Inhalt
GENDER โ Zeitschrift fรผr Geschlecht, Kultur und Gesellschaft
2-2020: Geschlecht, Arbeit, Organisation
Hrsg.: Julia Gruhlich / Edelgard Kutzner / Diana Lengersdorf
Julia Gruhlich / Edelgard Kutzner: Vorwort: Geschlecht, Arbeit, Organisation – Aktuelle Entwicklungen in der Arbeitswelt
Schwerpunkt/Essays
Myriam Gaitsch / Birgit Sauer / Johanna Hofbauer / Barbara Glinsner / Otto Penz: Doing Gender im รถffentlichen Dienst: affektive Arbeit von Arbeitsvermittler_innen
Karin Sardadvar / Nadja Bergmann / Claudia Sorger: Vaterschaft in Mรคnnerbranchen: zwischen neuen Arbeitszeitkulturen und traditionellem Erwerbsideal
Gabriele Fischer / Nora Lรคmmel / Jutta Mohr / Isabelle Riedlinger: Zum Beispiel Pflege โ Fragen an den arbeitssoziologischen Topos der Subjektivierung von Arbeit
Melanie Roski: Die Manifestation und Aushandlung von Institutionen in Mรคrkten und Organisationen: eine genderdifferenzierte Analyse des Konzepts unternehmerischer รkosysteme
Hildegard Maria Nickel: Grenzkรคmpfe um einen ganzheitlichen Lebensanspruch. Altes und Neues im betrieblichen Geschlechterverhรคltnis am Beispiel von Fach- und Fรผhrungskrรคften der Deutschen Bahn AG
Offener Teil/Essays: Open Part
Sylvia Mieszkowski: Jenseits von Atwood: gruselige Echos oder die ‚Magdโ als ikonische Figuration (geschlechter-)politischen Widerstands
Nicole Nunkesser: Girl Trouble โ Teddy Girls im London der 1950er-Jahre
Tanja Paulitz / Leonie Wagner: Professorinnen โ jenseits der โGlรคsernen Deckeโ? Eine qualitative empirische Studie zu geschlechtshierarchisierenden Praxen der Alltagskultur an Hochschulen
Christiane Micus-Loos / Melanie Plรถรer: Die Macht von Kรถrpernormen. Dekonstruktive Perspektiven auf berufliche Identitรคtskonstruktionen junger Frauen*
Rezensionen/Book Reviews
Julia Maria Breidung / Martin Spetsmann-Kunkel: Kate Manne, 2019: Down Girl. Die Logik der Misogynie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. 499 Seiten. 32,00 Euro
Margrit Brรผckner: Angelika Henschel, 2019: Frauenhauskinder und ihr Weg ins Leben. Das Frauenhaus als entwicklungsunterstรผtzende Sozialisationsinstanz. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. 357 Seiten. 48,00 Euro
Cristina Dรญaz Pรฉrez: Lindsey Earner-Byrne/Diane Urquhart, 2019: The Irish Abortion Journey, 1920โ2018. London: Palgrave Pivot. 158 pages. 51.99 Euro
Iris Werner: Nicola Hille (Hrsg.), 2019: Qualitรคt mit Quote โ Zur Diskussion um Exzellenz, Chancengleichheit und Gleichstellung in Wissenschaft und Forschung. Gรถttingen: Cuvillier Verlag Gรถttingen. 82 Seiten. 19,90 Euro
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Abstracts
Doing Gender im รถffentlichen Dienst: affektive Arbeit von Arbeitsvermittler_innen (Myriam Gaitsch, Birgit Sauer, Johanna Hofbauer, Barbara Glinsner, Otto Penz)
Der Wandel der staatlichen Arbeitsmarktverwaltung in Deutschland, รsterreich und der Schweiz impliziert zum einen die Aktivierung von Erwerbslosen und mehr affektive Arbeit, zum anderen die Einfรผhrung von New Public Management und Wettbewerb. Der Beitrag untersucht die geschlechtsspezifische Bedeutung, die diese Verรคnderungen fรผr die Arbeit der in der Arbeitsverwaltung Tรคtigen hat. Die Ergebnisse unserer empirischen Studie zeigen ein komplexes Bild: Maskulinisiertes unternehmerisches Verhalten koexistiert mit serviceorientierten feminisierten Arbeitspraktiken, affektive Strategien des Doing und Undoing von Weiblichkeit und Mรคnnlichkeit werden von Mรคnnern wie von Frauen angewendet. Schlagwรถrter: Staat, Bรผrokratie, Affektive Arbeit, Affektives Regieren, Doing Gender
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Vaterschaft in Mรคnnerbranchen: zwischen neuen Arbeitszeitkulturen und traditionellem Erwerbsideal (Karin Sardadvar, Nadja Bergmann, Claudia Sorger)
