Inhalt
GENDER โ Zeitschrift fรผr Geschlecht, Kultur und Gesellschaft
3-2019: Gender, Technik und Politik 4.0
Hrsg.: Diana Lengersdorf / Jutta Weber
Schwerpunkt
Bianca Prietl: Die Versprechen von Big Data im Spiegel feministischer Rationalitรคtskritik
Nadine Dannenberg: Queer Surveillance Studies. รberlegungen zu den Schnittstellen von Queer Theory und Surveillance Studies
Hannah Schmedes: Unbestimmtheitsspielrรคume โ Mรถgliche feministische Anschlรผsse an Gilbert Simondons Existenzweise technischer Objekte
Lucy Suchman: Feministische Science & Technology Studies (STS) und die Wissenschaften vom Kรผnstlichen
Offener Teil
Ricarda Drรผeke / Elisabeth Klaus: Die Instrumentalisierung von Frauen*rechten in rechten Diskursen am Beispiel der Kampagne #120db
Brigitte Liebig / Noemi Schneider: To whom it may concern? Grรผndungsfรถrderung und Gleichstellung an Schweizer Fachhochschulen
Maria Sagmeister: Mutterschutz, Papa-Monat und heteronormative Familienorganisation
Johanna Pangritz: Fรผrsorgend und doch hegemonial? Eine empirische Untersuchung zum Verhรคltnis von Mรคnnlichkeit, Feminisierung und Punitivitรคt in pรคdagogischen Kontexten
Rezensionen
Sandra Beaufaรฟs: Inka Greusing, 2018: โWir haben ja jetzt auch ein paar Damen bei unsโ โ Symbolische Grenzziehungen und Heteronormativitรคt in den Ingenieurwissenschaften
Christine Demmer: Ulrike Schildmann/Sabine Schramme/Astrid Libuda-Kรถster, 2018: Die Kategorie Behinderung in der Intersektionalitรคtsforschung. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde
Mira Fey: Heike Mauer, 2018: Intersektionalitรคt und Gouvernementalitรคt. Die Regierung von Prostitution in Luxemburg
Bettina Jansen-Schulz: Uta Klein/Eddi Steinfeldt-Mehrtens (Hrsg.), 2018: Wegbereiter_innen der Gender und Queer Studies. Kartenspiel mit Begleitheft
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Abstracts
Die Versprechen von Big Data im Spiegel feministischer Rationalitรคtskritik (Bianca Prietl)
Im Kontext von Digitalisierung und Datafizierung werden seit einigen Jahren die Potenziale und Risiken eines mit dem Aufstieg von Big Data verbundenen, neuen Wahrheitsregimes diskutiert. Dabei steht die Diskussion, wie Big Data aus feministischer Perspektive einzuschรคtzen ist, noch am Anfang. Der Aufsatz leistet einen Beitrag zu dieser Diskussion, indem er die Versprechen von Big Data, genauer die sich hierin artikulierende erkenntnistheoretische Trias aus Datenfundamentalismus, post-explanativem Antizipationspragmatismus und anti-politischem Solutionismus einer diskurstheoretisch informierten und feministisch inspirierten Rationalitรคtskritik zufรผhrt. Analytisch rekonstruiert werden so die Verflechtungen der kulturellen (Wissens-)Grundlagen von Big Data mit vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Macht- und Herrschaftsverhรคltnissen. Schlรผsselwรถrter: Big Data, Feministische Rationalitรคtskritik, Wahrheitsregime, Diskurstheorie, Machtanalyse
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Queer Surveillance Studies. รberlegungen zu den Schnittstellen von Queer Theory und Surveillance Studies (Nadine Dannenberg)
In digitalisierten, kapitalistischen รkonomien nimmt รberwachung gegenwรคrtig eine ubiquitรคre Stellung ein, deren Formen und Funktionen im Bereich der Surveillance Studies erรถrtert werden. Geprรคgt von einer Tradition gouvernementalitรคtskritischer Theorie stehen dabei vor allem das Verhรคltnis von Privatheit und รffentlichkeit sowie von Un/Sichtbarkeit und Un/Sicherheit im Fokus, die in einer Reihe fundierter Zeitdiagnosen diskutiert werden. Wรคhrend damit ergiebige Symptomanalysen vorliegen, erscheinen sie zugleich hรคufig als merkwรผrdig ursachenblind, was nicht zuletzt darin begrรผndet sein mag, dass queerfeministische Positionen bislang nur wenig Beachtung finden. Im vorliegenden Beitrag wird auf der Basis einer selektiven Literaturstudie der Versuch unternommen, die beiden Theoriestrรคnge zusammenzufรผhren, um so ihre produktiven Potenziale auszuloten, aber auch mรถgliche Probleme herauszufiltern. Schlรผsselwรถrter: รberwachung, Queer Theory, Privatheit, Un/Sichtbarkeit
