Inhalt
Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft
1-2026: Geschlechtergerechtigkeit und Diversität in Wissenschaft und Hochschulen zwischen institutionellem Wandel und Symbolpolitik
Schwerpunktbeiträge
Laura Eigenmann / Patricia Graf / Kathrin Zippel: Wandel, Stillstand, Rückschritt? Akademische Gleichstellungs- und Diversitätspolitik zwischen historischen Errungenschaften, Symbolpolitik und Rollback
Andrea Löther / Mazlum Karataş / Lena Weber: The Challenge of Studying the Institutionalization of Gender Equality in European Research Performing Organizations
Nina Steinweg / Tina Tsoneva: Diversitäts-Governance: Institutionellen Wandel durch rechtliche Rahmenbedingungen ermöglichen
Seda Rass-Turgut: „Happy Points“ ohne Transformation: Migration und Diversität in den Curricula deutscher Sozialarbeitsstudiengänge
Heike Kahlert: Frauen- und Geschlechterforschung in der Universitätsentwicklung zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Ea Høg Utoft / Marieke van den Brink: The New(est) Kid on the Block: The Discursive Politics of Social Safety at Dutch Universities
Magdaléna Michlová: We Have Never Been Safe: Czech Feminist Student Activism Imagining and Doing Academia Otherwise
Forum
Hanna Haag / Annette Hilscher / Janet-Lynn Holz / Anja Mallat / Julia Reuther / Saphira Shure / Eva Tolasch / Ayşe-Nur Yalçınkaya: (Un-)Möglichkeiten von Care in der Hochschule? Selbstreflexionen im Gespräch zum Thema Wissenschaft und Sorge
Leo Wurm: Zwischen Hilfe, Kontrolle und Herrschaft. Ambivalenzen in der Sozialen Arbeit aus (queer-)feministisch materialistischer Perspektive
Mina Mittertrainer / Barbara Thiessen: „Die Frauen kommen aus den Themen raus in die Politik“. Überlegungen zum Zusammenhang von Repräsentation, Ländlichkeit und Geschlechterkulturen
Tagespolitik
Claudia Brunner: Feministischer Militarismus? Geschlecht als Ressource für den Krieg
Saskia Jaschek: Krieg im Sudan: Geschlecht als Konfliktlinie
Emilia Plichta: Unfulfilled Hopes and New Challenges – Gender Equality After the 2023 Polish Elections
Lehre und Forschung
Anica Waldendorf: Politicised Language: Taking Stock of Gender-Inclusive Language Bans (Open Access)
Isolde Karle: Zum Zusammenhang von Bürokratie und Chancengerechtigkeit am Beispiel eines Diskussionspapiers der Leopoldina (Open Access)
Stefanie Nordmann / Susanne Foidl: 25 Jahre Berliner Chancengleichheitsprogramm – Gleichstellung zwischen institutioneller Verankerung, politischer Angreifbarkeit und demokratischer Verantwortung (Open Access)
Christina Benninghaus: Darf’s noch etwas mehr sein? Initiative für ein neues Institut für Geschlechterforschung (Open Access)
Christa Binswanger / Katrin Meyer: Die Charta zu Academic Democracy der Schweizerischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (SGGF) (Open Access)
Rezensionen
Erratum
Petra Debusscher: The European Commission under President Ursula von der Leyen: Gender, Leadership, Policies, and Crises (Gabriele Abels, Johanna Kantola, Emanuela Lombardo, Henriette Müller (Eds.))
Julia Roth: Wer hat Angst vor Gender? (Judith Butler)
Carla Riese: Strittige Geschlechterordnungen. Kämpfe feministischer und LGBTQ*-Bewegungen in Polen und Europa (Jennifer Ramme)
Nicole Kirchhoff: Körper(un)ordnungen. Trans- und interdisziplinäre Perspektiven auf Körperpolitiken, Körpergeschichten und Körperpraktiken (Maria Heidegger, Gundula Ludwig, Caroline Voithofer (Hg.))