Organisationen in mรคnnerdominierten Branchen sind auf eine Vereinbarkeit von Erwerbs- und Betreuungsarbeit wenig ausgerichtet. Mรคnner zeigen aber zum Teil neue Erwerbs- und Familienorientierungen. Welche Zugรคnge zur Umsetzung involvierter Vaterschaft lassen sich in mรคnnerdominierten Organisationen gegenwรคrtig feststellen? Basierend auf einem interpretativen Zugang zu Organisationen stellt der Beitrag dazu Ergebnisse einer qualitativen empirischen Studie aus รsterreich vor. Die Ergebnisse machen deutlich, wie kurze Abwesenheiten als Normalfall mรคnnlicher Elternzeit konstruiert und Arbeitszeitadaptionen vor allem innerhalb des Formats der Vollzeitbeschรคftigung zugelassen werden. Dies trifft auch auf Schichtarbeit zu, die als besonders inkompatibel mit Vereinbarkeitsthemen gilt. Die Ergebnisse zeigen auรerdem, wie eine Vaterschaft zur Legitimierung eines Wunsches nach Distanzierung von der Erwerbsarbeit beitragen kann. Insgesamt wird erkennbar, dass ein punktueller Wandel der Arbeitszeit- und Organisationskulturen in mรคnnerdominierten Branchen stattfindet, aber von Organisationen und Beschรคftigten in einem engen Rahmen gehalten wird, um die Orientierung am mรคnnlichen Erwerbsideal nicht zu erschรผttern. Schlagwรถrter: Elternzeit, Elternteilzeit, Mรคnnlichkeit, Organisationskultur, Vรคterkarenz, Vaterschaft
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Zum Beispiel Pflege โ Fragen an den arbeitssoziologischen Topos der Subjektivierung von Arbeit (Gabriele Fischer, Nora Lรคmmel, Jutta Mohr, Isabelle Riedlinger)
Pflegeberufe in stationรคren Einrichtungen lassen sich aufgrund ihrer formalen Verfasstheit mit Erwerbsverhรคltnissen auรerhalb von Care-Arbeit vergleichen, gleichzeitig wohnt ihnen die Spezifik von Care-Tรคtigkeiten inne. Beides โ Erwerbsarbeit und Care-Arbeit โ unterlag in den letzten Jahrzehnten erheblichen Verรคnderungen. Wir fragen danach: Wie lassen sich die Verรคnderungen in der verberuflichten Pflege mit dem arbeitssoziologisch etablierten Diskurs der Subjektivierung von Arbeit zusammendenken? Relevant wird aus unserer Sicht dabei das Verhรคltnis der beiden Prozesse Subjektivierung von Arbeit und รkonomisierung. Diese Frage diskutieren wir auf der Basis von multiperspektivischen qualitativen Betriebsfallstudien, die mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet wurden. Als zentrales Ergebnis sehen wir eine kollektive Subjektiviertheit von Sorgetรคtigkeiten, die in den letzten Jahren Marktlogiken unterworfen wird. Die Unterscheidung in kollektive Subjektiviertheit im Care-Sektor und individualisierte Subjektivierung im Produktionsbereich scheint uns fรผr die Analyse des Wandels von Erwerbsarbeit relevant. Sie hat auch Auswirkungen auf Verantwortung und Ertrag von Subjektivierung. Schlagwรถrter: Care-Berufe, Pflege, Subjektivierung von Arbeit, รkonomisierung, Sorge, Anerkennung
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Die Manifestation und Aushandlung von Institutionen in Mรคrkten und Organisationen: eine genderdifferenzierte Analyse des Konzepts unternehmerischer รkosysteme (Melanie Roski)
Wirkung institutionalisierter Geschlechterbilder und -stereotype innerhalb von Organisationen kann nur unter Berรผcksichtigung der organisationalen Umwelt nachvollzogen werden. Denn erst der รผbergeordnete Handlungskontext, in dem eine Organisation sich bewegt, bestimmt, welche Institutionen wie bedeutsam werden. Eine Branche oder ein spezifischer regionaler Markt sind Beispiele fรผr solche Handlungskontexte. Ziel dieses Beitrags ist es, anhand theoretischer รberlegungen und gestรผtzt durch empirisches Material zu Unternehmensgrรผndungen durch Frauen in einer spezifischen