Beschreibung
Open Access: Der Titel „Diskursanalytische Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft“ (DOI: 10.3224/84742484) ist kostenlos im Open Access (PDF) herunterladbar oder kostenpflichtig als Print-Ausgabe erhรคltlich. Der Titel steht unter der Creative Commons Lizenz Attribution 4.0 International (CC BY 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Poststrukturalistische und diskurstheoretische Ansรคtze sind fรผr die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung von wachsender Bedeutung und gehen mit dem zunehmenden Einsatz diskursanalytischer Methoden einher. Die Beitrรคge des Bandes greifen das Spektrum an Themen auf, das damit bearbeitet wird, setzen aber auch Impulse zu systematisierenden Reflexionen verschiedener Diskurs- und Subjektivierungstheorien und methodischer Zugรคnge.
Das Spektrum an Themen, das mit poststrukturalistischen und diskurstheoretischen Ansรคtzen bearbeitet wird, ist vielfรคltig: Es erstreckt sich auf รถffentliche, politische und mediale Geschlechterdiskurse zu erziehungswissenschaftlich relevanten Themen ebenso wie auf biographische Subjektivierungsprozesse und auf diskursive Praktiken, in denen Positionierungen von Subjekten und Differenzproduktionen stattfinden. Mit diskursanalytischen Methoden wird โ z.T. unter einer intersektionalen Perspektive โ ein empirischer Zugang zum Wirksamwerden verschiedener, nicht nur geschlechtsbezogener Normen, Identifizierungen, Macht- und Differenzverhรคltnisse gesucht. Im Jahrbuchs 2021 werden die verschiedenen Diskurs- und Subjektivierungstheorien systematisch zusammengebracht, die bislang relativ unverbunden nebeneinanderstehen.
The editors:
Prof. Dr. Susann Fegter, Professorin fรผr Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft, Institut fรผr Erziehungswissenschaft, Technische Universitรคt Berlin
Prof. Dr. Antje Langer, Professorin fรผr Schulpรคdagogik mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, Institut fรผr Erziehungswissenschaft, Universitรคt Paderborn
Prof. Dr. Christine Thon, Professorin fรผr Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, Institut fรผr Erziehungswissenschaften, Europa-Universitรคt Flensburg
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Target group:
Forschende und Lehrende der Gender Studies und Erziehungswissenschaft







Stephanie Spanu –
Allgemein
Das Jahrbuch erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung zum Thema: Diskursanalytische Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft ist der 17. Band aus der Reihe und 2021 bei Barbara Budrich erschienen. Die Autorinnen Susann Fegter, Antje Langer und Christine Thon machen den Auftakt mit einer thematischen Einordnung diskursanalytischer Vergewisserungen, die die Zugรคnge in das Feld der Geschlechterforschung aufzeigen und innerhalb der Erziehungswissenschaft gegenwรคrtig diskutiert werden.
Insgesamt ist das Werk in drei inhaltliche Themenbereiche untergliedert und schlieรt mit Rezensionen aus einschlรคgigen Werken ab:
Methodologische Reflexionen, empirische Erkundungen und einem offenen Teil. Insgesamt finden sich im Jahrbuch 13 Artikel und sieben Rezensionen.
Inhalt
Im ersten Teil widmen sich sechs Autor*innen methodologischen Reflexionen. Den Auftakt hierzu machen Brodersen, Spies und Truider mit dem Titel: โGeschlecht und Sexualitรคt zwischen Diskurs und Selbstoptimierung. Methodologische Implikationen einer empirischen Subjektivierungsforschungโ. Der Beitrag inspiriert insbesondere durch die Kontextualisierung auf Elemente der Biografieforschung und Wissenssoziologie und die darin eingelagerten Subjektverstรคndnisse.
Kรผnstler thematisiert in dem Beitrag โAnrufung, Umwendung und Widerstand: fรผr die Berรผcksichtigung von Herrschaftsverhรคltnissen in Subjektivierungsanalysenโ, in dem, anlehnend an Louis Althussers โUrszene der Anrufung und Adressierungโ, Potentiale zum Widerstand erkennbar sind. Phries Sophie Kรผnstler erรถffnet damit auch ein Desiderat, dem es sich dringend zuzuwenden gilt.