Silke Schneider: Rechtsstaat und Patriarchat. Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997 (Hannah Catherine Davies)
Annike Klanke: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess (Manon Garcia)
Einzelbeitrag-Download (Open Access/Gebühr): fempol.budrich-journals.de
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Abstracts
Wandel, Stillstand, Rückschritt? Akademische Gleichstellungs- und Diversitätspolitik zwischen historischen Errungenschaften, Symbolpolitik und Rollback (Laura Eigenmann, Patricia Graf, Kathrin Zippel)
Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Wissenschaft waren noch nie so sichtbar und institutionalisiert und zugleich so umstritten und gefährdet wie heute. Während sich Universitäten und andere Forschungseinrichtungen offiziell zu Gleichstellung und Diversität bekennen, nehmen antifeministische und anti-gender Angriffe zu. Zugleich werden strukturelle Ungleichheiten trotz wachsender formaler Institutionalisierung nur langsam abgebaut, und Gleichstellungsakteur*innen sehen sich mit knappen Ressourcen und internen und externen Widerständen konfrontiert. In diesem Beitrag zeichnen wir die historische Entwicklung akademischer Gleichstellungs- und Diversitätspolitiken in (West-)Deutschland nach und analysieren zentrale Verschiebungen – von Frauenförderung über Gleichstellung hin zu Diversität – sowie die Leerstellen und Ambivalenzen dieser Erweiterung. Wir diskutieren zentrale Spannungsfelder, die mit dem zunehmenden Einfluss neoliberaler Diskurse und Steuerungslogiken, wie dem „New Public Management“ und Exzellenz-Diskursen, auf die Wissenschaft einhergehen. Schließlich stellen wir die Beiträge vor, die ein wiederkehrendes Muster des Auseinanderfallens zeigen: von programmatischen Bekenntnissen und gelebter Praxis, rhetorischer Aufwertung und materieller Ausstattung, oder formaler Institutionalisierung und tatsächlichem sozialem und kulturellem Wandel. Abschließend argumentieren wir, dass eine Doppelstrategie aus der Verteidigung bestehender Errungenschaften und deren kritischer Weiterentwicklung notwendig ist. Schlagworte: Gleichstellung an Hochschulen, Diversität, Wissenschaftliche Exzellenz, Anti-Genderismus
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The Challenge of Studying the Institutionalization of Gender Equality in European Research Performing Organizations (Andrea Löther, Mazlum Karataş, Lena Weber)
Gender equality plans (GEPs) are key instruments in gender equality policy. The past decade has seen the emergence of numerous national initiatives mandating that to be eligible for research funding, organizations must have in place a GEP that meets specific process- and content-related requirements. Since 2022, this eligibility criterion also applies to research funding under the European Union’s Horizon Europe program. Investigating the institutionalization of gender equality through GEPs across European research performing organizations (RPOs) nonetheless remains a methodological challenge. In this paper, we use neo-institutional perspectives and the “theory of change” methodological framework and combine reactive and non-reactive data with aggregated statistical data. Our approach focuses on three key aspects of institutionalization: the degree of implementation of gender equality activities, enabling factors for GEPs, and perceived changes. Our findings suggest that the existence of a GEP favors the institutionalization of gender equality activities in RPOs across Europe; however, national specificities also need to be considered. The findings and the methodological approach will be of value to policymakers, politicians, and researchers. Keywords: gender equality, organization, university, institutionalization
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Diversitäts-Governance: Institutionellen Wandel durch rechtliche Rahmenbedingungen ermöglichen (Nina Steinweg, Tina Tsoneva)
Die Förderung von Diversität an Hochschulen hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Doch trotz zahlreicher Initiativen und Programme bleibt die Umsetzung oft hinter den Erwartungen zurück. Dieser Beitrag untersucht aus einer rechtssoziologischen Perspektive die Potenziale und Grenzen der rechtlichen Steuerung von Gleichstellungs- und Diversitätsstrukturen. Er diskutiert die Notwendigkeit einer transformativen Weiterentwicklung von Hochschulgovernance aus intersektionaler Perspektive und identifiziert die Bedingungen für eine wirksame Partizipation und kollaborative Entscheidungsprozesse. Schlagworte: Diversität, Governance, Hochschule, Recht
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„Happy Points“ ohne Transformation: Migration und Diversität in den Curricula deutscher Sozialarbeitsstudiengänge (Seda Rass-Turgut)
Die vorliegende Studie untersucht mittels computergestützter Textanalyse die curriculare Verankerung von Migration und Diversität in 87 deutschen Sozialarbeits-Studiengängen. Die Analyse dokumentiert systematische Diskrepanzen zwischen institutioneller Rhetorik und struktureller Implementation. Während Diversitätsbegriffe in allen untersuchten Modulhandbüchern präsent sind, zeigt sich eine extreme institutionelle Varianz: Die Häufigkeit reicht von 3 bis 1318 Nennungen pro Institution. Die semantische Netzwerkanalyse offenbart charakteristische Muster: „Inklusion“ dominiert mit 33,8% aller Nennungen, während machtanalytische Begriffe wie „Rassismus“ (10,2%) und „Intersektionalität“ (4,2%) marginalisiert bleiben. Die Konzentration dieser Begriffe in Wahlmodulen bei gleichzeitiger Absenz in Pflichtmodulen konstruiert Diversität als peripheres Zusatzwissen statt als fundamentale professionelle Kompetenz. Zwei leitfadengestützte Interviews mit Professorinnen kontextualisieren die quantitativen Befunde und dokumentieren die Akteurs- und Institutionenabhängigkeit dieser curricularen Marginalisierung. Die Befunde bestätigen Sara Ahmeds These der Non-Performativität institutioneller Diversitätspolitik empirisch und zeigen, wie Diversität zum „happy point“ wird: einem symbolischen Bekenntnis, das als Endpunkt statt als Ausgangspunkt institutioneller Transformation fungiert. Schlagworte: Migration, Diversität, Soziale Arbeit, Hochschulentwicklung