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Unbestimmtheitsspielrรคume โ mรถgliche feministische Anschlรผsse an Gilbert Simondons Existenzweise technischer Objekte (Hannah Schmedes)
Die Dichotomie zwischen dem Geist oder Intellekt als formgebender Entitรคt und dem als โlebloserโ Materie stigmatisierten Kรถrper hat in der โwestlichen Weltโ eine lange Tradition, die eine starke (zwei)geschlechtliche Konnotation aufweist. Mit dem Material Turn und Theorien des New Materialism war die Mรถglichkeit einer feministischen Aufarbeitung der Relation von Materie und weiblichem Kรถrper bzw. weiblicher Subjektivierungsweisen neu gestellt. Gilbert Simondon, der in den letzten Jahren immer intensiver rezipiert wurde, รผbte in den 1950er-Jahren eine umfassende Kritik des Hylemorphismus, mithilfe dessen ein Kรถrper-Geist-Dualismus sowie eine Hรถherstellung des formenden Menschen gegenรผber der Materie elaboriert wurde. Richtet sich seine Kritik vor allem auf die kulturelle Haltung seiner Zeit gegenรผber der Maschine, so versucht dieser Beitrag mรถgliche Schnittmengen zu feministischen Lesarten von Identitรคt, Geschlecht und Technik zu charakterisieren. Darรผber hinaus soll Simondons Theorie des Unbestimmtheitsspielraums und der offenen Maschine als Inspiration fรผr feministische Kritikรผbung geprรผft werden. Schlรผsselwรถrter: Feminismus, Technik, Maschine, Unbestimmtheit, Materie, Simondon, New Materialism
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Feministische Science & Technology Studies (STS) und die Wissenschaften vom Kรผnstlichen (Lucy Suchman)
Der Beitrag diskutiert gegenwรคrtige Forschung an der Schnittstelle von feministischer Technikforschung und Science & Technology Studies (STS) mit einem Fokus auf aktuelle Entwicklungen im Bereich der โWissenschaften vom Kรผnstlichenโ, wie z. B. der Robotik oder der Kรผnstlichen Intelligenz. In diesen Feldern gewinnen Konzeptionen von Mensch- Maschine-Verbindungen und ihre soziomateriellen Grundlagen neue Brisanz; Grenzen zwischen Natur und Kรผnstlichkeit werden neu verhandelt. Der Text diskutiert feministische Auseinandersetzungen mit Mensch-Maschine- Beziehungen, ihren materiellen und metaphorischen Grundlagen, aber auch in den Technowissenschaften dominante Vorannahmen und Politiken der Differenz. Er stellt die Frage, wie verantwortungsbewusste Wissensproduktion mรถglich ist sowie ein kritischer Austausch zwischen feministischen STS und gegenwรคrtigen Projekten der Technowissenschaften. Schlรผsselwรถrter: Feministische Technikforschung, Science & Technology Studies, STS, Mensch-Maschine, Cyborg, Verantwortung
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Die Instrumentalisierung von Frauen*rechten in rechten Diskursen am Beispiel der Kampagne #120db (Ricarda Drรผeke, Elisabeth Klaus)
In unserem Beitrag steht mit #120db eine โFrauenrechts-Kampagneโ der sogenannten โIdentitรคren Bewegungโ im Fokus. Die Identitรคren, die sich als Teil einer modernen rechten Bewegung inszenieren, nutzen vor allem digitale Medien im Zusammenspiel mit รถffentlichkeitswirksamen Aktionen. Anhand einer Analyse des im Mittelpunkt der Kampagne #120db stehenden YouTube-Videos zeigen wir, wie die angeblichen Forderungen nach Frauen*rechten mit geschlechterbinรคren, rassistischen und antifeministischen Positionen verknรผpft sind. Die zentralen Argumentationsmuster des Videos verorten wir im Rahmen von politischen und medialen Debatten, gesellschaftlichen Diskursen und kulturellen Deutungsmustern. Insbesondere finden sich im Video Bezรผge zu Nationen und Kriegsdiskursen, zu ethnopluralistischen Positionen, zu medialen Inszenierungen im Kontext von Flucht und Migration sowie schlieรlich zu aktuellen Sicherheitsdebatten in รsterreich. Die Ergebnisse zeigen, dass die Inhalte der Kampagne eng mit rechten Ideologien verknรผpft sind, etwa im Hinblick auf vรถlkische und identitรคtspolitische Diskurse. Darรผber hinaus werden Gender, Migration und Gewalt verknรผpft, um rassistische Politiken und Ausgrenzung zu legitimieren. Dies wird von einer De-Legitimierung und Abwertung feministischer Politiken begleitet. Schlรผsselwรถrter: Neue Rechte, Identitรคre, #120db, Rassismus, Sexismus, Medien