Branche einen solchen รผbergreifenden Handlungskontext herauszuarbeiten. Geschlechterbezogene institutionalisierte Normen und Regeln verknรผpfen sich hier mit anderen handlungsleitenden Institutionen, die beispielsweise fachkulturell oder branchenspezifisch geprรคgt sind und erst im Zusammenspiel das individuelle Handeln der Akteure beeinflussen. Genderspezifische Institutionalisierungen werden auf diese Weise oft verdeckt oder รผberlagert. Schlagwรถrter: Neoinstitutionalismus, Geschlechterstereotype, Geschlechterinstitutionen, Womenโs Entrepreneurship, Unternehmerische รkosysteme
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Grenzkรคmpfe um einen ganzheitlichen Lebensanspruch. Altes und Neues im betrieblichen Geschlechterverhรคltnis am Beispiel von Fach- und Fรผhrungskrรคften der Deutschen Bahn AG (Hildegard Maria Nickel)
Der Beitrag basiert auf einer qualitativen empirischen Studie in der Deutschen Bahn AG. Zunรคchst legt er einige generelle Ausgangsannahmen dar, um anschlieรend รผberblickshaft auf die betrieblichen Geschlechterverhรคltnisse in der DB AG einzugehen und zu zeigen, wo verallgemeinerbare Probleme und Blockaden fรผr einen geschlechtergerechten Wandel der betrieblichen Geschlechterverhรคltnisse und fรผr den Aufstieg von Frauen in Fรผhrungspositionen liegen. Darauf aufbauend diskutiert er geschlechtertypische Dilemmata zwischen Erwerbsarbeit und individuellen (familialen) Reproduktionsansprรผchen. Das wird im Kontext einer โreflexiven Karriereorientierungโ nรคher beleuchtet, die vor allem, aber nicht mehr nur bei weiblichen* Fach- und Fรผhrungskrรคften zu beobachten ist. Als Sozialkompetenz zielt sie auf den Erhalt eines subjektiv als ganzheitlich erlebbaren Lebenszusammenhanges und stellt eine Kritik an der traditionellen Arbeits- und Leistungskultur dar. Der Beitrag endet mit einem Plรคdoyer fรผr eine an den komplexer werdenden Lebenszusammenhรคngen von Frauen* und Mรคnnern* orientierte Re-Thematisierung betrieblicher Geschlechterpolitik. Schlagwรถrter: Betriebliche Geschlechterverhรคltnisse, Geschlechterpolitik, Frauen in Fรผhrungspositionen, Reflexive Karriereorientierung.
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Jenseits von Atwood: gruselige Echos oder die ‚Magdโ als ikonische Figuration (geschlechter-)politischen Widerstands (Sylvia Mieszkowski)
Dieser Beitrag tritt an, Parallelen aufzuzeigen zwischen zeitgenรถssischer Biopolitik am rechten Rand des US-amerikanischen Spektrums und der ersten Staffel der TV-Adaption (2017) von Margaret Atwoods dystopischem Roman The Handmaidโs Tale (1985). Es gilt, eine doppelte These zu belegen, deren Teile durch die Frage verbunden sind, wie eine ursprรผnglich literarische Figur, eine kulturelle Reprรคsentation, durch Verflachung, Serialisierung, Ikonisierung zur Figuration politischen Widerstands in der Realitรคt werden kann. Zum einen schlage ich vor, die transmediale โMagdโ, die sich zum internationalen Phรคnomen des Protests gegen sexistische Gesetzgebung entwickelt hat, als โserielle Figurโ im Sinne Ruth Mayers zu verstehen. Zum anderen zeige ich, wie die Heldin der Hulu- Serie ihren aufgegebenen Subjektstatus in einem โ mit Michel Foucault als parrhesia zu bezeichnenden โ Akt โrisikobehafteten Wahrsprechensโ zurรผckerkรคmpft. Insgesamt geht es darum zu zeigen, wie verschiedene kulturelle Iterationen der โMagdโ zu einem sozio-politischen Diskurs beitragen, der gegen misogyne Geschlechterpolitik und ihre Gouvernementalitรคt Stellung bezieht. Schlagwรถrter: The Handmaidโs Tale, Serielle Figur, Widerstand, Parrhesia, Reproduktive Rechte, USA
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Girl Trouble โ Teddy Girls im London der 1950er-Jahre (Nicole Nunkesser)