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Frauen- und Geschlechterforschung in der Universitätsentwicklung zwischen Anspruch und Wirklichkeit (Heike Kahlert)
Der Artikel analysiert anhand von Fallstudien zu fünf deutschen Universitäten, wie Frauen- und Geschlechterforschung in Hochschulentwicklungsprozesse unter Bedingungen von New Public Management und neuer Governance eingebunden ist. Im Fokus stehen Spannungen zwischen programmatischem Anspruch (talk) und organisationaler Praxis (action) sowie zwischen Gleichstellungspolitik und Frauen- und Geschlechterforschung. Die Ergebnisse zeigen: Frauen- und Geschlechterforschung wird in strategischen Dokumenten primär als gleichstellungspolitisches Instrument gerahmt und ihre epistemische Relevanz dethematisiert. Ihre faktische Bedeutung für die Universitätsentwicklung hängt stark von ihrer strategischen Nutzbarkeit für Drittmittelakquise und Profilbildung ab. Die Studie liefert differenzierte empirische Einblicke in strukturelle Barrieren und Gelingensbedingungen für ihre institutionelle Verankerung. Theoretisch wird der neo-institutionalistische Ansatz mit feministischen institutionalistischen Perspektiven und Mintzbergs Organisationstheorie erweitert, um die geschlechter- und machtbezogene Strukturierung von Organisationen sichtbar zu machen. Der Artikel legt dar, dass eine nachhaltige Verankerung von Frauen- und Geschlechterforschung nur gelingen kann, wenn wissenschaftspolitische Steuerung ihre epistemische Autonomie sichert und fördert – und plädiert für eine Politik, die sie nicht allein als Gleichstellungsmaßnahme, sondern als eigenständige Wissenschaftsrichtung ernst nimmt. Schlagworte: Frauen- und Geschlechterforschung, Gleichstellungspolitik, Institutionalisierung, Universität
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The New(est) Kid on the Block: The Discursive Politics of Social Safety at Dutch Universities (Ea Høg Utoft, Marieke van den Brink)
In recent years, Dutch universities have increasingly adopted the concept of “social safety” as a distinct policy domain, alongside Diversity, Equity, and Inclusion. Triggered in part by high-profile reports on harassment and misconduct in academia, social safety has emerged as a widely endorsed yet ambiguously defined framework. This study investigates the meanings associated with social safety policy work across eleven Dutch higher education institutions. Drawing on semi-structured interviews with fifteen university employees engaged in social safety tasks, we explore how the concept is understood and operationalised. Our findings reveal a strong conceptual overlap with “inclusion” and ”psychological safety”. However, we also identify critical tensions: the meanings attributed to social safety tends to emphasise individual responsibility detached from power relations anchored in social identities and marginalisation. We argue that social safety, as an evolving and contested policy term, functions as a “floating signifier” shaped by institutional needs and actors, and we call for more intersectional and systemic approaches to ensure its effectiveness. Keywords: Inclusion, Discourse, Academia, Policy
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We Have Never Been Safe: Feminist Student Activism Imagining and Doing Academia Otherwise (Magdaléna Michlová)
This article examines feminist student activism in Czech universities as a form of resistance and institutional reimagination amid the intersecting pressures of neoliberal governance and illiberal anti-gender politics. Based on ethnographic interviews with members of grassroots initiatives addressing gender-based violence, it explores how they navigate the entanglement of market-driven academic reforms, post-socialist political legacies, and transnational anti-gender mobilisation while striving to transform academic cultures from below. Emerging partly in the wake of the global #MeToo movement, these groups confront both gendered harm and the institutional silences that sustain it, challenging the individualistic and competitive norms of neoliberal academia through collective practices and feminist imaginaries. Using framing theory alongside the concept of feminist activist imaginaries, the findings show how activists diagnose structural conditions that render Czech academia hostile to gendered lives, formulate visions of safer academic futures, and sustain motivation through relational practices. By grounding their work in care, solidarity, and collective responsibility, the activists’ efforts illuminate how, even amid neoliberal and illiberal constraints, feminist imagination operates as both method and politics: a way of enduring the present while enacting the possibility of a university otherwise. Keywords: Activism, University, Sexualized Violence, Utopia
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