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To whom it may concern? Grรผndungsfรถrderung und Gleichstellung an Schweizer Fachhochschulen (Brigitte Liebig, Noemi Schneider)
Im Zuge der Reformen des Hochschulwesens gewinnt die Fรถrderung von wissenschaftsbasierten Grรผndungen an Bedeutung. Erste Erhebungen zur Schweiz zeigen jedoch, dass Akademikerinnen deutlich seltener ausgrรผnden als Akademiker. Das als โLeaky Pipelineโ bezeichnete Phรคnomen ist auch im Bereich von Grรผndungsaktivitรคten an Schweizer Fachhochschulen deutlich erkennbar. Anschlieรend an Perspektiven der Gender- und Hochschulforschung beleuchtet der Beitrag zentrale Voraussetzungen fรผr Grรผndungsaktivitรคten von Frauen an Schweizer Fachhochschulen. Empirische Grundlage bilden eine schriftliche Umfrage aus den Jahren 2017/18 an รถffentlich-rechtlichen Fachhochschulen der Schweiz sowie Interviews mit Gleichstellungsbeauftragten und Grรผndungszentren dieser Hochschulen. Die Ergebnisse zeigen nicht nur, dass Wissenschaftlerinnen kaum als Zielgruppen der Grรผndungsfรถrderung an Fachhochschulen erkannt werden, sondern dass auch kaum spezifische Unterstรผtzungsmaรnahmen fรผr Frauen existieren. Dabei ist das Bewusstsein fรผr den Gender Gap im Bereich Grรผnden bis jetzt gering โ dies gilt gleichermaรen fรผr Grรผndungsverantwortliche wie fรผr Gleichstellungs- und Diversitรคtsbeauftragte der Hochschulen. Schlรผsselwรถrter: Gender, Wissenschaftsbasiertes Grรผnden, Fachhochschulen, Gleichstellungspolitik
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Mutterschutz, Papa-Monat und heteronormative Familienorganisation (Maria Sagmeister)
Dieser Beitrag versucht, den Begriff der Heteronormativitรคt fรผr eine Analyse von arbeitsrechtlichen Elternschutzrechten fruchtbar zu machen. Das Recht stellt die Weichen fรผr die innerfamiliรคre Aufgabenteilung, in dem es fรผr (Geburts-)Mรผtter eine obligatorische Erwerbsarbeitsunterbrechung, fรผr Vรคter und zweite Elternteile hingegen nur freiwillige Zeiten vorsieht. Diese unterschiedliche Behandlung rechtfertigt sich aus den kรถrperlichen Umstรคnden von Geburt, Schwangerschaft und Stillzeit, wirkt sich aber auch auf das Verhรคltnis der Eltern aus, indem sie geschlechtsspezifisch unterschiedliche Handlungsoptionen bereithรคlt und die Arbeitsteilung mitstrukturiert. Darรผber hinaus limitieren auรerrechtliche heteronormative Geschlechternormen die Inanspruchnahme freiwilliger Mรถglichkeiten wie die Elternkarenz durch Vรคter und legen bestimmte Arrangements โ etwa mit dem Verweis auf die Fรคhigkeit von Frauen zu stillen โ nรคher als andere. Schlรผsselwรถrter: Heteronormativitรคt, Mutterschutz, Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, Vรคterkarenz, Gleichheit, Differenz
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Fรผrsorgend und doch hegemonial? Eine empirische Untersuchung zum Verhรคltnis von Mรคnnlichkeit, Feminisierung und Punitivitรคt in pรคdagogischen Kontexten (Johanna Pangritz)
Innerhalb der Diskussion um โmehr Mรคnnerโ in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen werden widersprรผchliche Erwartungen an mรคnnliche Fachkrรคfte gestellt, die in verschiedene, teils diametral entgegengesetzte Mรคnnlichkeitsbilder mรผnden. Dabei zeigt sich eine bestimmte Form fรผrsorgender Mรคnnlichkeit, die gleichzeitig als hegemoniale Mรคnnlichkeit beschrieben werden kann, da sie einerseits punitive Tendenzen aufweist und andererseits durch die Abwertung mittels Feminisierung charakterisiert ist. Diesem Verhรคltnis wird mithilfe einer quantitativen Erhebung unter Studierenden der Erziehungsund Bildungswissenschaften nachgegangen. Die Mediationsanalyse zeigt einen totalen indirekten Effekt. Schlรผsselwรถrter: Hegemoniale Mรคnnlichkeit, Mรคnnliche Pรคdagogen, Fรผrsorgende Mรคnnlichkeiten, Punitivitรคt, Feminisierung
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