In diesem Beitrag geht es um die Frage jugendlicher Vereinnahmung und Besetzung des urbanen Raums durch eine Gruppe junger Frauen aus dem britischen Arbeiter*innenmilieu der 1950er-Jahre, die als Teddy Girls bezeichnet wurden. Eroฬrtert wird, welche (Frei-)Raฬume und Moฬglichkeiten der Partizipation am oฬffentlichen Leben sichjunge Frauen der Jahrgaฬnge 1936 bis 1940 entgegen den gaฬngigen weiblichen Leitbildern der Zeit schaffen, besetzen und verlieren. Teddy Girls irritieren und dekonstruieren u. a. durch ihren spezifischen Kleidungsstil den binaฬr strukturierten Geschlechtercode, widersetzen sich den gesellschaftlichen Zumutungen und Erwartungen an Geschlechterbilder und Rollen, modellieren diese nach ihren jugendkulturellen Beduฬrfnissen. Der urbane Raum wird als Laboratorium jugendlicher Genderkonstruktionen genutzt und dient alternativen Wegen der Herstellung von Geschlechtlichkeit. Andersherum werden Rรคume geschaffen oder umgedeutet, die Distinktion und Zugehรถrigkeit verkรถrpern. Schlagwรถrter: 1950er-Jahre, Teddy Girls, Geschlecht, Urbaner Raum, Mode, Kรถrper, Doing Gender, Selbstinszenierung.
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Professorinnen โ jenseits der โGlรคsernen Deckeโ? Eine qualitative empirische Studie zu geschlechtshierarchisierenden Praxen der Alltagskultur an Hochschulen (Tanja Paulitz, Leonie Wagner)
Marginalisierungsprozesse von Professorinnen, die die โGlรคserne Deckeโ durchbrochen haben, finden bislang sowohl in wissenschaftlichen Untersuchungen als auch in den Diskursen und Maรnahmen der Gleichstellungspolitik wenig Beachtung. Ziel des Beitrags ist, auf der Basis einer laufenden qualitativen empirischen Interviewstudie erste Hinweise fรผr die Untersuchung und Bearbeitung informeller geschlechtshierarchisierender Praxis in der Alltagskultur an Hochschulen zu generieren. Die Auswertung der Interviews mit Professorinnen zeigt bislang, dass sowohl die alltรคglichen Spiele um die Herstellung von Sichtbarkeit als auch jene um die Bildung von Bรผndnissen entscheidend fรผr die Anerkennung von Leistung und fรผr die Erรถffnung von Handlungsmรถglichkeiten auf der Professur sind. Da diese Praxen zumeist sehr subtil oder diskret bleiben und kollektiv abgestรผtzt bzw. auch unterbrochen werden kรถnnen, verweisen sie auf das Problem der (fehlenden) Diskursivierung, dem mit den derzeit vorhandenen gleichstellungsorientierten Ansรคtzen kaum effektiv begegnet werden kann. Schlagwรถrter: Marginalisierung, Professorinnen, Hochschule, Universitรคt, Gleichstellungspolitik, Hochschulkultur
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Die Macht von Kรถrpernormen. Dekonstruktive Perspektiven auf berufliche Identitรคtskonstruktionen junger Frauen (Christiane Micus-Loos, Melanie Plรถรer)
Dekonstruktive Gendertheorien รถffnen den Blick auf Ordnungen und Normen, die die Identitรคtskonstruktionen der Subjekte rahmen und begrenzen. Mit Bezug auf empirisches Material, das in einem Forschungsprojekt zu Berufswahlentscheidungen junger Frauen* in Form von Gruppendiskussionen und Leitfadeninterviews erhoben wurde, geht es in dem Beitrag darum, normative Anforderungen in Bezug auf den Kรถrper aufzuzeigen, denen sich junge Frauen* und Mรคdchen* im Rahmen ihrer beruflichen Zukunftsorientierungen zu stellen haben. Dabei wird deutlich, wie Kรถrpernormen die Anerkennbarkeit der Subjekte im heteronormativen System der Zweigeschlechtlichkeit regulieren und welche Auswirkungen die antizipierten Risiken der Nicht-Erfรผllung dieser Normen fรผr die Selbstentwรผrfe junger Frauen* haben kรถnnen. Schlagwรถrter: Dekonstruktion, Gender, Kรถrpernormen, Identitรคtsentwรผrfe, Berufswahlen, Subjektivierung
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