Der folgende Beitrag von Rieske โVerhรคltnisse von Autonomie und Heteronomie โ Potenziale subjekttheoretischer Perspektiven am Beispiel erziehungswissenschaftlicher Forschung zu Jungenโ nimmt die kritische Jungen- und Mรคnnlichkeitsforschung zum Anlass, subjektivierungstheoretische Konzepte hinsichtlich der Handlungsspielrรคume von Jungen anzuerkennen, ohne jedoch entsprechende Machtverhรคltnisse zu reproduzieren. Die auftretenden Grenzen sollen รผber eine relationale Ausrichtung verschoben werden und weisen damit auf neue Forschungsperspektiven innerhalb der Jungenforschung hin.
Eine zukunftsfรคhige Ausrichtung wird auch in dem Artikel von Geipel skizziert: โWho cares? Vergeschlechtlichende Subjektivierungen in antizipatorischen diskursiven Praktikenโ. Im Zentrum stehen dabei Sprechakte von Jugendlichen hinsichtlich ihrer Vorstellung von Beruflichkeit und Familie. Dabei werden Geschlechterordnungen im Sprechen, in Anlehnung und Weiterfรผhrung an Butler, als antizipatorische Praktiken markiert, in denen sowohl Gegenwarts-, als auch Zukunftsvorstellungen virulent werden.
Zukunftsentwรผrfe junger Frauen sind Gegenstand des Artikels von Micus-Loos und Plรถรer: โDu kannst natรผrlich nicht alles irgendwie auf andere Leute schieben und nur Nannys besorgen โ รberlegungen zur Analyse normativer Anforderungen an die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf in Gruppendiskussionenโ. Wie machtvoll das Narrativ der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, wird in den herausgearbeiteten Identitรคtskonstruktionen der Autor*innen besonders deutlich. Jedoch zeigen sich auch Widersprรผche im Sprech der jungen Frauen*, wenn es um Karrierevorstellungen geht (โeigenes Geld verdienenโ), die Carearbeit ebenfalls als markierter Raum junger Frauen* beschrieben wird, in der die Partner*innen nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Wieners und Weber schlieรen mit ihrem Beitrag: Im Blickfeld der Kamera: Visuelle Geschlechterordnungen in Organisationen diskursanalytisch untersuchenโ das erste Kapitel zu methodologischen Reflexionen. Durch videografische Erhebungen im Kontext der Exzellenz und Geschlecht in Wissenschaftsorganisationen machen sie vergeschlechtliche Sichtbar- und Sprechbarkeiten deutlich.
Das zweite Kapitel widmet sich empirischen Erkundungen, in dem gleichermaรen sechs Artikel zu finden sind. Den Auftakt machen Jergus und Koch mit ihrem Artikel โVater, Mutter Kind(er)!? Pรคdagogische Professionalitรคt und Geschlechterverhรคltnisse im Feld der frรผhkindlichen Bildungโ. Dabei wird retrospektiv und diskursanalytisch auf Daten eines Forschungsprojektes zurรผckgegriffen, um verรคnderte Professionalisierungsbestrebungen der letzten zwanzig Jahre zu rekapitulieren. Wie machtvoll das Sprechen der Fachkrรคfte รผber den โVaterโ erscheint, wird flankiert vom antagonistischen Sein der Mutter und wird damit zum Spiegel des Autorisierungsgeschehens.
Steinicke und Sabla-Dimitrov thematisieren die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf in ihrem Artikel โOb so eine Mutti nochmal so super was reiรen kann โ Die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf in sozialpรคdagogischen Handlungsfeldern als diskursive Konstruktionโ, in dem sie Professionalitรคt von pรคdagogischen Fachkrรคften in Sprechakten diskursanalytisch hervorbringen. Spannend ist dabei, dass Elternschaftskonstruktionen mit geschlechtlichen Positionierungen verknรผpft werden und somit zu fรถrderlichen oder hinderlichen Parametern fรผr pรคdagogische Professionalitรคt konstruiert werden.
In dem darauffolgenden Artikel von Bomert โInteressenartikulation von Migrant*innen im Kontext bezahlter Sorgearbeit im Privathaushaltโ fokussiert unterschiedliche Wissensordnungen: Zum einen die mediale Berichterstattung von migrantischen Carearbeiter*innen und die Sicht der marginalisierten Carearbeiter*innen selbst. In dieser Polaritรคt wird deutlich, dass Machtverhรคltnisse auf unterschiedlichen Ebenen reproduziert werden.
