Rentner sind sowohl auf die migrationsbedingten Beitragslรผcken als auch auf die im Vergleich zu Einheimischen lรคngeren Phasen der Arbeitslosigkeit und niedrigere Gehรคlter bzw. Beitragszahlungen zurรผckzufรผhren. Schlieรlich wird empirisch gezeigt, dass auch rentenrechtliche Sonderregelungen wie das Fremdrentengesetz fรผr Zugewanderte mit (Spรคt-)Aussiedlerstatus und internationale Sozialversicherungsabkommen die migrationsbedingten Risiken teilweise abfedern und letztere eher den sozioรถkonomisch besser gestellten Zugewanderten zugutekommen.
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Das Leben unter Verdacht. Unterlagen des Ministeriums fรผr Staatssicherheit als Quelle โdevianter Biographienโ (Olga Galanova)
Der Aufsatz versteht sich als Beitrag zur methodischen Diskussion รผber die Grenzen der Interpretationsabsicherung in biographischer Fallrekonstruktion und beschรคftigt sich mit der Frage, welchen Erkenntniswert die verwalteten Biographien fรผr die Biographieforschung haben. Werden Stasi-Unterlagen in ihrem Produktions- und Nutzungskontext betrachtet, lรคsst sich sofort erkennen, dass sie keine passiven Abschriften von Lebensereignissen sind. Vielmehr sind sie insofern aktive Leistungen ihrer Verfasser, als sie zu dem der Institution eigenen Zweck entstanden sind, Misstrauen zu generieren und deviante Lebenslรคufe zu konstruieren. Anhand von kontrastierenden Formaten wie einem Erรถffnungsbericht zu einer Akte und einem Transkript eines abgehรถrten Telefonates werden die Besonderheiten von Stasi-Akten als Quellen fรผr die Biographieforschung herausgearbeitet. Als Resultat lรคsst sich erkennen, dass amtliche Dokumente zwar eine Version des biographischen Geschehens liefern, aber in erster Linie als Lรถsung fรผr relevante institutionelle Aufgaben dienen.
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Akte Lebensende. Die Verwaltung des armen Todes im Kontext ordnungsbehรถrdlicher Bestattungen (Francis Seek)
Im vorliegenden Artikel werden ausgewรคhlte Ergebnisse einer ethnographischen Studie zu Interventionen im Kontext anonymer ordnungsbehรถrdlicher Bestattungen in Berlin vorgestellt. Der Beitrag diskutiert die Verwaltung von marginalisierten Biographien und Einflรผsse des normativen โProjekt Lebensendeโ auf Menschen, die von Gesundheits- oder Ordnungsรคmtern bestattet werden. Anschlieรend werden Interventionen in diesem Feld diskutieren, die einer Unsichtbarmachung und Abwertung der Biographien ordnungsbehรถrdlich bestatteter Menschen entgegenwirken.
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Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland. Entstehung, Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung eines deutsch-griechischen Dokumentationsprojekts (Anna Maria Droumpouki)
Trotz der vielen Forschungsarbeiten zum Zweiten Weltkrieg stellt der deutsche Historiker Dieter Pohl fest, dass รผber Griechenlands Rolle noch sehr wenig bekannt ist. รhnliches gilt auch fรผr die griechische รffentlichkeit selbst, wo wenig fundiertes Wissen รผber den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Okkupation existiert. Allerdings รคndert sich dies derzeit, und ein wachsendes รถffentliches Interesse an den Geschichten von รberlebenden ist feststellbar. Aus diesem Grund ist eine Online-Plattform mit griechischen Zeitzeugenberichten der Okkupationszeit besonders sinnvoll, wie sie im Rahmen des Projekts โErinnerungen an die Okkupation in Griechenlandโ aufgebaut wird. Hierfรผr werden mindestens 70 lebensgeschichtliche Video-Interviews mit griechischen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aufgenommen. Ihre Erinnerungen an die Besatzung werden fรผr die Zukunft bewahrt und fรผr das Internet aufbereitet. Erfasst werden in landesweiter Streuung Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Zeitzeugenkategorien: Widerstandskรคmpferinnen und -kรคmpfer, Opfer von Massakern, รberlebende von Bombenangriffen, versteckte Juden, Shoah-รberlebende, Personen, die bei Razzien in Athen und anderen Orten verhaftet und nach Deutschland deportiert wurden, etc. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden gebeten, ihre Lebensgeschichte zu erzรคhlen und erhalten somit Gelegenheit, auch รผber relevante allgemeine Aspekte der Nachkriegsgeschichte zu berichten. Nach der Aufnahme der Interviews wird ein Online-Portal geschaffen, in dem die Erinnerungsberichte mit weiteren Quellenmaterialien bereitgestellt, ergรคnzt und historisch kontextualisiert werden. Das Gesamtprojekt โErinnerungen an die Okkupation in Griechenlandโ ist am Center fรผr Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universitรคt Berlin angesiedelt. In diesem Beitrag werden auch einige Ausschnitte aus Lebenserinnerungen vorgestellt.
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