โDas Coming-out zwischen (Selbst-)Ermรคchtigung und Gestรคndnispraxis โ Eine diskursanalytische Betrachtung aktivistischer Coming-out-Diskurse am Beispiel von zwei queeren Jugendzeitschriftenโ ist ein Beitrag von Vogler, in dem analysiert wird, wie Coming-out-Strategien medial verhandelt werden. Dabei werden sowohl kollektivistische Momente analysiert, als auch ein aufschlussreicher Wandel des โrichtigen Wegsโ hinterfragt.
Der folgende Artikel von Grenz beleuchtet das Sagbare. โLet`s (Not) Talk About Sex. Eine Analyse von Unsagbarkeiten in der Debatte um den baden-wรผrttembergischen Bildungsplanโ wird differenziert dargestellt, wie sich Grenzen des Sagbaren zu Politiken des Unsagbaren verschieben. Themen wie โsexuelle Vielfaltโ werden unsagbar gemacht und weichen einer heteronormativen Grundannahme, in der christliche Sexualmoralvorstellungen, flankiert durch konservative bis hin zu Praktiken der Neuen Rechten, im Sprachhandeln abbilden lassen. Dabei spielen vor allem auch antifeministische Positionen eine Rolle.
In โDie mediale Debatte um โsexuelle Vielfalt` als Diskurskampf. Hegemonieanalyse von Pressetexten zur `Petition Bildungsplan`โ von Stoltenhoff kann als logische Folge vom vorangestellten Artikel betrachtet werden. Spannend erscheint der Artikel vor allem, weil die Analyse von Pressetexten als hegemoniale Artikulation fรผr die erziehungswissenschaftliche Diskussion zu Normalitรคt, Heterogenitรคt und Toleranz als Erziehungsziele herausfordert.
Im offenen Teil findet sich ein Artikel von Pangritz mit dem Titel: โMรคnnlich? Weiblich? Divers? Oder doch keine Angabe? Aktuelle Erhebungsalternativen in der quantitativ ausgerichteten Geschlechterforschungโ. In ihrem Artikel wird deutlich, dass die Kritik der Reifizierung von Geschlechtertypisierungen รผberwiegend einer binรคren Logik folgt. Dies aufzubrechen und innerhalb der Fragebogendesigns zu berรผcksichtigen ist, je nach Forschungszuschnitt, essentiell.
Der letzte Teil des Jahrbuches hรคlt sieben Rezensionen bereit, die von theoretischen Erkundungen zum Thema Geschlecht-er denken, รผber Geschlechterhierarchien im Spรคtkapitalismus, hรคuslicher Gewalt oder auch Autobiografische Arbeiten รผber den sozialen Aufstieg in der Wissenschaft ein buntes Potpourri abdecken und das Jahrbuch insgesamt hervorragend abrunden.
Fazit
Das Jahrbuch ist besonders gut fรผr Wissenschaftler*innen geeignet, die sich methodologisch im Feld der Diskursanalyse bewegen und sich mit Fragen der Geschlechterforschung intensiv auseinandersetzen. Nicht nur die Breite der Thematiken macht das Buch besonders, sondern auch die inhaltliche Tiefe der Diskurse, sodass es fรผr Studierende weniger geeignet erscheint, da auf Vorwissen zurรผckgegriffen wird, was insbesondere BA-Studierende mรถglicherweise nicht einlรคdt.
Die Auswahl der Autor*innen weist jedoch darauf hin, dass der akademische Rahmen stark reprรคsentiert ist, was die Idee der Zielgruppe (Leser*innen) unterstreicht.
Lea Eileen Pรถhls –
Der Herausgeberband โDiskusanalytische Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaftโ verfolgt das Ziel, einen Einblick zu geben, welche Themen und zu welchen Methoden und diskurstheoretischen Zugรคngen im Feld der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung gegenwรคrtig gearbeitet wird und welche Beobachtungen sich hierbei machen lassen. Neben methodischen Reflexionen und empirischen Erkundungen umfasst der Band Rezensionen, die ganz unterschiedliche Publikationen diskutieren. Es wird ein Spektrum an Themen aufgegriffen und bearbeitet, wobei sich in vielen der Beitrรคgen Fragen aus empirischen Forschungsprojekten mit theoretischen und methodologischen Diskussionen zur Gegenstandskonstruktion verschrรคnken.
Insgesamt wird die wachsende Bedeutung poststrukturalistischer und diskurstheoretischer Ansรคtze fรผr die wissenschaftliche Geschlechterforschung herausgestellt, die mit dem zunehmenden Einsatz diskursanalytischer Methoden einhergeht.